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Kotzebue
August von
Der arme Poet
Erste Scene. “Der Schöpfung Meisterstück, der Mensch?“ – Nein, das geht nicht – es gibt keinen Reim auf Mensch. – Er ist ein u n g e r e i m t e s Geschöpft (steht auf) – Überhaupt wollen die Verse heute nicht recht fließen. Daran mag wohl der Fasttag Schuld sein, den ich gestern wider meinen Willen feierlich begehen müssen – und heute die Nüchternheit – Wenn ich noch an meinen reichen Pflanzer in Surinam denke, der das Unglück hatte, nie hungrig zu sein – da bin ich doch weit glücklicher, mich hungert immer. Bisweilen will es wohl einmal zu viel werden, aber ich bleibe gesund dabei und möchte doch mit dem reichen Pflanzer nicht tauschen, der seine Sclaven quälte und seine arme Tochter – – still! Still, du ärmster Lorenz! Daran darfst du nicht denken! Nicht eher bis dir einmal wieder ein Leichencarmen aufgetragen wird, die gerathen dann am besten. Susanne (hinausredend). Fort, Bube! Du hast das Tuch gestohlen. Danke Gott, daß ich eine so mitleidige Person bin; ich sollte dich in’s Zuchthaus liefern. (Sie schlug brummend die Thür zu und setzt ihren Regenschirm bei Seite). Lorenz. Ei, ei Frau Susanne, auf wen
so böse?
Dritte Scene. Hm! Hm! Hm! Das ist nicht gut. Die Frau hat freilich
Recht, sie verlangt ihr Geld. Aber ich habe auch Recht, daß ich sie
nicht bezahle, denn
ich habe keins. Na, nu, es wird schon kommen und mehr als ich brauche.
Denn erstens der Pudel, der kann doch nicht lange mehr leben. Zweitens
die Neujahrswünsch3e, wir haben bald Weihnachten. Drittens wird
der lahme Schneider, mein alter Gönner, nun nächstens taufen
lassen; was gilt’s, da bekomm’ ich die Gevatterschaft zu
schreiben. O meine liebe Frau Susanne! Sie wird sich wundern über
meinen Reichthum. – Sie meint’s auch nicht so böse;
im Grunde sind doch alle Menschen gut; man erfährt’s nur bisweilen
nicht eher bis sie sterben; aber man darf nur die Todesanzeigen lesen
: lauter edle, vortreffliche Menschen! Die Condolenzen werden verbeten. – Was
krabbelt denn da an der Thür? Ich glaube, es klopft Jemand. Herein! Vierte Scene. Therese (schüchtern
hereintretend). Um Verzeihung – ich suche – (sie
betrachtet flüchtig die Stube) Nein, das ist nicht möglich! Therese. Sie sind zufrieden? Lorenz. Mit meiner Lage? o ja. Was fehlt mir denn? Therese: Es gibt noch andere, tägliche Bedürfnisse. Lorenz. Essen und Trinken, freilich, damit ist man bisweilen ein wenig genirt; besonders mit dem Essen, denn Wasser gibt's genug. Aber man gewöhnt sich an Alles. Die reichen Leute glauben, wenn sie nicht täglich drei bis viermal speisten, so müßten sie zu Grunde gehen. Possen! ich wie Sie mich hier sehen, habe jetzt in sechsunddreißig Stunden keinen Bissen zu mir genommen, und bin doch ganz wohlgemuth. Der Magen bellt, aber der Kopf ist heiter. Therese. Wie, Herr Kindlein! Sie haben in so langer Zeit – Lorenz. Gibt's dann wieder einmal Etwas, so schmeckt's desto besser. Therese. Sie haben unfreiwillig – Lorenz. O, das kommt wohl bisweilen. Nun, mein schönes Mamsellchen, was steht denn zu Ihren Diensten? Bei diesem schlechten Wetter haben Sie sich bemüht? Muß wohl pressant sein? – Befehlen Sie, wenn ich dienen kann mit meiner geringen Kunst, ich arbeite schnell. Therese. Sie haben Recht – das Wetter ist sehr unfreundlich – und ich bin zu Fuße weit hergekommen – das hat mich so ermüdet – ich war noch nüchtern als ich ausging – mir ist so – wie soll ich es nennen – Lorenz. Flau geworden? Therese. Ja, Herr Kindlein, und ehe ich mein Anliegen vortrage, würden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie mir einige Erfrischungen verschaffen könnten. Lorenz. Erfrischungen? Ja mein werthes Mamsellchen, mit Versen kann ich aufwarten, aber – Therese. Wohnt hier kein Restaurateur in der Nähe? Lorenz. O ja, dicht hier neben an. Der Mann gewährt meiner Nase bisweilen sehr erquickende Genüsse, und die hab' ich umsonst. Therese. Dürfte ich Sie wohl bitten – aber Sie müssen mir's nicht verübeln. Lorenz. Was denn, mein schönes, freundliches Mamsellchen? Therese. Wenn Sie mir von Ihrem Nachbar ein Frühstück kommen ließen, und eine Flasche guten alten Wein. Lorenz. O, das sollen Sie haben, der Mann ist zu jeder Stunde bereit. Therese. Bedienen Sie sich meines Regenschirms. Lorenz. Ei was, die paar Schritte. Der Regen erfrischt. Ich bin den Augenblick wieder bei Ihnen (Ab.)
Fünfte
Scene. Mein Vater! – ist er's? – Der Name trifft zu – auch das genügsame, kindliche Gemüth, wie man mir's beschrieben hat. – Aber diese Armuth – dieser Mangel am Nothdürftigen – mein Herz empört sich, ihn mir so zu denken! Während ich im Ueberflusse aufgewachsen, hat mein armer Vater – gehungert! – Ach! ich konnt' ihm ja nicht helfen!
Lorenz. Da bin ich schon wieder, und gleich hinter mir her kommt der Kellner mit einem gebratenen Hühnchen und einer Flasche Wein. Die Leute machten große Augen als ich Beides forderte, und sahen mich ein wenig spöttisch an. Nu, ich kann ihnen Das nicht verdenken; bei mir wird sonst nicht so vornehm geschmaust. Kellner. Da bring' ich das Bestellte. Aber mein Herr hat mir befohlen, es nicht eher abzuliefern, bis ich Geld sehe. Zwei Gulden für das Essen, drei Thaler für den alten Rheinwein. Lorenz (bei Seite). Lieber Gott! davon könnte man drei Monate leben. Therese. Hier ist die Bezahlung, und hier auch ein Trinkgeld für Seine Mühe. Kellner. Großen Dank! wünsche guten Appetit. (Ab.) Lorenz (bei Seite). Wem wünscht er Appetit? doch nicht mir? Therese. Wollen Sie sich nicht zu mir setzen? Lorenz. Erlauben Sie, ich werde stehen und Sie bedienen. Therese (schenkt ein). Ein Glas Wein werden Sie doch nicht verschmähen? Lorenz. Verschmähen? Das hat Bacchus noch keinem Poeten nachzusagen. Therese. Nehmen Sie es aus meiner Hand. Lorenz. Auf Ihr Wohlergeh'n! (Er trinkt.) Therese (bei Seite). Ehre deine Eltern, daß es dir wohlgehe auf Erden! Lorenz. Wie Feuer! weiß Gott wie Feuer! ich habe lange keinen Wein getrunken. Therese (schenkt). Noch ein Glas. Lorenz. Es möchte zu viel werden. Therese. Haben Sie Niemanden, der Ihnen angehört, auf dessen Wohlergehen Sie noch trinken möchten? Lorenz. Niemanden ! – ich bin ganz allein! Therese. Auch keine Erinnerungen? Lorenz. Erinnerungen? – o ja, die hab' ich! sehr liebe – aber auch sehr schmerzliche – Therese. Nun so trinken Sie. Lorenz (nimmt das Glas und spricht mit Wehmuth). Den Ruhenden unter dem Grase sei freundlich ein Becher gebracht! (Er trinkt.) Therese (bei Seite). Er ist's! Lorenz. Es ist doch ein köstliches Ding um einen guten Wein! – selten genossen – selten. Da sei das arme Herz noch so zusammen geschrumpft – es dehnt sich aus. Therese (sieht ihn bewegt an). Lorenz. Aber Mamsellchen, Sie essen ja nicht? Es scheint doch recht gut zubereitet zu sein. Therese. Ich habe in den Wein genippt und das hat mich sehr erfrischt. Ich kann nicht mehr essen. Wenn ich Ihnen das Huhn anbieten dürfte – Lorenz. O ich bitte. Therese. Der Kellner würde es doch nur wieder wegtragen – Lorenz. Freilich, aber – Therese. Sie würden mir eine Freude machen, gewiß eine große Freude. Lorenz (dessen Bescheidenheit mit dem Hunger kämpft). Wenn Sie befehlen, so will ich wohl ein Flügelchen – (Er setzt sich und ißt Anfangs furchtsam, dann immer hastiger.) Man muß gestehen, mein Nachbar versteht seine Kunst – ach Gott! es schmeckt außerordentlich gut! Therese (bei Seite). Gibt es auch eine größere Wollust auf Erden, als die, einen armen Vater zu speißen? Lorenz (erschrocken). Verzeihen Sie, da hab' ich in der Zerstreuung auch die Brust verzehrt. Therese. Essen Sie, lieber Herr Kindlein, trinken Sie noch ein Glas Wein dabei. Sie bedürfen der Stärkung – Sie werden ihrer bedürfen – ich will Ihnen unterdessen erzählen, was mich hergeführt. Lorenz. Ja thun Sie das. Wenn ich auch noch ein wenig essen sollte, ich werde doch aufmerksam zuhören. Therese. Ich bin eine Fremde – erst gestern angekommen – und nähre die süße Hoffnung, hier eine Person wieder zu finden, die ich zwar noch nie gesehen, die mir aber über Alles theuer ist! Lorenz. Nun, Gott erfülle Ihre Hoffnungen! Therese. Ich suche einen Vater – der mich nicht kennt – nicht einmal weiß, daß ich auf der Welt bin. Lorenz. Ei, er wird sehr glücklich sein, wenn er es erfährt. Therese. Ich wünschte mir ein Gedicht – ein wehmüthig fröhliches Gedicht – a n d i e H o f f n u n g . Lorenz. Ach ja, die Hoffnung! sie wird eine Himmelstochter genannt, vermuthlich weil sie zu manchen Zeiten nur im Himmel wohnt. Therese. Wollten Sie mir wohl ein solches Gedicht verfertigen? Lorenz. Mein gutes Mamsellchen, Sie thut
mir da zu viel Ehre an. Freilich, wenn man solchen Wein getrunken hat – aber
ich mache sonst nur Gelegenheitsgedichte. Siebente Scene. Susanne. Ei du mein Gott! was erblicken meine Augen! hat mir der Bursche doch die Wahrheit gesagt! ich wollt's nicht glauben. Begegnet mir der Kellner vom Nachbar und grüßt mich an und spricht: ich sollte nur heim gehen, da würd' ich eine saubere Wirthschaft finden und mein blaues Wunder sehen. – Ei was denn? frage ich und denke noch immer nichts Arges. Der Herr Poet mit einem Jüngferchen, Gott steh' mir bei! thun sich gütlich, sind lustig und guter Dinge. Lorenz. Ja, meine liebe Frau Susanne, ich bin lustig und guter Dinge; das macht der herrliche Wein. Susanne. So? Wein kann Er trinken? aber die Wäsche bezahlen, das kann Er nicht? he? Lorenz. Ich habe ja den Wein nicht bezahlt. Die liebe Mamsell – Susanne. Eine l i e b e Mamsell! ja eine recht charmante Mamsell! Nu! das wäre mir eben recht! Ich bin eine honnete Frau, eine ehrbare Witwe, mir kann Niemand etwas Unrechtes nachsagen, und wenn ich gleich eine einzelne Mannsperson in's Haus genommen habe, so ist's doch nur ein Poet und in allen Ehren geschehen, das weiß Gott, der Herzen und Nieren prüft. Lorenz. Ja, liebe Frau Susanne, wir leben mit einandner in Zucht und Ehren. Susanne. Aber ist das auch eine Zucht?Jüngferchen und Wein? schämt der Herr sich nicht? hat schon graue Haare. Lorenz. Frau Susanne, wo denkt Sie hin! die Mamsell hat ein Gedicht an die Hoffnung bei mir bestellt. Susanne. An die Hoffnung? Pfui! da möchte man ja den Kopf mit sammt den Augen in einen hohlen Kürbiß stecken vor lauter Scham. Nein, solche Gräuel duld' ich nicht in meinem Hause. Therese. Sie werden doch nicht glauben – Susanne. Ich glaube was ich will, und sehe recht gut, wenn das Obst wurmstichig ist. Kurz, Herr Poet, pack' Er sich aus meinem Hause mit sammt dem schönen Jüngferchen! aber zuvor bezahl' Er mich bei Heller und Pfennig, oder ich lasse Ihm das Hemd vom Leibe verkaufen und schicke Ihn fort mit einer Schürze von Feigenblättern. Lorenz. Ei ei, Frau Susanne – Therese (zieht den Beutel). Wie viel ist der Herr schuldig? Susanne (da sie den Beutel erblickt, mit verändertem Tone). Zwei Thaler zwei Groschen sechs Pfennig. Zwei Thaler macht der Miethzins und das Uebrige hab' ich ihm aus meiner Tasche geliehen. Einmal zwei Groschen und das andere Mal sechs Pfennig. Da steht er selbst, er mag es läugnen, wenn er kann. Lorenz. Ich läugne es ja nicht, meine werthe Frau Susanne. Therese. Hier ist das Geld und noch etwas darüber, auf meine Gesundheit zu verzehren. Susanne. Ach so! das ist ein Anderes. Lorenz. Mamsellchen, was machen Sie? ich habe Ihnen ja das Gedicht noch nicht geliefert, und auf jeden Fall wird es so viel nicht werth sein. Therese. Mir unendlich mehr! Susanne. Lasse Er doch das gnädige
Fräulein gewähren, das sieht der
Herr ja wohl, daß sie eine vornehme Persona ist, von wegen der
Großmuth.
Nehmen's Ihro Gnaden nur nicht übel, wenn mir etwa ein ungebührliches
Wörtchen entfahren ist. Ich bin ein Bischen hitzig, aber die hitzigen
Leute sind die besten; ich bin auch gleich wieder gut; wenn ich mein
Geld sehe, so kann man mich um den Finger wickeln. Nichts für ungut,
Ihro Gnaden, ich bin eine arme Witwe, muß Steuern und Gaben bezahlen;
Ihro Gnaden werden schon nicht so dumm sein, daß Sie Das nicht
begreifen sollten. Mein Mann war ein Saufaus, hat Alles durchgebracht,
Gott hab'
ihn selig! so sprech' ich als eine gute Christin, aber wenn er in der
Hölle brennt, so geschieht ihm ganz Recht. Denn seh'n Sie nur, es
war anno 1774, oder es kann auch wohl anno 1775 gewesen sein – Susanne. Ei, wer könnte daran zweifeln! so ein armer Schlucker und so eine vornehme Dame! Ihro Gnaden haben zu befehlen über mein ganzes Haus, und wenn Sie Obst kaufen wollen, bei mir finden Sie das beste von allen Sorgen. Ich habe Reinetten, Borstorfer, Aprikosen, Pfirschen, Ananas, Muscateller; Reine Claude, lamberthsche Nüsse und Feigen, die auf der Zunge schmelzen, Alles zu Dero Befehl, unterthänigste Dienerin! (Ab.)
Achte Scene. Therese. Das scheint eine böse Frau zu sein. Lorenz. Ei beileibe! sie ist sonst recht brav, nur ein Bischen geschwätzig und ein Bischen knauserig. Therese. Um einer solchen Kleinigkeit wille so grob zu mahnen – Lorenz. Verzeihen Sie, für Frau Susanne und für mich war das keine Kleinigkeit, und ich bin fürwahr so tief in Ihre Schuld gerathen – Therese. Sie könnten mich also bald zu I h r e r Schuldnerin machen, wenn Sie so gefällig sein wollten, mir Ihre Geschichte zu erzählen. Lorenz. Meine Geschichte? du lieber Gott! die kann kein Interesse für Sie haben. Therese. Wer weiß – vielleicht das größte! ich bitte – erzählen Sie mir – Lorenz. Ich muß Ihnen sagen, Mamsellchen – es kommt allerei darin vor, was mein Gemüth immer gar wunderlich bewegt – ich thu' es nicht gern. Therese. Aber wenn Sie die innigste Theilnahme bei mir fänden? Lorenz. Das ist mir freilich noch nie widerfahren. Therese. Nun so werden Sie zum ersten Male fühlen, wie eine solche Theilnahme erquickt. Lorenz. Wer könnte Ihrer holden Freundlichkeit widerstehen? – nun so hören Sie. Ich bin ein armer Teufel, geboren und geblieben. Weiß Gott, wie die Leute es machen, daß sie reich werden, mir hat es nie gelingen wollen. Mein Vater war ein ehrlicher Leinweber, hinterließ ein paar hundert Thaler; mein Vormund ließ mir einen Rock machen und ein paar Stiefeln, und sagte das Geld wäre zu Ende. Die Leute meinten, ich sollte ihn verklagen, aber ich wußte wohl, daß Tuch und Leder theuer sind. Weil nun das Geld zu Ende war, so ging ich nach Surinam und wurde Schreiber bei einem reichen Pflanzer, der gab mir Nichts. Aber Essen und Trinken hatte ich täglich, wenn auch nicht viel. Therese. Wie hieß der Pflanzer? Lorenz. Brutendorf. Man sagte, er wäre ein harter Mann. Ich will nichts Böses von ihm rede. Er hatte viele Menschen zu regieren, und das geht nicht ohne Strenge. Aber ich war Das nicht gewohnt, und half den Leuten durch, wo ich konnte. Das mochte wohl unrecht sein, darum schalt er mich oft und wurde mir gram – weiß Gott; ich konnte nicht anders. Nun was geschah eines Abends? er hatte eine schöne Tochter – lebhaft war sie, feurig, aber sehr gut, sehr gut! ich sitze in meinem Winkel und kaue ein Stückchen Zuckerrohr, da trat sie herein zu mir und ihre Augen glühten wunderbarlich. "Herr Kindlein," sagte sie, "morgen soll ich unsern Nachbar, den alten, bösen Marfrost heirathen, und wenn Das geschieht, so spring' ich in den Ofen," – Nun müssen Sie wissen, Mamsellchen, so ein Ofen, in dem Rum destillirt wird, ist eine wahre Hölle; wer da hinein springt, der kommt nicht lebendig wieder heraus. "Behüte der Himmel!" – sagte ich – aber sie schwur, sie werde springen. Ich kann Ihnen Das nicht so recht beschreiben, wie sie in Verzweiflung war, und wie mir das Herz blutete, und wie ich mit Freuden mein Leben für die geopfert hätte. "Wollen Sie mich retten?" fragte sie, "Herzlich gern," war meine Antwort, "aber wie?" – Sie reichte mir die Hand: "wir lassen noch in dieser Nacht uns trauen." Der Ton, mit dem sie diese Worte sprach – es klang wie eine Bitte, es klang wie ein Befehl – die holde rührende Gestalt mit gesenkten Augenlidern – die ausgestreckte weiße Hand – denken Sie, wie mir zu Muthe wurde! ich hatte immer so viel Respect vor ihr gehegt und sollte nun auf einmal ihr Mann werden. Ich stotterte Allerlei, die Gedanken hatte ich nicht beisammen. Der reiche Marfrost, meinte ich, wäre doch ein ganz anderer Mann als ich. Sie meinte, er wäre viel schlechter als ich mit meiner Armuth; sie habe in der Stille mich lange schon beobachtet und gefunden, daß ich gut sei. Nun sehn Sie, Mamsellchen, da hatte sie nicht Unrecht; gut bin ich, kann mir aber nichts darauf einbilden, denn das ist so meine Art und Natur. Ich kann Ihnen auch wohl gestehen, daß ich bisweilen dumme Streiche mache, aus lauter Gutmüthigkeit. Sehn Sie, ich habe lange keinen Wein getrunken, der Wein löst die Zunge, ich sage so Alles heraus. Therese. Sie haben sich gewiß nichts Böses vorzuwerfen. Lorenz. Doch, doch Mamsellchen, jetzt kommt's; der schönen Hedwig – so hieß die Tochter des reichen Brutendorf – vermocht' ich nicht zu widerstehn. In meinem Kopfe ging es eben so bunt zu wie in meinem Herzen. Bald flüsterte der Stolz mir zu: sie nimmt dich nur aus Verzweiflung; bald krähte die Eitelkeit dazwischen: sie hält dich für besser als den reichen Marfrost, der in der ganzen Gegend hochgeehrt wird – und somit warf ich mein Stückchen Zuckerrohr in den Winkel und folgte der schönen Hedwig durch Nacht und Nebel. Sie hatte Alles vorbereitet, wir ließen uns copuliren und ich sagte recht von Herzen ja. Sehn Sie, das war schlecht. Brutendorf war mein Brodherr – Nummer Eins – Hedwigs Vater – Nummer Zwei – wie durft' ich eine Tochter heirathen ohne des Vaters Einwilligung? – Gott mag mir's verzeihen! Ich war ein Mensch und ein recht arger. Therese. Ach! es wird Ihnen auch kein Glück gebracht haben! Lorenz. Ein krankes Gewissen auf Lebenszeit. Wir flüchteten zu einem alten Neger, der meiner Hedwig die Freiheit verdankte. Durch sie besaß er auch ein Stückchen Land und eine Hütte, in die er uns verbarg. Ein paar Wochen lang lebt' ich wie im Paradiese – meine Hedwig war so schön; so gut – wir lernten uns täglich besser kennen – und wir liebten uns – ja Mamsellchen, wir liebten uns – nehmen Sie mir's nicht übel, ich habe lange keinen Wein getrunken, meine Nerven sind sehr gereizt, ich muß Etwas weinen. Therese. O, wenn es mir vergönnt wäre, diese Thränen zu trocknen! Lorenz. Im Vertrauen, sie fließen oft auch ohne Wein in schlaflosen Nächten. Nun, es geschieht mir schon recht. – Der Vater hatte unsern Zufluchtsort bald ausgekundschaftet, wir wurden überfallen und getrennt. – Ich habe meine Hedwig nie wieder gesehn! – Lieber Gott! Da muß ich schon wieder weinen – nehmen Sie mir's nicht übel – ich glaube gar, Sie weinen mit? Therese. Recht vom Herzen. Lorenz. Das vergelte Ihnen Gott! – Ach! Das Schlimmste kommt noch. Ich wurde eingesperrt und mir, als einem Entführer, der Prozeß gemacht. Das war aber nicht das Schlimmste. Hätten sie mich aufgehangen, mir wäre recht geschehen. Aber sie ließen mich laufen, ich habe nie erfahren warum? – Es kamen in der Nacht etliche vermummte Leute, die mußten wohl den Kerkermeister bestochen haben. Ich wurde auf ein Schiff gebracht, das eben fortsegeln wollte. Man gab mir auch Geld, warnte mich aber, ja nicht wieder zu kommen. Es war mir zu Muthe, als ob ich vom Verdeck in's Wasser springen müßte. Einer der Vermummten steckte mir ein Zettelchen in die Hand, das erhielt mich beim Leben. – Meine Hedwig hatte es geschrieben, es stand darauf: i c h f o l g e d i r s o b a l d i c h k a n n . – O ich habe das Zettelchen noch, ich betrachte es aber nur selten, weil mir sonst etliche Tage die Augen schmerzen – Sie verstehn mich wohl – und ich muß viel schreiben bei einem Stümpfchen Licht, folglich brauch' ich meine Augen. Therese. Sie sollen sie künftig schonen. Lorenz. Das geht nicht. Das Bischen Brod will verdient sein. Es war viel Geld, was die Vermummten mir gaben, ich glaube ich hätte mein Lebtage genug daran gehabt, aber – es ist mir wunderlich damit ergangen, ich hab's verloren. Therese. Verloren? Lorenz. Ja. Die Leute meinten, es wäre mir gestohlen worden, aber das mag ich nicht glauben. Es waren nämlich lauter Dukaten, in einem sauberen Kästchen. Nun besaß ich aber etliche schöne Schriften von Wieland und dachte: die verdienten wohl eher in dem Kästchen zu liegen. Da nahm ich die Dukaten heraus und legte den Wieland hinein und trug das Gold in den Taschen herum, die mögen wohl Löcher gehabt haben – kurz, es war weg. Ich weiß auch nicht wie viel, ich hatt' es nie gezählt. Hatt' ich doch mein Zettelchen: i c h f o l g e d i r s o b a l d i c h k a n n ; das lag neben dem Wieland. Therese. Und so mußten Sie gleich bei Ihrer Ankunft mit der Armuth kämpfen? Lorenz. O nein, es ging mir Anfangs wohl. Ich bekam ein hübsches Aemtchen, hatte mir auch viel Mühe darum gegeben. Die Lampen auf dem Leuchtthurm hatt' ich zu besorgen. Sie können wohl errathen, warum ich das Aemtchen suchte? Da konnt' ich weit hinaus in die See schauen. So oft ich ein Schiff in der Ferne sahe, hu! da pochte mir das Herz. Aber es kamen viele Schiffe und meine Hedwig kam nicht. Endlich wurde ich krank und weil ich so ganz allein auf dem Thurme lag, so blieben die Lampen in einigen Nächten unangezündet. Da wurd' ich abgesetzt. Es geschah mir recht, denn es hätte großes Unglück daraus entstehen können. Therese. Abgesetzt? Weil Sie krank waren? Lorenz. Lieber Gott, Mamsellchen, wenn man in Amt und Pflicht steht, so muß man nicht krank werden; dafür bezahlen die respectiven Patrone nicht gern. – Ich kam doch hernach wieder an, bei einem Telegraphen, aber da passirte mir ein wunderlicher Streich. Ich sollte durch den Telegraphen berichten, daß sechs amerikanische Schiffe zu sehen wären. Ach du mein Himmel! Die amerikanische Flagge hatte mich so confus gemacht, denn ich dachte gleich an meine Hedwig – daß ich feliciter die Worte rapportirte: i c h f o l g e d i r s o b a l d i c h k a n n . Meine Vorgesetzten meinten, ich wäre närrisch geworden, und da hatten sie auch wohl Recht. Sie setzten mich abermals ab, das war nicht mehr als billig, und so bin ich denn auch abgesetzt geblieben bis auf den heutigen Tag. Therese. Armer Mann! Lorenz. Arm war ich freilich und außer dem Schreiben hatte ich Nichts gelernt. Der Schreiber gibt's hier eine große Menge, folglich mußte ich hungern. Aber verhungert bin ich doch nicht, wie Sie sehn, denn der liebe Gott eröffnete mir plötzlich eine Quelle in der Wüste. Ein Schneider bat mich um ein Hochzeitgedicht. Er meinte, wer schreiben kann, müßte auch Verse zu machen verstehen. Ich hatte in meinem Leben noch keine gemacht, aber der Hunger begeisterte mich. Du kannst es doch versuchen, dachte ich, und siehe da, es ging. Seitdem hab' ich mein reichliches Auskommen, wie Sie sehen, denn der Schneider hat mich recommandirt und ich bekomme für manches Gedicht einen ganzen Gulden. Sie müssen auch nicht denken, ich hätte immer so schlechte Kleider auf dem Leibe – o nein – es hat nur diesmal seine Ursachen. Therese. Haben Sie nie wieder Etwas von Ihrer Hedwig erfahren? Lorenz. Wollte Gott, ich hätte Nichts von ihr erfahren! – Täglich saß ich im Hafen und lauerte auf Ankömmlinge aus Südamerika. Wenn Einer an's Land stieg, so war ich gleich mit höflichen Fragen hinter ihm her. Da kam einmal ein Naturforscher aus Surinam zurück, ein feiner Mann – der hatte den Herrn Brutendorf gekannt – und auch seine Tochter – (Er faltet die Hände in seinem Schooßse, sieht mit gesenktem Haupte hinab und spricht mit gebrochener Stimme;) die wäre todt, sagte er. Therese. Sonst wissen Sie Nichts von ihr? Lorenz. Sonst Nichts! – Therese. Sie sind tief erschüttert, erholen Sie sich. Lorenz. Verzeihen Sie, Mamsellchen, es wird schon vorüber gehen. Ach! Es ist seitdem manches Jahr vorübergegangen und ich lebe immer noch! – – Therese. Wann machen Sie mir das Gedicht an die Hoffnung? Lorenz (gleichsam erwachend). Ja, die Hoffnung – ja, das will ich noch heute machen – aber liebes Mamsellchen, es wird nicht viel daraus werden – ich und die Hoffnung – wir kennen einander nicht!
Neunte Scene. Julius. Ist es erlaubt herein zu treten? Lorenz (geht ihm entgegen). Ei gehorsamer Diener! Julius. Ich suche den Dichter Kindlein. Lorenz. Der bin ich. Setzen Sie sich. (Er gibt ihm seinen Stuhl.) Therese (springt auf und will Lorenz den ihrigen reichen). Lorenz. Ei beileibe nicht! Wir können uns schon behelfen. (Er holt den leeren Tragkorb, den er umwendet und sich darauf setzt.) Nun was steht denn zu Ihren Diensten? Julius. Ich komme Sie um ein Hochzeitgedicht zu bitten. Lorenz. Herzlich gern. Ich hab deren vorräthig von allerlei Gattung. Julius. Erlauben Sie, es hat mit meiner Heirath seine ganz eigene Bewandtniß. Es wären eine Menge besondere Umstände in dem Gedichte anzubringen. Lorenz. Nun, nun, auch Das. Ich bringe Alles an, wie es bestellt wird. Julius. Gewiß, ich werde mich dankbar beweisen. Lorenz (leise zu Theresen). Da kann ich Ihnen vielleicht meine Schuld abtragen. Julius. Meine Braut ist die Enkelin eines reichen Pflanzers in Surinam. Lorenz (läßt beide Arme herab sinken und starrt ihn an). Wie? Julius. In Surinam. Lorenz. Ei, mein Gott! Julius. Ihre Mutter sollte sich mit einem Manne vermählen, den sie verabscheute. Um diesem Unglück zu entgehen, heirathete sie schnell und heimlich einen wackern, armen Jüngling, der in ihres Vaters Diensten stand. Lorenz. Mein Herr – Julius. Allein sie lebte nur wenige Wochen in dieser glücklichen Ehe, die der grausame Vater trennte. Lorenz. Trennte! Julius. Indessen gelang ihr wenigstens, durch Aufopferung ihres Schmuckes, den Geliebten aus dem Kerker zu retten und ihm eine sichere Flucht nach Europa zu verschaffen, wohin sie ihm folgen wollte, sobald sie könnte. Lorenz. – ich folge dir sobald ich kann – Julius. Ja, so hatte sie ihm geschrieben, und, um ihren Vorsatz auszuführen, wollte sie nur ihre Niederkunft abwarten. Lorenz. Ihre Niederkunft? Julius. Allein sie gebar eine Tochter und starb. Lorenz (auftaumeld). Sie starb? – Sie gebar eine Tochter? – Und diese Tochter, mein Herr – sie lebt? – Julius. Sie lebt und ist meine Braut. Lorenz. Wo ist sie? Wo? Julius. Ein schönes, herrliches Mädchen! die einzigen Erbin des reichen Brutendorf – ich bin so glücklich von ihr geliebt zu werden; allein sie wollte mir durchaus ihre Hand nicht eher reichen, bis sie den Aufenthalt ihres Vaters erforscht, seinen Segen erbeten hätte. Darum schifften wir uns ein. Lorenz (fast scherzend). Sie ist hier? Therese. Zu Ihren Füßen. (Sie wirft sich vor ihm nieder.) Lorenz. Ach mein Gott! – Das ist zu viel – du meine Tochter? – (Heftig schluchzend.) hahahahaha! – Das ist mein Kind? – Ich hab' ein Kind! hahahahaha! (Er sinkt ohnmächtig in ihre Arme.) Therese. Julius, du warst zu hastig! Mein Vater stirbt! Julius: Es wär' ein schöner Tod. Aber sei ruhig, die Freude hat ihn übermannt. Er wird zu sich kommen. Therese (auf den Tisch deutend). Gibt mir Wein – (Julius holt das Glas. Therese flößt ihrem Vater einige Tropfen ein.) Lorenz (zu sich kommend). Wie ist mir geschehen? – Ist es wahr? Hab' ich nicht geträumt? Therese. Ich bin Ihre Tochter, die nun erst glücklich ist, seit der Tod ihres Großvaters ihr vergönnte, nach Ihnen zu forschen. Lorenz (fast kindisch). Du bist meine Tochter – meine schöne, meine liebliche Tochter! O meine Augen! Ich habe nicht Augen genug, um dich zu sehen. – Wie nennst du dich denn? Ich weiß ja noch nicht einmal wie du heißest. Therese. Therese. Lorenz. Therese – meine Therese! – Ich bin ein reicher Mann geworden – ach, wie bin ich denn auf einmal so reich geworden. Julius (bittend). Und mein Hochzeitsgedicht? Lorenz (umklammert seine Tochter ängstlich). Nein! nein! ich lasse dich nun nicht wieder von mir! Ich bin so viele Jahre allein gewesen – todt bin ich gewesen! Heute bin ich geboren, soll ich denn heute wieder sterben? Therese. Wir werden uns nie wieder trennen, wir werden nur Eine Familie bilden. Lorenz. Familie! Der arme Lorenz Kindlein wird eine Familie haben! – Kinder – habt Geduld mit mir – mein Körper ist schwach, ich kann's Euch nun wohl sagen: ich habe oft gehungert – da bin ich schwach geworden. Therese. Mein guter Vater! Lorenz. Vater? Vater bin ich? Hört Ihr's Alle? Ist denn Niemand hier? Reißt die Fenster auf! Ich bin Vater! Julius. U n s e r Vater! Lorenz (umfaßt sie Beide). Euer Vater! Therese. Hoffnung! Hoffnung! Sie läßt doch nicht zu Schanden werden! Lorenz. Hab ' ich Das auch verdient! (Mit
frommer Beschämung gen Himmel
blickend.) O nein! nein! Ich hab' es nicht verdient!
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