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Villinger HermineDer Töpfer von Kandern In dem kleinen, an den Vorbergen des Schwarzwaldes gelegenen Städtchen wurde zu früheren Zeiten mit Eifer die Töpferei betrieben, der Ton- und Erdgruben wegen, welche die Gegend in reicher Menge barg. Obwohl nun aber fast in jeder Gasse und jedem Gäßlein ein fleißiger Töpfer hinter seiner Drehscheibe saß, alle sind längst der Vergangenheit anheimgefallen bis auf einen. — Und doch war gerade er der ärmste gewesen von allen und hatte unter einem Dache gehaust, das völlig eingesunken war unter der dichten Moosdecke, die darauf wucherte. Seltsame Schlinggewächse entsprossen dem feuchten Grunde, die tief über den Dachrand herunterhingen, fast bis in das kleine Fensterchen hinein, das einzige an der Nordseite des windschiefen Häusleins. In dessen Inneres führte eine Steintreppe, deren ausgetretene Stufen von den Generationen zeugten, die hier aus- und eingegangen waren. Außer der Stube barg die Hütte nur noch eine Küche, die nach dem Hofe ging und in der der große Ziegelofen des Töpfers den Hauptplatz einnahm. Alles aber lag in einem ewigen Halbdunkel, wie erdrückt unter den mächtigen Zweigen des Nußbaumes, der im Nachbargarten stand und dem kleinen Töpferheim Luft, Sonne und Licht — Da saß der Mann tagaus, tagein an seiner Drehscheibe am Fenster, setzte seinen Tonklumpen auf die obere Scheibe und drehte mit dem Fuß das Schwungrad, und seine Hände formten Dinge, die mit den Schüsseln und Gefäßen der übrigen Töpfer nicht das geringste gemein hatten. Und das war sein Unglück. Er brachte seine Ware nicht an. Im Schuppen im Hof standen sie alle, seine Sachen und Sächlein, die niemand wollte und die sich in dem feuchten, niedrigen Gelaß ausnahmen wie Gebilde aus einer andern Welt. — Seine Gefäße aber bemalte der Töpfer in der eigenartigsten Weise mit Gestalten, die er alle dem Leben entnahm, überzog die Figuren mit einer festen schwarzen Glasur, oder er ließ ihnen die helle Farbe und überzog den Grund mit Schwarz. Diese Leidenschaft, jedwedem Ding seinen Stempel aufzudrücken brachte ihm den Übernahmen der „Kleckser-Sepp“ ein, wie denn überhaupt die Töpfer im Städtchen ihn allesamt für einen Narren hielten und wenig Gemeinschaft mit ihm pflogen. Sie verfertigten ihre Ware, wie man sie brauchte, und hatten ihr Auskommen und manchmal etwas darüber und kein Verständnis für einen, der es auch so hätte haben können, aber seine Mühe an Dinge wandte, die niemand begehrte oder gebrauchen konnte. Denn wie die Sachen sein mußten, das bestimmten die Händler zu Kandern, die den Töpfern die Geschirre abnahmen und sie auf den Märkten der Umgegend zum Verkauf ausboten. Und diese kunstsinnigen Herren zeigten sich mit der Ware, die ihnen der Kleckser-Sepp auf seinem Handkarren zufuhr, selten oder nie einverstanden. Da war vor allen der Barthel Meier mit seinem roten Haarschopf und seinen krummen Beinen. „Nix, alles nix“, lautete sein stetes Urteil, wenn der Kleckser-Sepp seine Geschirre vor ihm ausbreitete, „alles wieder dummes Zeug — was sollen denn die Leute mit deinen verzwickten Schüsseln anfangen? Da möchte’ ich ja, wenn ich die Milch wär’, am liebsten sauer drin werden vor Ärger über das Kleckswesen von Ungeziefer, das bis über den Rand kriecht — schau dich doch einmal in der Welt um, Mann Gottes! Kannst du denn die Sachen nicht so schaffen, wie sie sein sollen?“ „Ja“, nickte der Töpfer und schaute den Barthel Meier an von oben bis unten, „gerad’ wenn man sich umschaut in der Welt, muß man halt merken, daß auch unser Herrgott nicht jeden so geschaffen hat, wie er sein soll.“ Da hatte er’s von Stund’ an mit dem Manne verdorben und hing nun ganz von der Gnade des zweiten Händlers ab, der ein ernstes, umständliches Männchen war und sich die Zeit nicht gereuen ließ, dem Töpfer allemal breit und wichtig auseinander zusetzen, wie die Ware sein mußte, die er beziehen wollte. Und der Töpfer versprach jedes Mal: „Ja, ja, es soll jetzt genau so werden,“ zog mit seinem Kram ab und stellte die verschmähten Sachen fein sorgsam in den Schuppen auf die breiten Holzschäfte, welche an der Wand des dunklen Gelasses bis hinauf reichten. Da stand er oft lange und freute sich an den Kindern seiner überaus reichen und lustigen Phantasie. „Gelt, wenn ihr Sonne hättet,“ nickt er ihnen zu, „einen einzigen Strahl nur! Wie schön, wie heiter nähmet ihr euch aus — aber im Dunklen, da wissen halt nur wir zwei euch zu schätzen, gelt, Bimbel?“ Er erhob sich auf den Zehen, den Namen Bimbel mit einem zärtlichen Nachdruck wiederholend. Über dem Rand einer großen höchst originell ausgeführten Schale auf schlankem Fuße zeigte sich der Kopf einer grauen Katze, die den an sie gerichteten Ruf mit einem verständnisinnigen Miauen erwiderte. Seit bald zehn Jahren bewohnte sie die Schale auf dem obersten Schafte — aus angeborenem Schönheitssinn, wie der Töpfer behauptete, den sie vor allen Leuten im Orte voraushatte. Denn mit welcher Vorsicht, mit welch zärtlicher Rücksicht benahm sie sich gegen die Werke des Töpfers, die dichtgedrängt auf den Schäften herumstanden und durch die sich die Bimbel erst mühsam hindurchwinden mußte, um zuletzt mit einem kühnen Sprung zu ihrer Schlafstelle zu gelangen. Dabei kam nie etwas zu Schaden oder zu Falle, und der Töpfer freute sich alle Tage von neuem über den feinen Kunstsinn seiner Katze. Freilich, wenn sie ihn dann in die Stube begleitete und vor jenem Schränkchen Posto faßte, wo in guten Tagen der Töpfer sein bißchen Milch, Brot und Käse verwahrte, da fiel’s dem Mann gar schwer auf die Seele, daß er oft nicht einmal imstande war, sein bescheidenes Tierchen mit seiner Hände Arbeit zu ernähren. Und er machte sich mit dem Entschluss über seine Drehscheibe: „Jetzt will ich einmal Sachen liefern wie die andern auch,“ setzte den Tonklumpen auf die Scheibe und drehte mit dem Fuß das Rad, und eine herkömmliche Schüssel kam zutage — auch eine zweite. Dann aber wurde das Spiel der schmalen Hand mit einemmal ein ganz anderes, über das wunderliche spitze, durch zwei große, weitabstehende Ohren wie beflügelt erscheinende Gesicht des Töpfers flog’s wie ein Sonnenstrahl, und laut atmend, mit glänzenden Augen sah er plötzlich die liebenswürdigsten Gebilde seinen rastlosen Händen entsteigen. In der Freude seines Herzens begann er zu singen, aber wie! Es war einfach ein Hinausschmettern von Tönen, ein Frohlocken ohne Wohllaut, ein seliges, kindisches, überaus lächerliches Gekreische. Jeder Vorübergehende mußte auf den Gedanken kommen: „Dem scheint’s über alle Begriffe gut zu gehen!“ Nur Frau Lisett ließ sich durch den Singsang des Töpfers nicht irreführen. Sie wußte immer ganz genau, ob er ein paar Groschen für seine Ware erstanden oder wieder, ohne etwas abzusetzen, heimgefahren war. Er wagte beim letzten Fall keinen Blick zu ihr hinüberzutun und sein spitz zulaufendes Köpflein sah dann noch einmal so lang aus als sonst. Wenn er aber trotzdem wie verrückt in der nächsten Stunde darauf lossang, erstand in dem Herzen der rundlichen Frau Lisett allemal ein peinliches Durcheinander von Zorn, Empörung, Verachtung und Rührung, welche letztere jedoch gewöhnlich den Sieg davontrug. Sie füllte ein Schüsselchen von der für den Abend zurückgestellten Suppe und trug sie dem einsamen Manne hinüber. Während er aß, schalt sie ihn tüchtig aus, und er bekam zum hundertstenmal zu hören, daß er nichts könne und nichts verstehe und darum auf der Welt nichts tauge, während sie — ja, er solle sich nur ein Beispiel an ihrer Tüchtigkeit nehmen — ein Haus voll Kinder durchzubringen habe und ihn noch mitfüttere. Darauf lächelte er sie ganz verträumt mit seinem nach innen gerichteten Blick an, nickte schlau und behauptete: „Es ist das letzte Mal, Lisett, du wirst sehen, mit meinen nächsten Sachen hab’ ich Glück — die sind schön, die sind was ganz Besonderes — ich werd’ dir deine Buben noch alle satt machen, nur noch ein bißle Geduld, Lisettle!“ — Wie oft, wie unzählige Male hatte er das schon gesagt. Am liebsten hätte sie aufgelacht, aber die rührende Zuversicht, die der Mensch da an sich hatte, bändigte ihre Gelüste immer wieder von neuem. „Mach vorwärts!“ sagte sie rau, „iß deine Suppe fertig, ich hab’ keine Zeit zum Warten!“ Der Töpfer aber löffelte immer langsamer, mit immer größeren Pausen an seiner Suppe herum. Auf dem Fenstersims saß die Bimbel und wendete kein Auge von ihm, aber sie war gescheit und wußte ganz genau, daß, wenn sie jetzt schreien und ihren Anteil verlangen würde, Frau Lisett sie unfehlbar zur Tür hinauswarf. Sie wußten überhaupt alle drei, die zwei Menschen und das Tier, was eines vom andern dachte, denn was jetzt folgte, hatte sich schon unzählige Mal zwischen ihnen abgespielt — ein Kampf, zu dem regelmäßig die schüchterne Bemerkung des Töpfers Anlaß gab: „Die Bimbel hat auch noch nichts gehabt, Lisette —„. „Die Bimbel!“ — jetzt war’s um die Geduld der kleinen Frau geschehen, „das unnütz’ Vieh — ich dreh’ ihr gewiß noch einmal den Hals um — hab’ ich nicht sieben lebendige, ewig nach Brot schreiende Kinder — und soll sie verkürzen für die Katz’ — nein, nein, nein sag’ ich!“ Bei dieser in schrillem Ton hervorgestoßenen Versicherung kroch die Bimbel vorsichtshalber unter den Schrank, daß nichts mehr von ihr zu sehen war als ihr leise zuckendes Schwanzendlein, und der Töpfer erklärte: „Dann nimm nur deine Suppe wieder mit, Lisett! Ich mag mich nicht satt esse, wenn das Tier nichts haben soll —„. „Gut, auch gut!“ Frau Lisett nahm ihre Suppe auf und ging damit zur Tür, blieb hier einen Augenblick stehen, machte dann plötzlich Kehrt und stellte das Schüsselchen mit einem zornigen: „Da!“ auf den Tisch. Der Töpfer sah sie mit einem gutmütigen Lächeln an: „Tust immer so wüst und bist nicht halb so grob.“ „Doch, ich bin’s,“ behauptete sie und warf die Tür hinter sich zu. Die Bimbel aber wußte, wie viel es geschlagen, kam aus ihrem Versteck hervor und ließ sich die Suppe vortrefflich schmecken. — Sie hatten sich in jungen Jahren liebgehabt, der Kleckser-Sepp und die Lisett. Allein die energische kleine Person mit dem krausen Haar und den lebhaft blitzenden Augen verlangte, daß der Sepp erst ein ordentliches Auskommen haben müsse, bevor er sie heimführe. Er versprach’s. Da ihn aber seine absonderlichen Ideen immer wieder von dem, was er eigentlich schaffen sollte, abbrachten, wurde der Lisett die Zeit lang, und sie fand es für geraten, die Werbung eines Mannes anzunehmen, der einen Laden besaß und einen auskömmlichen Verdienst. Nach zwölfjähriger Ehe blieb sie allein mit sieben krausköpfigen gesunden Buben, die mit aller Müh’ und Not nicht sattzukriegen waren. Die Auslage am Ladenfenster der Frau Lisett schrumpfte mit der Zeit mehr und mehr zusammen. Eßwaren, die ihr bisher das meiste eingetragen, konnte sie ihrer hungrigen Buben wegen nicht länger führen, da sie alles, was einigermaßen verdaulich war, vor diesen nicht zu schützen vermochte. Ein paar menschenfreundliche Kunden fuhren fort, sich der Landenhüter der Witwe zu erbarmen und von dieser geringen Einnahme sollte gelebt werden. Das war nicht leicht, aber Frau Lisett war gesonnen, sich durchzuschlagen. Sie tat immer so, als ginge es ihr wunder wie gut, saß bis in die Nacht auf und nähte für die Leute und war des Morgens um vier wieder auf den Beinen. Die Knaben mußten Tüten verfertigen, die die Kaufleute im Städtchen der Witwe um ein billiges Geld abkauften. Keine Mühe, keine Arbeit war der tüchtigen Frau zu viel — nur sich allein durchbringen, nur keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen müssen! Manchmal aber, wenn ihr die Sorgen über den Kopf wuchsen und sie sich heimlich abhärmte und keinen Rat wußte, fing der drüben an zu singen, als sei ihm das große Los in den Schoß gefallen, und das konnte sie oft plötzlich umstimmen, daß sie sich ihres Kleinmuts schämte und still wurde und ihr Kreuz weiter trug. Zuweilen aber bewirkten die jubelnden Töne aus dem Töpferhäuschen das Gegenteil, daß sie sich zornig zum Fenster hinausbog und dem über seine Drehscheibe gebeugten Mann die Worte zurief: „Was singst denn wieder, du einfältiger Mensch? Es ist ja nicht zum Anhören, wenn einer nicht weiß, wo den Mut hernehmen zum Leben.“ Und er nickte mitleidig hinüber: „Ja, ja, das ist halt, weil du keine Ideen hast, Lisettle. Mag wohl ein recht trübseliges Dasein sein, wenn einem so gar nichts kommt!“ „Jawohl, bedaure mich auch noch,“ höhnte die Frau herüber, „tu auch noch groß mit deinen Ideen — du allmächtiger Gott — die keine Katz’ ernähren!“ Der Töpfer, den nichts mehr verdroß, als wenn man ihn aus seinem Erfindungseifer riß, erhob sich von seiner Drehscheibe und fuhr mit dem Kopf zum Fenster hinaus: „Was schiltst du mir meine Ideen, du! Was hab’ ich denn sonst? Sitz’ ich nicht im Schatten und du in der Sonne, daß alle deine Scheiben erglänzen, und ist doch nichts dahinter als dummes, häßliches Zeug — ja, wenn meine schönen Sachen einmal in der Sonne stünden, vom Licht beschienen, in vierzehn Tagen wär’ ich ein reicher Mann!“ Er warf sein Fensterchen zu und die Nachbarin drüben ebenfalls, nur daß sie sich hinter ihrer Scheibe halbtot über den verrückten Menschen ärgerte, während er sich den Fall ausmalte. Wenn sie wirklich alle drüben stünden im Lädchen der Nachbarin, seine Schüsseln und Schalen, seine Krüge und Gefäße — endlich alle beschienen vom Lichte der Sonne —. Und nun sah er im Geiste einen ganzen Zug reicher, vornehmer Leute daherkommen, wie sie in Badenweiler herumliefen, und sie drängten sich ins Lädchen und kauften und kauften, daß der schmale Tisch mit Gold- und Silberstücken ganz bedeckt war. Und jetzt ging’s an die Ausmalung des zweiten Lieblingswunsches: wie er den Buben drüben recht gründlich zu essen gab — das war eine Lust! Den halben Bäcker- und Metzgerladen kaufte er aus —- immerzu, immerzu. Er konnte nicht genug bekommen und merkte in seinem Eifer gar nicht, daß sich die Bürschlein inzwischen alle vor seinem Fenster aufgepflanzt hatten. Erst als sich die hell- und dunkelblonden Krausköpfe gar zu sehr herandrängten und dem Töpfer Lust und Licht raubten, gewahrte er sie, und einen Augenblick Wahrheit und Dichtung durcheinandermengend, nickte er ihnen freundlich zu und forderte sie auf: „Nur zugelangt, nur recht gegessen, recht gegessen!“ Ein helles Gelächter ertönte aus sämtlichen Kinderkehlen. Sie wußten nur zu gut, daß es beim Onkel Kleckser nichts zu essen gab, destomehr aber zu bewundern. Und denen entging nichts, jede neue Form rief ihr Entzücken wach; denn was sie da sahen, war’s nicht zum Teil auch ihr Werk, erkannten sie nicht auf des Nachbars Gefäßen und Schalen jene mannigfaltigen Blumen, die sie herbeischleppten, nicht die Flügel all der Schmetterlinge, die sie für den Freund fingen und die ihm als Muster für seine Farbenstimmungen dienten? So entstanden aus den kleinen Trichtern, in welchen er seine Farben mischte, die eigenartigen Gebilde, welche die Herzen der Kinder zu unbegrenzter Bewunderung hinrissen. Daß diese Dinge dem Töpfer nichts eintrugen, das machte ihre jungen Seelen nicht irr. Vielmehr wollten sie alle miteinander nichts anderes als Töpfer werden und erlitten lieber Schläge und was es sonst an Strafen gab, als daß sie das heimliche Kneten ihrer Tonklümplein hätten sein lassen, für die sie alle Verstecke der Welt ausfindig zu machen wußten. Oftmals de Abends, wenn der Töpfer in Gesellschaft seiner Katze auf der Steintreppe seines Häusleins saß, stahl sich plötzlich so eine kleine Kinderhand in die seine, und die Bitte wurde ihm ins Ohr geflüstert: „Komm mit herüber, Onkel Kleckser! Die Mutter will mich hauen.“ Da trabte er denn bereitwillig mit den Sünderlein über die Gasse und ließ sich durchs Lädchen in die längliche Stube führen. Drin stand ein Tisch, und um denselben saßen die Krausköpfe und verfertigten ihre Papiertüten. Obenan aber thronte die Mutter mit ihrer Näharbeit, und hinter ihr, an vier großen, festen Nägeln hingen in schönster Ordnung — ein Lederriemen, ein spanisches Rohr, ein Seilende und eine Rute. Diese vier Gegenstände, die alle dem Aussehen nach auf eine lebhafte Berufstätigkeit schließen ließen, hingen gerade so, daß Frau Lisett nur ein wenig zurückzugreifen brauchte, um im geeigneten Moment dieses oder jenes Instrument zu erfassen. „Nix da, Schläg’ müssen sein!“ fuhr sie den Nachbar allemal an, sooft er als Fürbitter für einen ihrer Buben bei ihr erschien, „wenn ich an allem sparen muß, an der Erziehung wenigstens soll nicht gespart werden. Arbeiten müssen sie lernen und gehorchen.“ Wenn sie der Jugendfreund dann mit seinem bittenden Blick ansah oder gar den ersten Streich, der den Übeltäter treffen sollte, selber auffing, da schob Frau Lisett den Eindringling ohne weiteres zur Tür hinaus, und draußen auf der Treppe sagte sie ihm die Meinung: „Glaubst du vielleicht, ich hau’ die Buben aus Vergnügen? Wenn einer kriegt, so hat er’s verdient, und du sollst nicht kommen und mich in meiner Pflicht hindern. Es ist grad’ genug, daß du deine eigene nicht tust. Ich will der Welt zeigen, was eine Witwe kann und daß ich keines Menschen Hilfe brauch’, sondern genug Verstand hab’, allein fertig zu werden.“ Aber so sehr sie sich auch bemühte und abplagte, das Auskommen wurde ihr von Tag zu Tag schwieriger, während sich der Appetit der heranwachsenden Buben in gleichem Maße steigerte. Wenn sie ihn dann wieder und wieder mit seiner abgewiesenen Ware heimfahren sah, den Töpfer, so bedauerte sie ihn wohl, aber nur bis zu dem Augenblick wo er zu singen anhob. Nein, sie konnte diese jubelnden, kindischfrohen Töne nicht länger mit anhören, sie war zu sorgenvoll, zu tief im Elend. Sie beantwortete eines Abends die Frage eines der Kinder, ob der Onkel Kleckser heute keine Suppe bekomme, mit einem entschiedenen: „Nein, ihr sollt nicht immer um seinetwillen verkürzt werden, eßt ihr nur alles auf, ihr braucht nichts übrig zu lassen!“ Die Kinder löffelten weiter, bis mit eins der Große sich vom Tisch erhob und mit seltsam gepreßtem Ton erklärte, er habe genug. Die anderen folgten seinem Beispiel, und als die Mutter verwundert ausrief: „Die Schüssel ist ja noch nicht leer!“ schauten sie wohl voll Verlangen nach der Suppe hin, aber keiner war zu bewegen, noch einen Löffel voll zu nehmen. Da wurde Frau Lisett ganz seltsam zumute, und rot bis unter die Haarwurzeln, nahm sie rasch die Schüssel auf und trug sie hinüber. Als sie den Rest vor den Töpfer hinsetzte, überkam sie’s, und sie erzählte dem Mann unter Tränen, wie tief die Kinder sie beschämt hatten. Es war längst dunkel geworden, der Töpfer saß noch immer an seinem Platz am Fenster; eine grenzenlose Entmutigung hatte sich seiner Seele bemächtigt. „Es ist wahr, es ist wahr,“ nickte er vor sich hin, „ich bin ein kläglicher, lächerlicher Mensch!“ Um seiner Ideen willen hatte er gehungert und sich einen Narren schimpfen lassen, er hatte ihnen seine Liebe geopfert — und nun fiel ihnen auch noch seine Ehre zum Opfer. Denn war’s nicht ehrlos, sich von einer Witwe unterstützten zu lassen und ihren Kindern die Suppe wegzuessen? Er hatte es bisher getan in dem sichern Gefühl, ihnen eines Tages hundertfach ihre Wohltat vergelten zu können. Jetzt hatte ihn diese Hoffnung plötzlich verlassen, er sah klar, und seine Seele wand sich unter den Qualen einer grausamen, bitteren Selbstverachtung. Ein glühender Haß erfaßte ihn gegen seine Ideen, und er fragte sich: „Kann ich sie denn nicht aus mir heraustreiben — kann ich sie nicht vernichten — zerschlagen — zerstampfen?“ „Jawohl kann ich’s! ich brauch’s ja nur zu wollen —„ Er ging hin, steckte seine kleine Öllampe an und nahm seinen Stock aus der Ecke. So bewaffnet, trat er hinaus in den Hof. „Jetzt geht’s euch an den Kragen,“ murmelte er, „wart, du Gesindel, das mich gefoppt all mein Leben lang — in Scherben will ich euch zusammenkehren und auf den Anger schleppen, und sie sollen’s erleben in Kandern, daß aus dem Kleckser-Sepp ein vernünftiger Mann geworden —„ Er öffnete die Tür des Schuppens und leuchtete mit seinem flatternden Lämplein hinauf zu den Geschmähten, die gar wunderlich aus dem Halbdunkeln auftauchten, ein seltsames Gewirr schlanker, rotleuchtender Gestalten. „Ihr seid alle schön,“ seufzte der Töpfer, „aber ihr müßt doch sterben —„ Und er hob den Stock, während ein lautes, jammervolles Ächzen seiner schmalen Brust entstieg. Da löste sich ein dunkler Schatten aus der großen Schale des obersten Schaftes, lautlos glitt er an den gebrechlichen Dingen vorbei und blieb auf dem untersten Schafte sehen, und die grünlichen, wie Phosphor schimmernden Augen der Katze glühten den Töpfer unheimlich an. Sie miaute nicht wie sonst, sie schnurrte auch nicht, wie er’s von ihr gewohnt war, wenn er in ihre Nähe kam. Sie starrte ihn nur an, als fühle sie aus seinem Wesen, aus seinem Gebaren heraus, daß er etwas Ungeheuerliches im Schilde führe. Dem Mann wurde ganz unheimlich zumute vor dieser ihn drohend anstarrenden Hüterin seiner Schätze, und er war froh, einen Grund zu haben, sich davonzumachen. Als der Tag anbrach, hatte er eine neue Idee. Aus dem funkelnden Blick der Katze war sie ihm erstanden: die feurigen Punkte glühten ihm aus dem Türchen eines mächtigen Kachelofens entgegen, der sich plötzlich vor seinen inneren Augen aufbaute, schön, herrlich, wie er sich nie etwas erträumt. Die Pulse flogen ihm vor Schaffenslust, und seine Hände zitterten, als er an sein neues Werk ging. So war denn wieder einmal das Glück in dem kleinen Töpferhäuschen eingekehrt. Die Nachbarin drüben schlug einmal übers andere die Hände über dem Kopf zusammen, denn so hatte er noch nie gesungen, so ausdauernd und ohrenzerreißend, so ganz und gar des Jubels voll. Um das emsige Männlein aber türmten sich Kacheln um Kacheln, an denen er allerlei figürliches formte, das er mit Farben auftrug. Da sah man auf einer ihn selber, wie er über seiner Drehscheibe saß, neben ihm die Bimbel mit artig geringeltem Schwänzlein. Das Lisettle war abgebildet, jung und schlank, wie sie sich von ihm abwandte und dem anderen die Hand reichte. Auch der Barthel Meier fand seine Verewigung, die Ware des Töpfers mit ausgespreizten Fingern von sich weisend. Dann wieder saß er vor seinem Muffelofen, um abzuwarten, ob die Kinder seiner Arbeit die Feuerprobe bestanden. Und wenn dann und wann auch ein Brand verunglückte, so formte er unverdrossen Neues weiter, und sooft die Nachbarin ihm zu Gesicht kam, nickte er ihr fröhlich zu: „’s kommt mir was, s’ kommt mir was, Lisettle, paß auf, jetzt gelingt’s!“ Sie ließ ihn reden, sie war ganz verändert, es ging nicht mehr so weiter: es mußte etwas geschehen. Und nun kämpfte sie mit dem Entschluß, der ihr vollends ihr bißchen Schlaf und Ruhe raubte. Sie hatte so lange vor den Leuten mit ihrer Tüchtigkeit geprahlt, daß es ihr jetzt nicht über die Lippen wollte: “Ich bin in Not, ich brauche Hilfe, ich weiß mir nicht mehr Rats.“ Oft schon war sie mit der Absicht beim Töpfer eingetreten, ihm alles zu sagen, ihn mit ihrer traurigen Lage bekanntzumachen. Er aber sah nichts als seine Kacheln, er hatte nichts anderes im Sinn als diese, und eines Tages hielt er’s mit seiner Freude nicht länger aus, packte, was er fertig hatte, in seinen Karren und fuhr damit zum Händler. Der stand in der Tat ganz verdutzt vor dieser heiteren Farbenpracht. Eigentlich fand er die Kacheln schön, aber dies konnte man doch nicht einem Menschen eingestehen, der für einen Narren galt und nie etwas Vernünftiges geleistet hatte. „Pack die Kacheln wieder in den Karren!“ meinte das vorsichtige Männlein, „wir wollen einmal die Sache mit dem Barthel Meier bereden. Vier Augen sehen besser als zwei.“ Der Barthel Meier stand wie immer vor seinem Haus, und in seinem Gesicht blitze es freudig auf, als er die beiden daherkommen sah. Bevor er nur wußte, um was es sich handelte, schrie er schon sein, „Nix, nix, alles dummes Zeug!“ und bückte sich und bekam gerade die Kachel in die Hand, auf der sein krummbeiniges Konterfrei mit dem roten Haarschopf ihn anglotze. Das war ihm sehr empfindlich, er ließ sich aber nichts merken, sondern rieb sich die Hände und lachte wie nicht gescheit. „Ja, was meinst denn? So ein dummer Kerl, so ein Dummer Kerl! Weißt denn nicht, biblische Geschichte oder Weltgeschichte gehört auf die Kacheln, schöne, bedeutende Schicksale und kein Unsinn — das ist ja alles Unsinn —„ „Hm“ meinte der Töpfer und packte seine Kacheln schön sorgfältig wieder in den Karren, „das sind meine Schicksale, und die sind mir bedeutend genug, und da ich in der Welt bin, so ist’s auch Weltgeschicht’!“ Sprach’s und fuhr davon, während die beiden Händler ihm ein schallendes Hohngelächter nachsandten. Als er aus ihrer Gesichtsweite war, brach der Töpfer zusammen. Er mußte eine Weile stillstehen, denn der Herzschlag setzte bei ihm aus, und stöhnend ließ er sich neben seinen Kacheln auf den Karren nieder. Dies geschah in der Hauptstraße zu Kandern an einem wunderschönen Frühlingsnachmittag. Aus allen Gärten und Gärtlein lugten blühende Obstbäume, und die Luft war erfüllt von jauchzenden Kinder- und Vogelstimmen. Der Töpfer wollte seinen Karren wieder aufnehmen, aber die Last ging plötzlich über seine Kräfte. Nach ein paar vergeblichen Versuchen ließ er die Arme sinken und sah sich ratlos nach Hilfe um. Dabei zitterte ein tiefschmerzliches Lächeln um seine Lippen und als er einen Vorübergehenden anrufen wollte, kam nur ein leißer heißerer Laut aus seiner Kehle. Plötzlich blieb sein Blick an einer Staubwolke hängen, die unten in der Gasse auftauchte. Das Kindervolk aber eilte mit lautem Gekreische den feurigen Rossen entgegen, die sich mit ihrem glitzernden Geschirr aus dem Staube lösten. Und überall, aus allen Häusern kamen die Leute gelaufen und der freudige Ruf: „Der Landesvater, die Landesmutter!“ hallte durchs ganze Städtchen. Kerzengrad’ stand der Töpfer zwischen den Deichselarmen seines Karrens und riß den Hut vom Kopf. An ihm vorbei fuhr der Wagen mit dem jungen, strahlenden Fürstenpaar, das den alten Mann am Wege mit freundlichem Lächeln grüßte- Und er bückte sich, nahm seinen Karren auf und fuhr heim. Eine plötzliche Hoffnung, eine unbeschreibliche Freudigkeit durchzuckte seine Seele. Weilten sie nicht seit Wochen in Badenweiler, der Landesvater und die Landesmutter und kein Dörflein war ihnen zu klein, keine Ortschaft zu gering, überall erschienen sie und erkundigten sich nach dem Leben und Treiben ihrer Landeskinder! — O gewiß, sie brauchten seinen Kachelofen nur zu sehen, dann war sein Glück gemacht! Mit erneuter Lust ging er an seine Arbeit, eine ganze Stufenleiter glückseliger Ereignisse erstand unter seinen emsigen Händen. Dabei bemerkte er nicht, daß das Süpplein, das ihm die Lisett herüberbrachte, immer dünner und kraftloser wurde und sie selber blaß und verhärmt aussah wie eine Bettlerin. Und eines Tages klopfte sie ihm auf die Schulter, und als er aufsah, nickte sie ihm traurig zu: „Es ist aus, Sepp, ich kann dir nichts mehr bringen — ich bekomm’ keine Ware mehr, weil ich sie nicht mehr zahlen kann — ich muß mein Häusle verkaufen und um fremde Hilf’ bitten — lieber wär’s mir’s freilich, die Welt ging’ unter, aber ich weiß nicht mehr, wie ich acht Kinder durchbringen soll — und weil’s nimmer so länger geht, so muß halt jetzt was geschehen.“ „Und es wird auch was geschehen,“ erklärte der Töpfer „ja, Lisettle, du brauchst dich nicht länger zu grämen. Wir sind jetzt am Ziel, das Glück ist da. —„ Er sah wie verklärt aus, und sie starrte ihn völlig ratlos an: „O, du grundverrückter, glückseliger Mensch!“ Er lächelte schlau: „Es ist alles wohl überlegt Lisettle. Die ganze Geschichte, wie’s kommen muß, steht auf den Kacheln abgebildet. Du mußt mir nur deinen Laden räumen. Ich setz’ meinen Ofen im Fenster zusammen, dann bringen wir alles aus dem Schuppen herüber. Hernach sollst du einmal sehen, wenn meine Sachen in der Sonne glänzen —„ Zuerst überkam sie’s wie einer ihrer alten Wutanfälle, und sie wollte über den alten Mann herfallen, dann aber schüttelte sie plötzlich den Kopf. Diese nimmermüde Zuversicht, dieser Glaube ohne Grenzen erregte ihr Erstaunen. Sie sagte zu sich selber: „So einem müßte doch Gott helfen!“ Und da dies bis jetzt nicht geschehen war, nun so wollte sie wenigstens dem armen Menschen das ersehnte Glück gönnen, einmal seine Sachen in der Sonne zu sehen. Im Städtchen wurde viel gelacht, als der Kleckser-Sepp im Laden der Witwe seine Ware aufzubauen begann. Als aber eines Morgens der Ofen schön fertig dastand mit all den übrigen Sachen und Sächelchen des Töpfers, blieb doch jeder erstaunt vor dem Lädchen stehen. Denn wenn man auch wußte: alles, was der Kleckser-Sepp schafft, ist dummes Zeug, lustig anzusehen waren sie darum doch, diese schlanken, wunderlichen Gefäße, Krüge und Schüsseln, die in dichtem Gedränge den stattlichen Ofen umgaben. Der Töpfer aber saß drüben an seinem Fenster. Was er jahrelang ersehnt, sich jahrelang ausgemalt, es war erreicht: seine verschmähten und unbegehrten Lieblinge standen in der Sonne, tausendfältiges Licht umspielte sie und brach sich in den buntbemalten Kacheln des Kunstofens. Freilich von denen, die den Laden umstanden und die Ware anstarrten, ging keiner hinein, etwas zu kaufen. Das taten nicht einmal seine nächsten Nachbarn, obwohl sie mit Schauen nicht fertig werden konnten. Aber da war der Barthel Meier herzugekommen und der lachte laut ob dem dummen Zeuge im Ladenfestern, überlaut, daß es durchs ganze Gäßlein schallte, und da war natürlich jedem das Urteil gegeben. Denn der Barthel Meier, der mußte es ja verstehen, und so lachten sie alle mit, lachten laut und grell und hielten sich die Seiten. Und so sahen sie die Staubwolke nicht, die unten in der Gasse auftauchte, und hörten nicht das leise Heranrollen der Räder auf dem weichen Sand, bis der Wagen plötzlich vor dem Ladenfenster stillstand. Er wäre vielleicht vorübergefahren — ja, ohne Zweifel wäre er weitergefahren, hätte nicht der Auflauf der Menschen, in deren Mitte der Barthel Meier sich ereiferte, die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. In dem Wagen aber saß das fürstliche Paar, und als nun die Leute vor dem Ladenfenster auseinander stoben, wunderte sich die junge Landesmutter gar sehr über die hübschen Sachen, die da in der Sonne glitzerten, und im nächsten Augenblick standen die Herrschaften im Lädchen vor der Lisett, die über das wunderbare Ereignis dermaßen den Kopf verlor, daß sie die Schürze vors Gesicht schlug und in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach. „Ach,“ seufzte sie, als die Landesmutter nach ihrem Kummer fragte, „weil halt das Wunder wirklich und wahrhaftig eingetroffen ist — ja wohl, Frau Landesmutter, er hat's immer prophezeit, und ich hab’ nie dran geglaubt — und jetzt ist’s da!“ Der Fürst meinte: „Wir verstehen Euch nicht recht. Wir möchten gern wissen, wer all die schönen Sachen gemacht hat.“ Da fand die Lisett ihr Selbst wieder: „Der dort drüben, der Kleckser-Sepp, hat alles gemacht — kein Mensch hat ihm was abgekauft, alle haben ihn ausgelacht. Er hat sich’s aber nicht verdrießen lassen und nie den Mut verloren, obwohl er dabei gehungert hat und ein alter Mann geworden ist — und so hab’ ich denn in Gottes Namen nachgegeben, denn das war sein größter Wunsch, seine Sachen einmal in der Sonne zu sehen — und ich selber hab’ doch nichts mehr in mein Ladenfenster zu stellen, denn ich bin Witwe und —„ Sie stockte, denn es wollte ihr nicht über die Lippen, daß sie in Not war, und die junge Landesmutter richtete die Frage an sie, ob sie Kinder habe. „Doch, freilich,“ sagte Frau Lisett, „achte, wenn’s erlaubt ist,“ und riß die Tür ins Hinterstübchen auf, wo sie alle um den länglichen Tisch saßen und ihre Papiertüten verfertigten. Groß und verwundert starrten sie das Fürstenpaar an, das in seiner Jugendschöne den Kleinen wie Wesen aus einer anderen Welt erschien. „Ihr scheint Eure Kinder recht gut zu erziehen?“ ließ sich die Stimme der jungen Landesmutter vernehmen. Frau Lisett nickte und zeigte an die Wand: „Wir haben halt einen Riemen, ein spanisch’s Rohr, ein Seilend’ und eine Rut’ —„ worauf das Paar einen lächelnden Blick miteinander tauschte und in den Laden zurückkehrte. Hier fragte die Landesmutter mit einem teilnehmenden Blick: „Ich habe aber nur sieben Kinder gezählt, wo ist das achte, liebe Frau?“ „Ach Gott ja, ich bitt’ um Verzeichnung!“ Entgegnete Frau Lisett, „eigentlich hab’ ich nur sieben, aber ich hab’ mir’s inwendig so angewöhnt, den Töpfer drüben, den ich aus der Jugend her kenn’ mitzuzählen. Denn wenn er auch geschafft hat von morgens bis abends, verdient hat der arm’ Tropf nicht das Nötigste —„ „Und ist doch ein Meister,“ unterbrach sie die Landesmutter „ein ganzer Meister! Ruft uns den Mann herüber, liebe Frau, wir müssen ihn kennen lernen.“ — Ein paar Augenblicke später schritt der Töpfer über die Gasse, zwischen den Leuten hindurch, die alle noch dastanden, denen nun aber das Lachen vergangen war. Ganz ruhig, ohne jede Erregung stand der bescheidene Mann vor seinem Landesfürsten und beantwortete die Fragen, die man an ihn stellte. Auch über die Reliefs am Ofen gab er Auskunft, und indem er’s tat, enthüllte er sein ganzes Leben, seine Schaffensfreudigkeit, sein Glück, das keine Not zu trüben vermochte, sein Hoffen ohne Unterlaß — bis zu dem Augenblick, als ihn der Barthel Meier mit seinen Kacheln heimschickte. „Ja, da hin ich zusammengebrochen, seht — da sitz’ ich,“ sagte er, auf eine der Kacheln deutend, „und hab’ denkt: „Jetzt ist Matthäi am letzten — jetzt hat dir’s einen Riß geben wie der Blitz, wenn er in den Baum schlägt und ihm’s Mark verzehrt.“ — Aber auf einmal —„ er wies auf das große Mittelstück des Ofens —„schaut genau hin, Herr Landesvater und Frau Landesmutter, das seid Ihr — seid Ihr einhergefahren wie die Hoffnung und das Leben und die mildstrahlende Sonne an Gottes Himmel. Das war der Fingerzeig, da hab’ ich’s gewußt: jetzt kommt’s, das Glück — jetzt bin ich heraus!“ Und er deutete auf sein letztes Relief zu oberst des Ofens: „Das da sind dem Lisettle seine Buben, denen ich solang die Supp’ verkürzt und die jetzt alle um die volle Schlüssel sitzen und essen und essen, bis sie nimmer können. Sodann aber hab’ ich keinen Wunsch mehr auf Erden,“ schloß der Töpfer seinen Bericht. Dem jungen Paare waren die Augen feucht geworden, sie drückten dem Manne wiederholt die Hand. Der Ofen wurde sofort gekauft, ein zweiter bestellt. Die junge Fürstin gab sich noch nicht zufrieden. Sie wollte auch die Zukunft dieser Menschen gesichert wissen und versprach, für die Kundschaft zu sorgen. Der Töpfer solle nur hübsch weiter arbeiten und Frau Lisett den Verkauf seiner Arbeiten übernehmen. Sie standen noch immer wie im Traum, der Töpfer und seine Jugendliebe, nachdem das fürstliche Paar längst den Laden verlassen. Frau Lisett war die erste, welche auf dem Ladentisch ein paar Goldstücke blinken sah und schreiend darauf losstürzte. Dann stolperte der Barthel Meier in den Laden, mitten in die Freude der beiden hinein und erklärte, er habe sich’s nun überlegt, er wolle in Gottes Namen in Zukunft die Sachen vom Kleckser-Sepp in den Handel nehmen. Viel käm’ freilich nicht dabei heraus, aber er, der Barthel Meier, sei nicht interessiert, das könne er dreist behaupten, und er hoffe nicht, daß ihm einer widerspreche. Der Töpfer schwieg und lächelte vor sich hin, aber die Lisette redete: „Ihr seid gar zu gütig, Barthel, aber Ihr kommt ein bißle zu spät. Wir —- ich und der Sepp und der Landesvater und die Landesmutter — wir haben schon alles miteinander ausgemacht. Sie sorgen für die Kundschaft und ich für den Handel. Der Sepp aber ist in Zukunft nimmer der Kleckser-Sepp, sondern — hat die Landesmutter selber gesagt — ein Meister, und wer das in Zukunft nicht einhalt’, den zeig’ ich gleich im Schloß in Badenweiler an.“ Eine halbe Stunde später war in der kleinen Stube hinter dem Laden eine gar zufriedene Gesellschaft versammelt. Die Abendsonne, welche das Lädchen verlassen, warf nun ihre paar letzten Strahlen zum Hoffensterchen herein, gerade über den Tisch hin, an welchem die Kinder und die Alten saßen und gar angelegentlich mit ihren Zinnlöffeln einer mächtigen Schüssel Reisbrei zusprachen. Das ging so eine gute Weile fort, gesprochen wurde nichts. Nur mit der Zeit blieb ein Löffel nach dem andern aus, und der Besitzer desselben sank mit einem tiefen Seufzer vornüber und bettete das schwankende Köpflein entweder auf den Arm oder auf den harten Tisch. Zuletzt lagen sie alle um die Schüssel herum mit rot glänzenden Wangen und offenen Mäulchen, überwältigt von dem nie gekannten Gefühl vollkommenen Sattseins. Frau Lisett aber schüttelte den ansehnlichen Rest des Breies auf einen Teller, und als der Töpfer mit einem freudigen: „Gelt, das ist für meine Bimbel?“ danach greifen wollte, meinte die Frau in etwas unsicherem Tone: „Ich möchte’s ihr heut’ selber bringen — ich bin dem Tiere eine Freundlichkeit schuldig.“ Und sie traten hinaus in die dämmerige, menschenleere Gasse. Die auf der Treppe des Töpferheims sitzende Katze ließ sich den Brei mit einem Behagen schmecken, das dem der Kinder nicht nachstand, und die beiden Menschen sahen ihr, wie in Gedanken versunken, eine Weile zu. Dann sagte die Lisett, dem Manne einen Stoß versetzend: „Aber du, Sepp, so freu dich doch, was haben wir erlebt!“ „Ja,“ nickte er, seine Katze streichelnd, „alles satt, alles satt, und meine Sachen in der Sonne – nur – es ist fast zu viel, Lisettle,“ murmelte er, und sein Gesicht nahm einen seltsamen, ängstlichen Ausdruck an, „am End’ kommen mir jetzt keine Ideen mehr, am End’ lassen sie mich jetzt im Stich.“ Sie lachte übermütig auf: „Alter Sepp, erst recht müssen sie jetzt kommen und uns reich machen, und im ganzen Land soll’s heißen, dem Sepp seine Ideen —„ Er legte ihr heftig erschrocken die Hand auf den Mund: „Pst, nichts berufen, nicht Gott versuchen! — du wirst sie mir verscheuchen mit deinem Lachen, du wirst sie mir alle davonjagen — was meinst denn? Es kommt nie eine, wenn ich’s möchte’ oder erwart’. Ich muß klein sein, das haben sie gern, ich muß tun wie Matthäi am letzten.“ — Und er schlurfte sein Trepplein hinauf, als seien ihm alle Glieder gebrochen, und ächzte und stöhnte, daß es zum Erbramen war. „Das lockt sie,“ nickte er der Jugendfreundin zu, „das ist ihnen wie Speck den Mäusen, da kommen sie aus allen Ecken! Aber nur nicht übermütig tun, nur nicht meinen, man könnt’ was — das vertragen sie alle miteinander nicht!“ Und leise auftretend, als fürchte er, die bösen Geister, die da lauerten, zu wecken, verschwand der Töpfer in seinem Heim und machte sachte die Tür hinter sich zu. Quelle: Die Muttersprache, Lesebuch für Volksschulen, Ausgabe A
in 5 Teilen, Fünfter Teil
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