|
|
|
Die Tempel von Abu Simbel
Die Tempelanlage von Abu Simbel gilt als das bedeutendste Bauwerk Ägyptens,
obwohl sie erst 1813 durch den Schweizer Historiker Johann Ludwig Burckhardt
entdeckt wurde, der an diesem Nilufer gelandet war, um den Tempel von
Nefertari zu besichtigen. Seine Meinung war, daß der Nefertari-Tempel
das einzige antike Bauwerk von Ybsambul sei. Er stieg den sandigen Hang
empor, als er zufällig einen Kopf der in den Felsen gehauen Statuen
sah. Der in der Schlucht heftig wehende Wind hatte den Sand viele Meter
gegen die steinernen Figuren geweht. So wurde Abu Simbel, das mythische
Ybsambul, wiedergefunden.
Wenige Jahre später gelang es Belzoni, den oberen Teil eines Tores
von Sand zu befreien und den Eingang in das Innere des Tempels freizulegen.
Nach Betoni nahmen viele Reisende die Mühen und Unbequemlichkeiten
der nubischen Wüste auf sich, um bis nach Abu Simbel zu gelangen.
Alle waren über die Großartigkeit dieses Bauwerks erstaunt.
Auch Gelehrte trafen sich hier, wie der Italiener Ippolito Rosellini und
Salvatore Cherubini; der französische Zeichner Nestor l'Hote oder
Francois Champollion, der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann,
der ganze Städte wie Troja, Mykene und Tirinto entdeckt hatte und
diesen Tempel als "das gewaltigste Kunstwerk der Welt" bezeichnete.
Die Rettung der Tempel
Ingenieure und Techniker aus der ganzen Welt mußten die gesamte
Tempelanlage retten als die Fluten des Nassersees drohten, die Heiligtümer
für immer zu versenken. Eine riesige Aktion der UNESCO erreichte
schließlich die Rettung der Tempel. Der See stieg bereits unaufhörlich
an als die Entscheidung zur Versetzung gefallen war. Die Bauwerke mußten
zuerst durch einen künstlichen Damm geschützt werden. Dann sind
die monolithischen Tempel in handliche Blöcke zersägt, an einen
sicheren und höheren Platz transportiert und wieder zusammengesetzt
worden. Diese gewaltige Herausforderung wurde am 10. März 1980 mit
einem Festakt besiegelt. Heute sieht man den Bauten die Versetzung kaum
mehr an.
Der Große Felsentempel ist den Göttern
Amun-Re und Re-Harachte geweiht, den Hauptgöttern von Ober- und Unterägypten.
Die Fassade des Felsentempels wurde in den Berg gehauen. Die vier kolossalen
Statuen von dem sitzenden Ramses II. sind die tragenden Säulen der
Fassade, wobei die zweite von links ihren Kopf bei einem Erdbeben um die
Zeitenwende verlor. Er liegt zu ihren Füßen. Die Statuen wirken
trotzt ihrer Höhe von 20 m nicht plump, eher freundlich. Im Bereich
der Beine wurden die Familienmitglieder des Königs dargestellt, nämlich
seine Mutter Tui, seine Lieblingsfrau Nefertari und seine bis dahin geborenen
Kinder. Über dem Eingangsportal wacht eine falkenköpfige Statue.
Der vergöttlichte König Ramses II. ist der eigentliche Herr
des Temples. In der Hohlkehle sind Amun (links) und Re-Harachte (rechts)
abgebildet. Von oben begrüßen Paviane mit erhobenen Armen den
Aufgang der Sonne. Eine Vielzahl von Gefangenen arbeitete an dieser monumentalen
Fassade. Eine kleine Stele mit Widmungen steht vor dem Eingang zum Großen
Tempel.
Im Inneren des Tempels befindet sich im Halbunkel der große Saal,
der Pronaos. Er wird von acht osirischen Pfeilern getragen, die in zwei
Reihen angeordnet sind und Osiris mit den Zügen von Ramses abbilden.
Die linken Kolosse tragen die weiße Krone von Oberägypten,
die rechten hingegen die doppelte Krone. Die Decke des Mittelteils ist
mit dem großen Geier der Göttin Nekhbet, der Schutzherrin Oberägyptens,
ausgeschmückt, der rechte Teil mit einem Sternenhimmel.
Die Wände spiegeln mit ihren prächtigen Verzierungen den militärischen
Ruhm Ramses II. wider. Die interessanteste davon befindet sich an der
Nordwand, wo die verschiedenen Phasen der Schlacht von Kadesh gezeigt
werden. Sie bilden den Abschluß des Feldzugs gegen die Hettiter
im Jahre V der Herrschaft des Pharaos. Das lange epische Gedicht, das
der Hofdichter Pentaur verfasste, ist in Hieroglyphen nicht nur hier sondern
auch an z.B. an den Wänden der Tempelanlagen von Karnak und Luxor
zu finden.
Vom Pronaos aus gelangt man in einen Saal, der von vier quadratischen
Pfeilern gestützt wird. Auf diesen ist der Pharao vor den verschiedenen
Göttern dargestellt. Die Wände zieren liturgische Szenen, darunter
die Barke von Amun-Re, die von Priestern getragen wird, rechts eine ähnliche
Szene von Re-Harachte.
Im innersten des Berges gelangt man schließlich in das Allerheiligste.
An der Rückwand befindet sich die Statue des vergöttlichten
Ramses II., sitzend, zusammen mit Ptah von Memphis, Amun von Theben und
rechts Re-Harachte von Heliopolis. Vor den Götterfiguren steht der
aus dem Fels gehauene, heute aber leere Sockel für das Kultbild.
Einige Forscher, allen voran Francois Champollion, hatten das sogenannte
„Sonnenwunder“ beobachtet. Zweimal im Jahr, bei der Sonnenwende,
durchdringt bei Sonnenaufgang die Sonne die Gesamtlänge des Tempels
und beleuchtet die Statue von Amon, Re-Harachte und des Pharaos. Nach
ca. 10 Minuten verschwindet die Sonne wieder. Besonders auffällig
ist, daß Ptah nie von den Strahlen getroffen wird, er ist nämlich
der Gott der Dunkelheit. Durch eine leichte Winkeländerung beim Wiederaufbau
der Tempel ergibt sich eine Verschiebung um einen Tag gegenüber früher,
als jeweils am 20. die Tempel von der Sonne ausgeleuchtet wurden.
An den Seiten befinden sich weitere acht kleine Räume, in denen
die Abgaben der Nubier aufbewahrt wurden. Abu Simbel bedeutet aber nicht
nur die Glorifizierung von Ramses II.
Der kleine Tempel
Der Pharao ließ für Nefertari den Hathor-Tempel errichten.
Auch wenn sie nicht seine einzige Frau war, so war sie doch sicherlich
die, die er am meisten liebte. Noch nie war in Ägypten die Frau eines
Pharaos in gleicher Größe abgebildet worden. Für sie,
die Große Königliche Ehefrau „Nefertari-mery-en-Mut ließ
Ramses II. diesen Tempel aus feinstem weißen Stein in kleinen, harmonischen
Proportionen in den Felsen hauen. Die sechs zehn Meter hohen Statuen,
mit leicht vorgestelltem linken Bein, scheinen leibhaftig aus dem Fels
hervorzutreten und zum Licht zu gehen. Nefertari ist hier als Hathor,
mit den Hörnern der heiligen Kuh, der Sonnenscheibe und zwei Federn
abgebildet. Die göttliche Weihe von Nefertari wird auch im schlichten
Innern fortgesetzt, einem fast quadratischen Pronaos (Saal) mit sechs
hathorischen Pfeilern in zwei Reihen. Unter dem Kopf der Göttin sind
Begebenheiten aus dem Leben von Nefertari und Ramses eingemeißelt.
Auch die Wände dieses Raumes sind verziert mit den üblichen
Szenen, in denen der kriegerische König die Gefangenen opfert und
tötet. Man gelangt von hier aus in den Vorraum. Dahinter befindet
sich das Sanktuar oder Heiligtum, in dem der Pharao die Göttin Hathor
ehrt, die identisch ist mit seiner Frau. Die Göttin, die als heilige
Kuh zwischen zwei Pfeilern dargestellt wird, scheint sehr effektvoll aus
dem Fels herauszukommen.
Die Errichtung dieses Tempels ist ein überaus menschlicher und zärtlicher
Akt der Liebe des großen Pharao für seine Frau Nefertari.
|