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Stinde Julius

1893 veröffentlichte Parodie auf die Dramen Henrik Ibsens (1828 - 1906) und auf den durch Ibsen stark beeinflußten Berliner Naturalismus.

Das Torfmoor
Naturalistisches Familiendrama
in einem Aufzuge

(Aufführung verboten)


Personen
Frau Quärkersen
Leie
Knude
Pastor Vaaser

Ort der Handlung: Eine elende Hütte am Rande eines weiten, mit unergründlichen Morastlöchern durchsetzten Torfmoores.

Zeit: Alltag-Nachmittag, vier ein halb Uhr mitteleuropäischer Uhrenstellung.

Witterung: Anfangs trübe, dann aufklärend, zuletzt Abendsonnenschein.
Temperatur: 18,5° Celsius. Barometerstand: 762,2.
Wind: 0.S.0., später rechtsdrehend 0. bis O.N.O.

Alle Requisiten müssen echt, d. h. alt und gebraucht sein: die Kleider, Leibwäsche recht schön vertragen, die Armuth so plastisch wie möglich zu versinnbildlichen.
Knude geht barfuß. Leie erlaubt sich den verzeihlichen Luxus dänischer Holzschuhe.
Den Schaum vor dem Munde bei den Krämpfen erzeugt die Darstellerin der Leie durch das Kauen gewöhnlicher Hausseife.
Die Darstellerin der Quärkersen übt ihre Rolle am besten während einer starken Erkältung ein, um die feinen Abstufungen des Hustens der Natur abzulauschen.
Wenn der Vorhang aufgeht, verbreitet sich von der Bühne ein herzerquickender Geruch nach Karbol.
(Das Innere einer Hütte, ärmlich, dreckig, aber naturwahr. Rechts im Hinter grund ein Bett, die Fußseite dem Zuschauer zugewandt. Im Hintergrund Fenster, davor ein wackeliger Tisch, in dessen Schubkasten alte Brodrinden duften. Aussicht auf ein Torfmoor. Links im Vordergrund Thür, ein Stuhl. Unter dem Bett liegen Rüben, Kartoffeln, Kohlhäupter. Bettüberzug schmutzig, aber wahr, unendlich wahr.) Frau Quärkersen (liegt wie todt im Bett). Knude und Leie (sehen zum Fenster hinein, kommen dann links durch die Thür. Knude mit einem Bunde Stroh).

KNUDE.
Nun ist sie todt und das Bett gehört uns. Jetzt kann sie auf Stroh liegen. (Will das Stroh ausbreiten.)

LEIE.
Laß sie doch erst kalt werden, Knude.

KNUDE.
Wozu solche Umstände?

LEIE.
Bedenke, sie ist meine Mutter.

KNUDE.
Ja, wenn ich das auch bedenke - was nützt das? Seit zwei Jahren liegt sie im Bette. Und wir, wir liegen auf Stroh. Das war unnatürlich von einer Mutter.

LEIE.
Sie war krank.

KNUDE.
Um so eher hätte sie sterben müssen. Aber nein. Die besten Sachen wurden verkauft, um den Apotheker zu bezahlen und das Karbol. Das einzig Werthvolle ist das Bett. Weiter hast Du nichts von Deiner Mutter zu erben. Komm, faß an.

LEIE
(Steht erstarrt und bekommt einen leichten epileptischen Anfall. Knude bricht ihr die Daumen aus der geballten, zuckenden Faust. Sie athmet auf) . Es ist schon vorüber. Sei nur nicht böse, Knude.

KNUDE.
Diese Anfälle sind Dein einziges väterliches Erbtheil. (Verächtlich) Das ist nicht viel, aber doch etwas.

LEIE.
Knude, höhne mich nicht. Du weißt, nach Vorwürfen werden sie schlimmer. Das Gehirn wirkt auf das Rückenmark, sagt der Doktor, und das Rückenmark ist beim Menschen, was der Faden beim Hampelmann. Siehst Du, deshalb muß ich dann so zucken. (Leise, vertraulich, wie unter Eheleuten) Aber ich habe einen Ausweg gefunden. Du wirst mich verstehen, wie ich Dich verstehe, Knude. Du hattest Verlangen nach dem Bette, es war Dein Gedanke bei Tag und bei Nacht. Wir sind arm, der Torf; den Du im Moor gewinnst, bringt wenig ein, die Krankheit zehrte Alles auf - da faßte ich den Entschluß - (Es hustet) Was war das?

FRAU QUÄRKERSEN (hustet wie aus einer Erstickung erwachend).
E ... he ... e!

LEIE.
Hast Du gehört?

KNUDE.
Sie lebt!

FRAU QUÄRKERSEN (hustet, richtet sich auf Heiser und hohl).
Jawohl, sie lebt. Noch ist sie nicht todt. (Hustet freier.) Den Gefallen thut sie Euch noch lange nicht. (Hustet noch freier) Ich bleib' im Bett und (spuckt in den Karbolnapf) das Bett bleibt mein. (Heiser lachend) He he!

KNUDE.
Ich erwürge Dich! (stürzt auf sie zu mit Zugreif-Fingern)

FRAU QUÄRKERSEN.
Würge nur. Würge nur. Wo ich mein Geld habe, sage ich Dir doch nicht.

KNUDE.
Geld?

LEIE.
Geld?

FRAU QUÄRKERSEN.
Jawohl, Geld. Aber ich gebrauch' es selbst, wenn ich wieder besser bin. (Hustet schrecklich, spuckt aus) Ehe - he - quarks. Das war eine Handvoll Lunge. Aber man kann mit einer halben Lunge alt werden, sagte der Doktor neulich. (Spuckt) Ttp!

LEIE.
Du hast Geld? Wie unrecht von Dir Knudes armseligen Erwerb in Karbol zu vergeuden.

FRAU QUÄRKERSEN.
Ohne Karbol gehen wir Alle drauf, ich und Ihr, sagt der Doktor. (Hustet) Quarks ... Wenn Ihr mich sorgsam pflegt, mich liebevoll behandelt, kriegt Ihr das Geld nach meinem Tode. Schöne blanke Thaler und Kassenscheine, schöne Scheine. Behandelt Ihr mich schlecht - kriegen es andere Leute. Jawohl, andere Leute.

LEIE.
Was für Leute?

FRAU QUÄRKERSEN.
Die es gut mit mir meinen. (Hustet) Ehe .. eha .. a .. ak; ttp. Besser als Ihr. Ihr mit dem Stroh. Denn das sage ich Euch: ich lasse mir meinen Lebenslauf nicht vorschreiben. Ich bin eine freie Frau. (Hustet furchtbar.) Öhö .. Öhö .. öhh .. h.

KNUDE (will würgen).
Wer weiß, ob Du nicht lügst?

FRAU QUÄRKERSEN.
O Knude, wie kannst Du mir solche Schlechtigkeit zumuthen? Lüge ist ja die größte Sünde; von der Lüge stammt alles Elend in der Welt. Ach, wie wäre die Welt groß und vollendet ohne Sünde (bedeutungsvoll) - sozusagen ... sündenrein. (Hustet). Öhö .. quaak!

LEIE.
Knude, wenn Du noch einmal auch nur den Verdacht einer Lüge auf die alte Frau wirfst, lasse ich mich von Dir scheiden.

KNUDE.
Das kannst Du nicht. Freilich sind wir nicht auf die gewöhnliche Manier verheirathet, durch altväterliches Gelöbniß vor dem Priester, aber ein freiwilliges Gelübde bindet fester als eine Trauung. Die Freiwilligkeit ist das Bindende. Und wir sind freiwillig verbunden.

LEIE (stöhnt tief).
Ja - ja - ich gab mich Dir freiwillig - - (stöhnt weniger tief) doch Knude, als ich die Deine wurde, war Alles in Dir klar, bestimmt, willensstark. Dieser Deiner inneren, reinen Klarheit gab ich mich zu eigen. Daß Deine Hände braun von dem Torf waren, den du backst, daß Deine Kleider voll Torf saßen, daß Deine Haare von Torf starrten, daß Du torfene Schwimmhäute zwischen den Zehen hattest ... das störte mich nicht. Das ganze ekle Dasein ist ja nur ein großes Torfmoor. Wohin man tritt, brodelt Jauche auf, wer darauf wandert, geräth in die bodenlosen Lunken und versinkt. Knude! Knude! Wenn auch das Innere zu Torf wird ... was bleibt dann der Menschheit?

KNUDE.
Ich verstehe Dich nicht.

LEIE.
Du mußt an das Allgemeine denken, nicht an Dein gieriges Selbst. Sieh, alles Andere, das häßliche sinnliche Begehren muß in Schweigen und Ruhe versinken, dann kommt die Geistesruhe über Dich. Denn sieh, Knude, sonst steckst Du mich an mit Deiner Lebensanschauung und ich büße den Adel meines Willens ein.

KNUDE.
Dies verstehe ich auch nicht.

LEIE.
Weil es schon in Dir anfängt zu dunkeln, Knude, fassest Du nicht, was ich sage. Die heutige Generation ist flach, leer, verzerrt und schlecht, weil sie sich von der Lüge beherrschen läßt. Der Schein gilt mehr als das Sein, die Wichse mehr als der Stiefel, der Orden mehr als das Hemd, der äußere Glanz mehr als die innere Klarheit. Du traust der alten Frau zu, daß sie löge - Knude, Knude, so denkt nur ein Knecht der Lüge. Siehst Du, deshalb kannst Du mich nicht verstehen.

KNUDE.
Als Du mein Weib wurdest, war Deine Mutter schon krank ... das Bett mußte bald uns gehören, Leie. Dies dachte ich bestimmt und klar. Die Alte aber will immer noch nicht sterben ... sie lebt der Natur zum Trotz und das ist - eine Lüge .... eine gelebte Lüge.

LEIE.
So lange sie leben will, ist ihr Leben Wahrheit. (flüsternd) Wenn sie jedoch freiwillig ...

KNUDE.
Ja, wenn sie das wollte ...

FRAU QUÄRKERSEN (heiser, matt).
Leie!

LEIE.
Was denn, Mutter?

FRAU QUÄRKERSEN.
Ich bin hungrig, Leie, bringe mir Essen.

KNUDE und LEIE (einander zuflüsternd, gleichzeitig).
Sie will noch leben.

LEIE.
Gleich Mutter. Deine Mahlzeit ist fertig; sie schmort in der heißen Asche. Ah! (Sie schreit auf, fällt um und liegt mit epileptischen Krämpfen stoßend auf der Erde. Die Zähne knirschen, das Weiße der Augen nach oben gekehrt, Schaum vor dem Munde)

KNUDE.
Ja so. Das Erbtheil ihres Vaters. Ich werde die Speisen holen.

FRAU QUÄRKERSEN.
Brav, Knude, brav. (Hustet) Der Mensch, der seine Pflicht thut, (bedeutungsvoll) ist ein pflichtgetreuer Mensch. Ach, viele Menschen wissen gar nicht, was Pflicht ist. Darum ist die Welt auch der Besserung bedürftig. (Hustet) A .. ha .. quarks. Wir Alle wünschen Besserung. (Spuckt) Ttp!

(Es klopft)

KNUDE (öffnet die Thür).
Sieh da, Herr Pastor Vaaser. Guten Tag, Herr Pastor. Nehmen Sie Platz. (Setzt ihm einen Stuhl in den äußersten Winkel vorne)

PASTOR VAASER.
Guten Tag, Knude. Guten Tag, Frau Quärkersen. Wie geht es?

FRAU QUÄRKERSEN.
Nicht zum Besten, Herr Pastor. Der Husten und die Nachtschweiße greifen den Körper an. Das Unterbett ist immer feucht, Herr Pastor. Aber der Geist ist rege und das Gewissen rein.

PASTOR VAASER (will den Stuhl näher an das Bett ziehen).

KNUDE.
Nicht zu dicht heran, Herr Pastor. Die Alte haucht Bazillen aus. Und die Bazillen stecken an, sagt der Doktor. (ab)

PASTOR VAASER (setzt sich auf den ihm angewiesenen Stuhl).
Gut, gut. Ich muß mich für die Gemeinde erhalten (gewahrt die auf der Erde liegende Leie). Sieh da, Leie. Wieder das angeerbte Uebel? Ja, ja, Frau Quärkersen, Sie hätten keinen epileptischen Mann heirathen dürfen. Das war Sünde gegen das Kind.

FRAU QUÄRKERSEN (hustet verlegen).
Ehe .. e .. e. Leie ist nicht meine leibliche Tochter, Herr Pastor. Ich habe sie nur angenommen.

PASTOR VAASER.
Das war edel von Ihnen, Frau Quärkersen.

FRAU QUÄRKERSEN.
Ach ja, man hat seine guten Seiten.

PASTOR VAASER.
Obgleich Leie Ihre Ziehtochter ist, haben Sie dennoch die Pflicht, sie auf den rechten Weg zu führen. Immer noch entbehren Leie und Knude des kirchlichen Segens. Diesem Zustande muß ein Ende gemacht werden, Frau Quärkersen. Deshalb komme ich zu Ihnen, Sie auf Ihrem Krankenlager zu ermahnen, Ihren Einfluß geltend zu machen.

FRAU QUÄRKERSEN.
Herr Pastor, es ist vermessen, den freien Willen eines Menschen einzuschränken (bedeutungsvoll). Nur in der Freiwilligkeit ist der Mensch wahrhaft frei. Ich lege nicht die Hand an die höchste Menschenwürde, an seine freie Selbstbestimmung. Das habe ich nie gethan, schon damals nicht, als ich noch in der Stadt lebte und ein Pflegehaus für Säuglinge hatte (hustet milde) . Quu .. ks!

PASTOR VAASER.
Ja, ja, ich habe davon gehört. Es war vor meinem Eintritt in das Amt. Als ich Pastor in der Stadt wurde, wohnten Sie bereits hier draußen am Rande des Torfmoores. Man sagt, Ihnen seien viele der kleinen Pflegebefohlenen gestorben, Frau Quärkersen.

FRAU QUÄRKERSEN (frohlaunig).
Alle, Herr Pastor. Alle, bis auf Leie.

PASTOR VAASER.
Wie ging denn das zu, Frau Quärkersen?

FRAU QUÄRKERSEN (traulich).
Sehr einfach, Herr Pastor. Ich will es Ihnen sagen. Freilich, die Menschheit ist feige, sie hat nicht den Muth, offen zu bekennen, ich bin aber nicht feige, ich bin aufrichtig und wahr (hustet). Ahö .. ö .. qu .. e.

PASTOR VAASER.
Sehr brav, Frau Quärkersen. Also wie kam es, daß Ihnen die Kinder alle starben?

FRAU QUÄRKERSEN.
Ich half nach, Herr Pastor.

PASTOR VAASER.
Aber das ist ja entsetzlich.

FRAU QUÄRKERSEN.
O nein, Herr Pastor, nur Pflicht. Sehen Sie, wenn die kleinen Mädchen herangewachsen wären, was wäre da aus ihnen geworden? Nun sind sie lauter kleine Engel.

PASTOR VAASER.
Allerdings hätten sie leicht etwas Schlimmeres werden können.

FRAU QUÄRKERSEN (herzensfroh).
Nicht wahr? Das dachte ich gerade so. Wie gut Sie mir alten Frau sind, Herr Pastor. Schade, daß ich mein Geschäft nicht mehr habe, sie würden es gewiß empfehlen. Und immer ließ ich anständig begraben. Da kam es auf einige Schillinge nicht an.

PASTOR VAASER.
Das war achtbar gedacht, Frau Quärkersen. Auf den Sinn kommt es an, der hinter den Thaten liegt, wie der Teich hinter den Mühlrädern. Ohne sein Wasser dreht sich das Rad nicht. Verstehen Sie mich recht, liebe Frau: wenn ich Sinn sage, dann meine ich die Ueberzeugung, die unerschütterliche Wahrheit des Denkens.

FRAU QUÄRKERSEN.
Ich bin ganz gerührt, Herr Pastor. Ja, unerschütterlich war ich dabei. Ich war stark und frei im Wollen. Nein, ich quälte sie nicht Wochen lang hin, wie manche Kollegin thut ... es giebt gemeine Personen darunter ... meine hatten bald ausgerungen.

PASTOR VAASER.
Das war wieder edel von Ihnen.

FRAU QUÄRKERSEN.
Herr Pastor, das Einzige, womit der Mensch in der Ewigkeit bestehen kann, ist sein guter Ruf. Nicht um alle Erdengüter möchte ich am jüngsten Tage, wo Alles ans Licht kommt, daß meine Kunden vorträten und mich anklagten, ich hätte sie schlecht bedient (spuckt). Ttp.

PASTOR VAASER.
Wieder sehr brav gedacht, Frau Quärkersen. Die Pflicht ist das oberste Gesetz und wären die Folgen noch so schwer. Wer seine Pflicht vernachlässigt, vernachlässigt den Staat, die Gesellschaft, die Entwicklung des Individuums, Und das Individuum, das in sich freie, ist die Menschheit.

FRAU QUÄRKERSEN.
Ganz meine Idee, Herr Pastor. Die Freiwilligkeit, darin liegt es. Die kleinen Wesen fanden kein Gefallen am Erdendasein, sie schrieen den ganzen Tag und die Nacht dazu, sie wollten fort aus diesem schaalen, verlogenen Jammerthal. Da half ich denn. Ich legte ihnen die Hand auf Mund und Nase. Sie wimmerten nicht lange. Kaum so viel wie eine Katze, die ins Haus will, wenn es draußen regnet und man macht die Thür nicht auf. Es giebt gemeine Menschen, Herr Pastor, die so ein armes Thier nicht einlassen.

PASTOR VAASER.
Leider.

FRAU QUÄRKERSEN.
Dann wurden sie blau im Gesicht, die Aermchen und Beinchen thaten als wollten sie schwimmen, das Köpfchen fiel hintenüber und das Seelchen war ein Engelchen. Und wie niedlich sahen sie im Särgelchen aus. Hübsch gewaschen, im weißen Sterbekittelchen, mit Maiglöckchen oder was die Jahreszeitchen boten. Man konnte nichts Entzückenderes sehen. Ja, ja, Herr Pastor, ich kannte meine Pflicht. - Ttp!

PASTOR VAASER.
Das höre ich. Wie aber kam es, daß nicht auch Leie ein Engelchen wurde?

FRAU QUÄRKERSEN.
Ja, das war ein eigen Ding. Leie schrie nicht, Leie strampelte nicht, Leie schlief; und wenn sie nicht schlief, lächelte sie. Ihr gefiel das Dasein, sie hatte keine Freiwilligkeit, die Erde zu verlassen. Ihr Vater hatte getrunken und die Mutter trank auch, sie hatte die Branntweinseligkeit geerbt und war stets so vergnügt. Allerdings sind daraus später die Krämpfe geworden. Aber wer konnte das ahnen? Es ist eine dunkle Sache mit der Vererbung, Herr Pastor!

KNUDE (stürzt herein, schreiend).
Leie! Leie! Was hast Du gekocht? Leie! Ich sterbe! Mein Eingeweide brennt wie glimmender Torf. Leie! (Er schüttelt sie, Leie kommt zu sich)

LEIE.
Was giebt's? Knude, was ist Dir? (steht auf)

KNUDE.
Ich aß in der Küche, was Du für die alte Frau gekocht hast ... Hülfe, Hülfe! (wälzt sich auf dem Boden)

LEIE.
Aus welchem Topfe nahmst Du, Knude?

KNUDE.
Ich aß beide leer.

LEIE.
Dann bist du verloren.

PASTOR VAASER.
Leie, erkläre, was ist gescheh'n?

LEIE.
Ich bereitete zwei Speisen für die alte Frau: in dem einen Topf Grütze, in dem anderen Fliegenpilze. Die alte Frau sollte wählen. Nahm sie die Grütze, blieb sie am Leben, aß sie die Pilze, mußte sie sterben. Aus freier Wahl sollte sie entscheiden. Nun hat Knude das Loos getroffen. Knude, jetzt kennst Du meinen Ausweg; Du bist ihn selbst gegangen in Freiwilligkeit.

KNUDE (unter Krümmungen).
Ich fluche auf die Freiwilligkeit! Ich sterbe, Leie, ich sterbe. Aber hier drinnen - ich fluche noch einmal - die ganze Welt ist Torf- ich speie drauf - So, nun ist es hier drinnen wieder rein und klar - r - r .. r. (Er röchelt schrecklich und bäumt von Zeit zu Zeit auf)

LEIE.
Aber Knude, stirb doch in Schönheit (weinend). O Knude, thu' es doch.

KNUDE.
Gieb ... mir ... das Bett ... das Bett! (verscheidet zähneknirschend).

FRAU QUÄRKERSEN.
O Leie, Du, der ich das Leben ließ, Du trachtetest mir nach dem Leben? O Herr Pastor, wie schlecht ist die Welt! Die Dankbarkeit ist ausgestorben, nur gemeine Selbstsucht ist geblieben und regiert die Menschheit.

LEIE (schluchzend).
Nun kommt Knude auf das Stroh, das er der alten Frau zugedacht hatte. O Knude, kein Bett! Kein Bett! Wer soll nun Torf backen, da Du dahin bist? Was fängt die Menschheit an ohne Torf? (Sie bekommt einen furchtbaren epileptischen Anfall, schlägt auf die Bettkante und fällt wie ein Brett zu Boden)

PASTOR VAASER (will ihr beistehen).
Frau Quärkersen, machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt. Leie hat das Genick gebrochen - sie ist todt., an sich selbst zu Grunde gegangen.

FRAU QUÄRKERSEN.
Soll ich hier allein verhungern und verkommen? Herr Pastor hier ist mein Sparkassenbuch, ehrlich erworbenes Geld. Nehmen Sie es an sich; schicken Sie mir eine Wärterin aus der Stadt. (Giebt ihm das unter dem Kopfkissen aufbewahrte Buch)

PASTOR VAASER.
Das soll geschehen. Auch die Leichen müssen aufgebahrt und begraben werden, hier können sie nicht verwesen. Giebt es nicht einen näheren Weg über das Moor, als die Landstraße und dann die Chaussee?

FRAU QUÄRKERSEN.
Zwei Wege, Herr Pastor, gehen dort hinaus. Der eine führt zur Stadt, der andere ins Moor, in Sumpf und tiefe Löcher. Der linke ist der rechte. Herr Pastor was hab' ich verbrochen, daß ich so gestraft werde? That ich nicht allzeit meine Pflicht?

PASTOR VAASER.
Nein, Frau Quärkersen, nein. Sie thaten Ihre Pflicht nur halb. Alles oder Nichts gebeut die Pflicht. Halbheit ist die Krankheit unseres Jahrhunderts. Sie ließen Leie am Leben ... das war Halbheit. Das Kind war erblich belastet, die Schuld der Eltern brachte es mit in die Welt. Die Schuld zu lösen wäre Ihre Pflicht gewesen, Schuld aber wird nur durch den Tod gesühnt. Leie hätte auch ein Engel werden müssen. Nun tragen Sie die Folgen Ihrer Halbheit.

FRAU QUÄRKERSEN.
Ach, Herr Pastor, all' unsere Weisheit ist Stückwerk. Wir hatten in der Schule nichts von den Erbgesetzen. Warum auch? Wir waren Alle arm, da erbte nie ein Mensch was. Freilich, Leie's Vater war belastet, der hatte einen Buckel.

PASTOR VAASER (wächst bei seinen Worten).
Wie lange wird es noch dauern, bis das Volk die Moral des freien Willens und die Gesetze der Vererbung voll und ganz begreift? Wie lange wird es noch im Finstern tappen? O, hier thut Aufklärung noth. Nur wenn die Vergangenheit vernichtet und vergessen wird, lebt in der Zukunft die wahre Menschheit. Ich gehe, Frau Quärkersen. Bereuen Sie .. Ihre Halbheit (empört ab).

FRAU QUÄRKERSEN.
Er geht. (Man sieht durch das trübe Fenster den Pastor.) Ob er den rechten Weg findet? (Sie hebt sich mühsam im Bett in die Höhe, stützt sich mit den Händen auf den Tisch und sieht durch das Fenster, scheußlich anzusehen, aber ungemein naturwahr. Die Abendsonne erleuchtet einen Theil des Fensters) Herr Pastor, Sie geh'n den falschen Weg! Links! Links! Er hört mich nicht. (Sie klopft ans Fenster, stemmt das magere Bein auf die Bettkante) Au, mein Bein! (Das Bein wird von heftigem Wadenkrampfe ergriffen) Au, au! (Sie zwingt sich auf den Tisch) Er schreitet wacker aus. Herr Pastor, Sie rennen ins Verderben! Das Fenster geht nicht auf. (Es gelingt ihr, das Fenster zu öffnen) Herr Pastor! Ah, dort sinkt er ein. Das Moor verschlingt ihn. Und mein Sparkassenbuch mit ihm. (Sie hustet schrecklich und speit gräßlich) Und kein Karbol. Und kein Karbol! (Wie im Irrsinn kauert sie auf dem Tische, die Haare hängen unter der Nachtmütze hervor, mit den mageren Armen umfaßt sie die mageren Kniee. Das Abendsonnengold scheint voll herein. Heulend) Kein Karbol! Kein Karbol!

(Vorhang fällt)