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Mauthner Fritz
Die Philosophie des unbewußten Hühnerauges
Destruktive Resultate auf konstruktivem Wege
Parodie auf Eduard von Hartmanns (1842 - 1906) Werk
"Philosophie des Unbewußten".
Kant, was bist du für ein Mann!
Alle pumpen sie dich an!
Vorgänger
Das Hühnerauge, dessen vorderer Teil in die Ornithologie, dessen rückwärtiger
Teil jedoch in die Ophthalmologie hineinragt, ist vor Meinem epochemachenden
und die Denkrichtung des Jahrhunderts diametral ordnenden Auftreten zwar
häufig zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht worden, in seiner Totalität
aber ist bis zum Erscheinen der ersten Auflage dieses in seiner Sinnfältigkeit
zwar dicken, im Verhältnis zu seinem übermenschlichen Gedankeninhalt aber
dünnen Buches Abschließendes über Wesen, täuschende Erscheinungsform und
ehrenhafte Ding-an-sich-lichkeit dieses merkwürdigen Organismus nicht
niedergeschrieben worden. Von den erbärmlichen Tröpfen, welche vor Mir
die fetten Euter der mageren Kuh Philosophie gemelkt haben, ist nicht
viel zu holen. Der platte Plato existiert für Mich nicht, denn er trug
Sandalen und gelangte somit selbst in seinen reiferen Arbeiten nicht einmal
zum klaren Bewußtsein des physischen Hühnerauges, um wie viel weniger
zum Unbewußtsein des metaphysischen. Das antike Heidentum mußte erst nach
langer Selbstzersetzung in und durch sich zusammenbrechen, bevor auch
nur das bewußte Hühnerauge, als natürliche Folge der in den schlechten
und billigen Erzeugnissen germanischer Schuhmacher leichtsinnig unternommenen
Völkerwanderung, in einer für philosophische Zwecke nutzbaren Allgemeinheit
auftreten konnte.
So herrschte im Mittelalter lange das physische Hühnerauge vor, bis der
große Cartesius den einzigen Einfall hatte, die moderne Dialektik dadurch
zu begründen, daß er das Selbstbewußtsein von dem schmerzlichen Gefühl
der eigenen Hühneraugen herleitete. So wird sein berühmter Satz: “Cogito
ergo sum” d. h. “Ich spür’s, also bin ich!” erst verständlich. Auf dieser
Grundlage durfte Spinoza weiter bauen, der durch sein glücklich umschreibendes
Wort “Pantheismus” den großen Gedanken des unbewußten Allhühnerauges wesentlich
förderte. Der wahre, wenn auch unbewußte Schöpfer Meiner Idee ist allerdings
der seltsame Kant, der das unbewußte Hühnerauge ganz wohl als den hinter
der Erfahrungswelt lauernden Urgrund der Dinge erkannte, es dafür in seiner
bekannten Feigheit jedoch nicht exoterisch auszurufen wagte. Er nannte
in seinem lächerlichen Jargon das unbewußte Hühnerauge das “Ding an sich”.
Zur näheren Erklärung müssen wir den sich in den Redewendungen der gewöhnlichen
Sprache offenbarenden Sprachgeist zu Hilfe nehmen. Der Arme z. B., der
nach einem Bade mit metaphysisch-schmerzhaft zuckendem Antlitz vor einem
messerbewaffneten Heilkundigen sitzt, pflegt instinktiv nicht direkt von
seinem Hühnerauge zu sprechen, sondern sagt: “Das Ding thut verd... weh!”
Mit “Ding” meint er also Hühnerauge, q. e. d. Wenn Kant jedoch dieser
Bezeichnung die Worte “an sich” hinzufügt, so beweist er damit, daß er
noch zu viel “an sich” selbst denkt, daß er noch, zu sehr vom Schleier
der Maja bedeckt, in der Nacht des gemeinen Individualismus gefangen ist.
Auf Kant aber folgte Ich. Die scheinbar dazwischen liegenden Charlatane:
Fichte, Schelling und Hegel hat bereits ein gewisser Dr. Schopenhauer
totgeschlagen, den Ich nur deshalb erwähne, weil er boshaft genug war,
die schönsten Stellen aus Meinem Hauptwerke fünfzig Jahre vor dessen Erscheinen
vorauszuschreiben. Und nun zu Mir.
1. PHYSIK.
Gegeben ist ein physisches Hühnerauge. Daraus muß Ich, Meinem Versprechen
gemäß, das Elend des Weltganzen ableiten. Sehen Sie, Meine Herren, das
ist ganz einfach, ohne jede Vorbereitung. Zuerst schaffe Ich das physische
Hühnerauge mittels Meiner höheren Mathematik aus der Welt. Geben Sie mal
acht. Die Welt ist unendlich mal größer als ein Hühnerauge (A). Nehmen
wir nun die Welt als Einheit (1) und fragen wir: Wie groß ist ein Hühnerauge?
so lautet die Antwort:
In Worten ausgedrückt: ein Hühnerauge ist gleich der Einheit, geteilt
durch unendlich, gleich Null. D. h. ein Hühnerauge ist gar nicht vorhanden
- was zu beweisen war.
Wenn aber das Nichtsein des Hühnerauges das einzig Seiende ist, so muß
auch das scheinbare Sein des physischen Hühnerauges seine Erklärung finden.
Das physische Hühnerauge ist jedoch nichts anderes, als das körperliche
Organ des Uebersinnlichen, es ist das Traumorgan , welches an der
Schwelle zwischen der Welt der Erscheinungen und der jenseitigen Welt
steht. So führt schon das physische Hühnerauge geraden Weges in die Metaphysik
hinein.
Il. METAPHYSIK.
Das Hühnerauge vermittelt Ahnungen. Bekanntlich gibt es Menschen, denen
diese feinbesaiteten Organe jede Veränderung der Temperatur genau anzeigen.
Ein berühmter Reisender, der Mönch Hausen, erzählt von einem Matrosen,
dessen Fußorgane so ausgebildet waren, daß sein Schiff anstatt nach dem
Kompaß, nach seinen lokalen Empfindungen gesteuert wurde. Wie sind solche
Erscheinungen zu erklären?
Dadurch, daß die metaphysische Welt, welche Kant so schüchtern als das
Ding an sich bezeichnet, welche Mein Abschreiber, Dr. Schopenhauer, kühnlich
als den unbewußten Willen hingestellt hat, in der That nichts anderes
ist, als das zu sich selbst gekommene, seiner selbst gänzlich unbewußt
gewordene, allgemeine, allmächtige, allwissende und allherrschende unbewußte
Hühnerauge .
Von dem Lichte dieses Meines epochemachenden Axioms bestrahlt, gewinnt
die Welt ein neues Ansehen. Wir betrachten noch einmal genauer das physische
Hühnerauge und bemerken nun, daß es kein Ende nimmt. Ohne Wurzel, ohne
äußeren Zusammenhang verwächst es mit dem menschlichen Organismus zu Eins.
Es glitzert und strahlt Gedanken aus. Wir erkennen es wieder in allen
seinen Gestalten. Die hornigen Haare, die harten Knochen, die Stoßzähne
der Elefanten, die kieshaltigen Halme, die Steine der Früchte, die Krystalle,
die Felsen der Erde, die Kerne der Kometen, alles, alles es ist klar wie
der Tag, es sind: - Hühneraugen der Natur.
Und so erkennen wir auf diesem erhabenen Standpunkte, daß die gesamte
Welt an sich nur ein gemeinsames Hühnerauge ist, daß demnach ein
jeder Schritt, den wir auf irgend einem Punkte der Erde machen, zugleich
ein schmerzhafter Tritt auf ein Atom des Allhühnerauges ist, daß wir somit
mit jedem Schritte uns selber auf unser eigenes unbewußtes Hühnerauge
treten, daß sonach jeder unserer Schritte uns selber unbewußt Schmerzen
verursacht, daß endlich der sogenannte Weltschmerz nichts ist, als das
ewige Gemeingefühl des an unzähligen Stellen ewig von sich selbst getretenen,
gestoßenen, gepufften und gezwackten unbewußten Allhühnerauges.
Dieses Allhühnerauge war immer und wird immer sein. Es ist unsterblich.
Es will die größten Thaten und denkt die größten Gedanken. Es umfaßt die
gesamte Welt. Wir alle bilden seine Teile, wenn wir uns dessen auch niemals
bewußt werden. Ich aber, der Hohepriester dieses Mysteriums, habe Momente,
in denen Ich Mich mit stolzer Freude in dunkler Ahnung Eins gefühlt habe
mit dem All, Mich als ein Teil gefühlt habe des heiligen Allhühnerauges.
III. AESTHETIK.
Meine Philosophie erklärt alles. Es läßt sich also aus ihr auch die einzige
wahrhaft systematische Aesthetik ableiten.
Ich gebe hier nur einzelne Gedankenblitze. Meine Nachfolger mögen aus
den Quadern meiner Aphorismen den hochgewölbten Bau einer Aesthetik vollends
herstellen. -
Die gesamte Architektur ist ein Plagiat auf das physische Hühnerauge.
Wie dieses teils in horizontalen Lagerungen aufwächst, teils sich türmend
zur Höhe emporstreckt, so entwickelt sich auch die Geschichte der Architektur.
Die horizontalen, vertikal sich verjüngenden Lagen deuten auf griechische
Baukunst und die treulich kopierten Glieder ihrer Architraven; die kuppelige
Wölbung des vollendeten physischen Hühnerauges war das Vorbild für die
hohen Kuppelgewölbe der Renaissance, während die modifizierbaren Formen,
welche das Traumorgan unter der harten Behandlung germanischer Stiefel
anzunehmen pflegt, lebhaft an die krausen Formen der Gotik erinnern. -
In der Malerei gibt es zwei Richtungen: die realistische und die
idealistische. Der Maler, welcher, ohne hinter den Schleier der Maja zu
dringen, das physische Hühnerauge für wirklich hält und es darum festzuhalten
sucht (z. B. Liebermann), ist ein Realist. Der Maler dagegen, welcher
das physische Hühnerauge gar nicht sieht, sondern die Welt systematisch
in ihrer Verschiedenheit stets als dieselbe Erscheinungsform des Hühnerauges
auffaßt, ist ein Idealist (z. B. Thumann).
Die Musik ist nicht eine Kunst wie die anderen, sondern sie ist
nichts anderes, als Meine Philosophie noch einmal. Die Zukunft wird Mich
verstehen. Einstweilen nur die Anmerk-ung, daß aus der wahren Musik der
Weltschmerz, d. h. das unendliche Weh eines von sich selbst getretenen
Hühnerauges heraustönen muß.
IV. ETHIK.
Das allgewaltige Elend, das sich in der wahren Musik ausspricht, führt
uns zu der Ethik, dem Gipfel Meiner Philosophie.
Ich könnte Bücher darüber schreiben, wie weh und leid die Welt sich und
Mir thut. Der Schmerz der physischen Hühneraugen, unendlich gesteigert
bis zur Unermeßlichkeit des Allhühnerauges, das ist der Weltschmerz. Ein
grauenhaftes Stechen, Bohren, Schneiden, Klemmen, Ziehen, Zerren, Stoßen,
Drücken, Pressen, Drängen, Fressen, Brennen, Vergiften und Zermalmen:
- das ist das menschliche Leben.
Das Unbewußte war ruchlos genug, dem Menschen drei Illusionen mit
auf die Lebensbahn zu geben, die ihn über sein Elend zu täuschen versuchen.
Die erste Illusion heißt: Pantoffel. Wie erbärmlich, wie nichtig. Gegen
23 Stunden der Qual vielleicht 1 Stunde Ruhe.
Die zweite Illusion heißt: Pflaster. Es ist lächerlich, sich von dieser
Täuschung gefangen nehmen zu lassen. Es ist nur eine scheinbare Linderung,
denn unter der schützenden und warmen Decke wächst das Traumorgan lustig
weiter, bis es den Mantel von sich wirft und den Menschen mit der ganzen
Gräßlichkeit seiner nackten Gestalt angrinst.
Die dritte Illusion dauert am längsten, aber auch sie ist leer. Es ist
die Illusion, daß der Mensch dem Elende dieser Erde durch den Selbstmord
entgehen, daß der Operateur ihn erlösen könne. Aber der
Selbstmord stößt den Menschen nur noch tiefer in den Pfuhl des Individualismus
hinein und so ist auch der Hühneraugenoperateur ein falscher Prophet,
der das Weltelend nicht zu lindern vermag. Denn das Allhühnerauge ist,
wie Ich bewiesen habe, unsterblich und - was noch schlimmer - das physische
Hühnerauge - wächst nach.
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