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Albrecht von Johansdorf
1
Guote liute, holt
die gâbe, die got, unser herre, selbe gît,
der al der welte hât gewalt.
dienent sînen solt,
der den vil saeldehaften dort behalten lît
mit vröiden iemer manecvalt.
Lîdet eine wîle willeclîchen nôt
vür den iemermêre wernden tôt
got hât iu beide sêle und lîp gegeben.
gebt ime des lîbes tôt, daz wirt deme lîbe ein iemer
leben.
2
Minne, lâ mich vrî!
du solt mich eine wîle sunder liebe lân.
du hâst mir gar den sin benomen.
kumst du wider bî,
swenne ich die reinen gotes vart volendet hân,
sô wis mir aber willekomen.
Wilt aber dû ûz mînem herzen scheiden niht
- daz vil lîhte unwendic doch beschiht -,
vüere ich dich danne mit mir in gotes lant.
sô sî er der guoten dort umb halben lôn gemant.
3
›Ôwê‹, sprach ein wîp,
›wie vil mir doch von liebe leides ist beschert!
waz mir diu liebe leides tuot!
vröidelôser lîp,
wie wil du dich gebâren, swenne er hinnen vert,
dur den du waere ie hôchgemuot?
Wie sol ich der werlde und mîner klage geleben?
dâ bedorft ich râtes zuo gegeben.
kund ich mich beidenthalben nû bewarn,
des wart mir nie sô nôt. ez nâhet, er wil hinnen varn.‹
4
Wol si, saelic wîp,
diu mit ir wîbes güete gemachen kan,
daz man si vüeret über sê.
ir vil guoten lîp
den sol er loben, swer ie herzeliep gewan,
wande ir heime tuot alsô wê,
Swenne sî gedénkèt an sîne nôt.
›lebt mîn herzeliep oder ist er tôt,‹
sprichet sî, ›sô müezè sîn pflegen,
dur den er süezer lîp sich dirre welte hât bewegen.‹
Übersetzung:
1
Edle Hofleute, holt / die Gabe, die Gott, unser Herr, selbst gibt, / der
die Herrschaftsgewalt über die ganze Welt hat. / Erwerbt mit Dienst seinen
Sold, / der den zu höchster Glückseligkeit Bestimmten dort bereit liegt
/ als ewige, vielfältige Freude. / Leidet eine Weile willig bedrängende
Not / als Mittel gegen den immerwährenden Tod. / Gott hat euch Seele und
Leib gegeben. /Gebt ihm den Tod des Leibes, das gereicht dem Leib zum
ewigen Leben.
2
Minne, laß mich frei, / du sollst mich eine Zeitlang ohne Liebesbindung
(leben) lassen. / Du hast mir den Verstand ganz und gar genommen. / Kommst
du wieder zu mir, / wenn ich die lautere Gottesfahrt vollendet habe, /
so sei mir abermals willkommen. / Willst du dich aber nicht aus meinem
Herzen wegbewegen, / - was vielleicht doch unabwendbar geschieht - / (und)
führe ich dich dann mit mir in Gottes Land, /dann sei er (d. i. Gott)
dort an den halben Lohn für die Vollkommene (d. i. die Dame) gemahnt.
3
»Ach«, sprach eine Frau, / »wieviel Leid ist mir doch durch die Liebe
beschert! / Was mir Liebe an Leid antut! / Freudlose, / wie willst du
dich verhalten, wenn er sich wegbegibt, / (er), durch den du immer hochgestimmt
warst? / Wie soll ich für die Gesellschaft und für meine Liebesklage gleichzeitig
leben? / Dazu bedürfte ich des Rates: / Daß ich in beiderlei Hinsicht
meine Pflicht erfüllen könnte, / das war noch niemals so bedrängend notwendig
für mich. Es naht der Augenblick, da er wegziehen will!«
4
Gesegnet sei sie, die glückselige Frau, / die durch ihre.Vollkommenheit
bewirken kann, / daß man sie mit auf Kreuzfahrt führt; / ihre absolut
vollkommene Person, / die soll der rühmen, der jemals Herzensneigung
erfahren hat, / denn ihr, die daheim zurückbleibt, tut so weh, / wenn
sie an seine Bedrängnis denkt. / »Lebt mein von Herzen Geliebter, oder
ist er tot?«, sagt sie, »dann möge sich der seiner annehmen, / um dessentwillen
er, der Geliebte, diese Welt aufgegeben hat.«
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