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Gumppenberg
Hanns von
Goethes “Weder-Weder”
und
Schillers “Noch-Noch”
Zwei
Weimarer Festvorträge
von Professor Dr. Immanuel Tiefbohrer
Vorwort
Nachstehende in Weimar
gehaltene Gedächtnisreden, die erst nur ihrem
besonderen Zwecke dienen sollten, haben bei dem erlesenen Auditorium
ein so ungewöhnliches Interesse gefunden, daß ich dem Drängen
mehrerer Fachgenossen nachgebe und sie hiermit auch der weiteren
Öffentlichkeit zugänglich mache. Es mag dies auch insoferne nicht
unberechtigt erscheinen, als die eine der beiden aufschlußreichen
Textstellen bisher noch nicht in ihrer ganzen schwerwiegenden Bewertung
gewürdigt, die andere aber seltsamerweise überhaupt noch jeder
wissenschaftlichen Beachtung entgangen war.
Weimar, im Wonnemond
19...
Dr. Immanuel Tiefbohrer
II.
Schiller-Gedächtnisrede,
gehalten am 9. Mai.
Hochgeehrte Versammlung!
Als ich im März die
Auszeichnung hatte, Ihnen Goethes "weder - weder" in
seiner ganzen Bedeutsamkeit und in der Fülle seiner ästhetischen
Begründungen darzulegen, ahnte ich nicht, daß mir mit fast
beschämender Einstimmigkeit auch die Rede für den heutigen
Gedächtnistag unseres herrlichen Friedrich Schiller anvertraut werden
sollte.
Noch weniger aber
ahnte ich, daß sich mir für diesen meinen zweiten
Versuch, einem Großen gerecht zu werden, völlig unverhofft, ja wie durch
höhere Fügung ein Gegenstand bot, der die Aufeinanderfolge dieser
beiden Vorträge noch in weit höherem Maße rechtfertigen kann, als es die
mich so tief bewegende Wertschätzung meiner bescheidenen Kräfte an
sich vermöchte. Denn dieser Gegenstand schließt sich nicht nur aufs
innigste an das Thema meiner Ausführungen am verflossenen Goethe
Gedächtnistage an, er bedeutet auch geradezu eine notwendige
Ergänzung zu dem damals Gesagten, und zwar im Sinne jener
geheimnisvollen inneren Gewißheit, die uns die geliebten Dichter
Dioskuren gar nicht anders vorstellen läßt als wie unser heimisches
Denkmal sie zeigt: verschiedenen, ja gegensätzlichen Wesens, aber
Schulter an Schulter in Ebenbürtigkeit vereint! Es war vor fünf Wochen,
am ersten April nachmittags nach 4 Uhr - ich stelle den Zeitpunkt mit
möglichster Genauigkeit fest, weil ich die Entdeckung, von der sogleich
die
Rede sein soll, historisch für mich in Anspruch nehmen muß -, es war also
am 1. April, 4 Uhr 15 Minuten nachmittags, da durchblätterte ich in
Überlegung eines geeigneten Themas für die heutige Gedächtnisrede
auch den zweiten Akt von Schillers glutvollem Jugenddrama "Don Carlos".
Und da wurde mein Auge plötzlich auf eine Dialogstelle jenes zehnten
Auftritts zwischen Domingo und Alba gelenkt, die ominöser Weise beginnt:
"DOMINGO
Was wollen Sie mir
sagen?
ALBA
Eine wicht'ge
Entdeckung, die ich
heut' gemacht.."
als ob der große
Dichter hier schon prophetisch auf die Entdeckung hätte
hinweisen wollen, die mich selbst in jener gesegneten Stunde beglücken
sollte! Auf die Frage Albas, wer es auf sich zu nehmen habe, den König
über die erotische Relation zwischen seiner Gemahlin und dem Infanten
aufzuklären, läßt Schiller nämlich den Domingo erwidern: "Noch Sie,
noch
ich"--!
Ich sehe, meine Damen
und Herren: die Wucht dieser Enthüllung übt auf
Sie zunächst ganz dieselbe fast schreckhaft lähmende Wirkung aus wie
auf mich in jenem geschichtlichen Augenblick. Aber wie es mir geschah,
sobald ich imstande war, mir über die außerordentliche Erscheinung klarer
zu werden, so werden auch Sie, meine verehrten Damen und Herren, an
der Hand meiner Erläuterungen alles erschreckend Befremdliche von
diesem Phänomen abfallen sehen, Sie werden überzeugt werden, daß es
sich nicht etwa um einen Widerspruch gegen die Feststellungen meiner
letzten Goethe-Gedächtnisrede handelt, sondern daß uns vielmehr in
dieser Schillerschen Textstelle und ihrer geheimnisreichen Beziehung zu
dem "weder - weder" Goethes eine unerhörte Offenbarung über
unser
teures Dichterheroenpaar geschenkt ist: und auch Sie werden sich in
freudiger Ergriffenheit sagen, daß etwas, was ich philologische Vorsehung
nennen muß, dieses Gnadengeschenk nur einem Weimarer Forscher
anvertrauen konnte, damit es, wie allein recht und billig, von unserer
geliebten Klassikerstadt aus seine segensreichen Wirkungen verbreite!
Meine verehrten Damen und Herren! Schon zu jener Zeit, da die beiden
Dichterfürsten noch auf diesem durch sie geweihten Boden wandelten,
Goethe mit dem breiten Tritt ruhvollen Behagens, Schiller aber in einer
Gehweise, die ihn bei aller Energie des Auftretens immer auch elastisch,
gleichsam auf Schwingen des Ideals halb zu den Sternen emporhob
schon zu jener begnadeten Zeit, sage ich, litt die Welt unter der bangen
Unentschiedenheit des Streites, welcher von den beiden Dichtern der
größere sei. Welch hohe Bedeutung auch Goethe dieser Frage beimaß,
erhellt aus der bekannten Tatsache, daß er Eckermann gegenüber
ausführlich darauf zu sprechen kam; aus seiner ausweichenden
Bemerkung aber, die Nation möge den Streit nicht weiter verfolgen und
sich nur freuen, "zwei solche Kerle zu besitzen", spricht vernehmbar
der
quälende Schmerz, daß das Problem nicht zu lösen sei: und die Folgezeit
schien dieser Resignation auch durchaus recht zu geben. Heute aber,
meine Damen und Herren, wissen wir auf Grund jener parallelen
Textstellen, die bei Goethe wie auch bei Schiller die größte dichterische
Kraft in einem kleinsten und feinsten Punkte gesammelt zeigen, daß
keiner dem andern etwas nachgab!! Schon in meiner Goethe
Gedächtnisrede habe ich mit gebührendem Nachdruck darauf
hingewiesen, wie Gretchens "weder - weder" den Dichter in jener
totalen
Unabhängigkeit von der profanen Grammatik zeigt, die das sicherste
Symptom des überragenden und beherrschenden Genius ist; nun denn:
Domingos "noch - noch" zeigt auch Schiller im Besitze dieser
überragenden und beherrschenden Genialität, und zwar, als hätte die
Vorsehung uns diese Einsicht ganz besonders erleichtern wollen, an
genau demselben sprachlichen Beispiel! Hinter Goethe wie hinter Schiller
lag hier das Gemeine in wesenlosem Scheine, und zwar hinter jedem
gleich weit! Auch der Verdacht, daß Goethe durch die Schillersche
Textstelle, oder Schiller durch die Goethesche erst zu einem bezüglichen
Wetteifer entflammt worden wäre, auch dieser schon an sich unwürdige
Verdacht läßt sich literarhistorisch sofort entkräften, findet sich doch
das
"weder - weder" Goethes bereits im Urfaust, den Schiller noch
nicht
kannte, als er im Jahre 1783 mit fester Hand sein "noch - noch"
in den
"Don Carlos" setzte. Nein: völlig unabhängig von einander bewährten
die
beiden Großen an demselben Gegenstand dieselbe freie Meisterschaft!
Aber - und dies führt in die tiefsten Mysterien des individuellen Schaffens
-
aber jeder von den beiden Heroen bewährte sie in seiner besonderen
Weise, in der Form, die allein seiner künstlerischen Persönlichkeit und
der
ihr vorliegenden dichterischen Aufgabe entsprach. Wir haben seinerzeit
gesehen, aus welchen zwingenden Gründen Goethe das "weder - weder"
auch dem "noch - noch", das sicher auch durch seine Seele ging,
vorziehen mußte: und heute, meine verehrten Damen und Herren, werden
wir sehen, aus welchen nicht minder zwingenden Gründen Schiller
seinerseits gar nicht anders schreiben konnte als " noch - noch"!
Da ist denn vor allem
hinzuweisen auf Wesen und Richtung der
Schillerschen Produktion im allgemeinen. Während Goethes beschaulich
umfassende Universalität das Dramatische nur mit einschloß als eine
dichterische Ausdrucksform neben vielen anderen, deren er sich bediente,
war Schiller, wie wir ja alle wissen, in erster Instanz Dramatik er. Zu
den
entscheidendsten Erfordernissen der dramatischen Kunst zählt aber die
möglichste Knappheit des sprachlichen Ausdrucks. Als sich auch für
Schiller in jenem Augenblicke der Produktion intuitiv die allgemeine
Notwendigkeit ergab, die Fesseln der Vulgärgrammatik zu sprengen,
mußte er daher sofort auch die zweite Notwendigkeit fühlen, den
Sprachgebrauch nach Seite der konzisen Zusammendrängung zu
verbessern.
Schon aus diesem Grunde
kam für ihn nur mehr das "noch" in Betracht,
nicht aber das breiter ausladende "weder". Dabei konnte sich
ihm nicht
wie Goethe das ernste Bedenken entgegenstellen, mit dem zweisilbigen
"weder" auch den Wetteifer mit den altklassischen Vorbildern
"neque" und
[...] zu verabsäumen; wissen wir doch heute, daß die Klassizität
Schillers
im Grunde weit mehr auf dem starken Einflusse der Klassiker des
französischen Dramas, namentlich auf dem Einflusse Racine's beruhte.
Die französische Sprache aber gibt in dem fraglichen grammatikalischen
Falle nur ein ebenso einsilbiges "ni - ni" von sich, das obendrein
mit dem
"noch - noch" den Konsonanten "n" gemeinsam hat: so
daß also Schiller
durch sein klassisches Vorbild in der Entscheidung für das "noch
- noch"
nur bestärkt werden konnte.
Sieht man aber genauer
zu, so geboten Schiller auch noch andere,
künstlerisch-speziellere Gründe mit aller Entschiedenheit die Wahl des
"noch - noch". Vergegenwärtigen Sie sich zu diesem Behufe den
betreffenden Auftritt des Carlos-Dramas. Der finstere Alba und der
schwarze Domingo stehen beisammen, mächtiges Unheil brütend. Dieser
tiefdüsteren Färbung des Auftritts mußten auch die Laute der ersten,
knappen Worte von Domingos Antwort auf Albas Frage möglichst
entsprechen, und zwar vor allem in ihren Vokalen. Diese Vokale mußten
also möglichst dunkel sein, um so mehr, als der helle I-Laut in "Sie"
und
"ich" nicht zu vermeiden war: die gleichfalls sehr hellen Vokale
des "weder
- weder" hätten die ganze Stimmung der Szene vernichtet, und auch
das
profan korrekte "weder Sie, - noch ich" hätte da so gut wie
nichts
gebessert, weil es gerade am Beginne der Antwort gleich drei der hellsten
Vokale gebracht hätte, gegen deren Lichtfülle das vereinzelt
nachhinkende dunkle "noch" gar nicht mehr erfolgreich hätte
ankämpfen
können. Als einzig künstlerische Möglichkeit blieb daher unserem Schiller
nur mehr das "noch - noch" übrig, das obendrein den unschätzbaren
Vorteil bot, Domingos Antwort gleich mit dem tiefdunklen O-Vokal zu
beginnen und hiermit die charakteristisch düstere Wirkung des Auftritts
suggestiv zu erzwingen. Dabei ist auch sehr zu beachten, daß die
Vokalfolge "o - o" in "noch - noch" zugleich der nämlichen
Wiederholung
des O-Vokals in dem dumpf dröhnenden Namen "Domingo" völlig
entsprach, so daß "noch - noch" auch zugleich die Nachtgestalt
von
Philipps furchtbarem Beichtvater sozusagen in einem intensiv
tonmalerischen Symbol wiedergibt; ferner, daß sich in diese Vokalfolge
"o-
o", die ja rein klanglich auch als "oh, oh" gedeutet werden
kann, zugleich
auch die ganze ethische Mißbilligung des Dichters selbst flüchten und
suggestiv dem Publikum sich mitteilen konnte! Aber auch die Konsonanten
des "noch - noch" waren hier geeignet, der höchsten künstlerischen
Vergegenwärtigung zu dienen. Der lichtscheue schleichende Mönch, der
in feuchtkalt-finsteren Kloster-, Kapellen- und Grufträumen aufgewachsen
ist, konnte sich sicher keiner intakten Atmungsorgane und Stimmbänder
erfreuen, ein chronischer Rachen- und Kehlkopfkatarrh war bei ihm mit
aller Bestimmtheit anzunehmen, und dieser Rachen- und Kehlkopfkatarrh
bedingte eine heiser keuchende Sprechweise. Wie aber hätte dieses
heisere Keuchen Domingos dem Schauspieler näher gelegt werden
können, wie auf zuverlässigere Art von ihm erzwungen werden als durch
Schillers wundervolles "noch - noch", das den rauh keuchenden
und
fauchenden Rachenlaut "ch" zweimal kurz hintereinander bringt
und durch
das dritte "ch" des unmittelbar darauf folgenden Wortes "ich"
sogar noch
gewaltig verstärkt wird? Aber die eminente persönlichkeitmalende Kraft
des "noch - noch" ist damit noch nicht erschöpft; auch in seiner
vokalisch-
konsonantischen Gesamtheit diente es diesem Zweck, und zwar in bezug
auf die allgemeinere Körperbeschaffenheit Domingos. Daß der intrigante,
von Fanatismus und Streberei verzehrte Mönch sich einer behäbigen
Wohlbeleibtheit erfreut haben könnte, muß ausgeschlossen erscheinen;
man kann sich seine Gestalt nur in dürrknochiger Hagerkeit vorstellen.
Und nun, meine verehrten Damen und Herren, lassen Sie an Ihre
akustische Einbildungskraft noch einmal die Schallwellen des "noch
-
noch" schlagen! Deutlich werden Sie jetzt auch heraushören: "Knochen
-
Knochen!" Ja, meine Damen und Herren, - auch die dürren Knochen
Domingos hört man klappern in diesem unerhört plastischen, malerischen,
musikalischen, die Situation wie die Persönlichkeit erschöpfend
schildernden "noch - noch"!
Was vor allem, hochverehrte
Versammlung, macht den großen
Dramatiker? Äußerste Knappheit und Schlagkraft des Ausdrucks, restlos
eindringliche Zeichnung der vorgeführten Gestalten! Beides bewährte, wie
wir sahen, unser Schiller mit seinem "noch - noch"; immanente
Notwendigkeit nötigte ihn zu der Neubildung, genau dieselbe immanente
Notwendigkeit des Genius, die Goethe aus ganz anderen Gründen zur
Erschaffung des "weder - weder" zwang! Die Verschiedenheit
des
künstlerischen Zwecks forderte die Verschiedenheit der Form: aber
Vollkommenheit, Erfüllung sämtlicher Gebote der Kunst bewundern wir
hier wie dort. Meine verehrten Damen und Herren! Beseligt durch diese
Erkenntnisse lassen Sie uns jetzt im Geiste noch einmal andachtsvoll vor
das gemeinsame Bild der Dioskuren, vor unser geliebtes heimisches
Denkmal treten! Da sehen wir den einen und einzigen Lorbeerkranz von
beiden erfaßt: und wir erkennen in diesem Lorbeer die ruhmreiche
Verwandlung des vulgären "weder - noch" in eine Form von reinster
und
freiester künstlerischer Bedeutung. Aber wir sehen auch, wie Goethes
Hand in ihrer ganzen Breite auf dem Kranze ruht, während Schiller ihn
nur
mit halber Hand berührt: und es ist uns, als sähen wir in dieser
Differenzierung schon Goethes breites, vierfüßiges "weder - weder"
und
Schillers dramatisch knappes, zweifüßiges "noch - noch" zum
Ausdruck
gebracht, wie durch vorahnende Eingebung des großen Bildhauers.
Staunende Ehrfurcht
läßt uns verstummen; in unseren Herzen aber klingt
der Jubelruf: Weder noch Goethe, noch weder Schiller - nein, so wohl als
auch Schiller, als auch sowohl Goethe ist unser Größter!
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