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Abraham a Sancta Clara 1644 - 1709

Johann Ulrich Megerle oder Megerlin - so hieß der spätere berühmte katholische Prediger mit seinem bürgerlichen Namen - wurde am 2. Juli 1644 als Sohn eines leibeigenen Bauern und Gastwirts in Kreenheinstetten bei Messkirch in Baden geboren.
Er besuchte dort die Schule, später von 1656 bis1659 wahrscheinlich das Jesuitengymnasium in Ingolstadt, anschließend das der Benediktiner in Salzburg, wo er von dem berühmten, auch im Zusammenhang mit dem Ordensdrama bekannten Pater Otto Aicher unterrichtet worden sein dürfte.
1662 trat Abraham in das Wiener Kloster der Barfüßer-Mönche des heiligen Augustin ein, flüchtete vor der Türkengefahr vorübergehend nach Prag und Oberitalien, verbrachte dann aber sein Noviziat bis 1666 im Kloster Maria Brunn nahe bei Wien und wurde danach zum Priester geweiht.

Von 1667 bis 1668, vielleicht auch ein Jahr länger,  war er Prediger im bayerischen Kloster Maria Stern in Taxa, dann kehrte er in das Wiener Augustinerkloster zurück und wurde 1677 zum Hofprediger ernannt, der bei all seiner wissenschaftlichen Belesenheit vor allem an Sonn- und Feiertagen zur Begeisterung der Gläubigen sehr volksnah - er habe den Menschen "aufs Maul geschaut", heißt es - gepredigt hat.
Zugleich trater öffentlich als glühender Parteigänger Österreichs und aller katholischen Herrscher auf, etwa in der Lobpredigt Austriacus Austricus von 1673. Auf diesem Wege avancierte er bis zum Hofprediger.
Er hielt dem Volk einen Spiegel vor, griff katholische Priester an, besonders den verschwenderischen Adel und das A-la-mode-Wesen, aber auch Juden und Mohammedaner, scheute vor Übertreibungen nicht zurück. In einem Diskurs protestierte er energisch gegen Die Entheiligung der Sonn- und Feiertage und appellierte eindringlich an die Eltern, ihre Kinder sorgfältig zu erziehen.
Dabei setzte er sein ganzes Bildungsinventar ein und bereitete seine Predigten auch durch Bibliotheksarbeit vor und predigte auch mehrmals auf Italienisch. In Summe ergab sich mitunter ein Wechselbad zwischen volksnah-derben und elaboriert-gebildeten Passagen gespickt mit lateinischen Zitaten.
Abraham trat auch als Gegner von Aberglauben - was z.B. das Auftauchen von Feuerzeichen samt ihrer unheilbringenden Bedeutung betrifft; andererseits jedoch knüpfte er dort, wo es ihm rhetorisch paßte, ungeniert an abergläubischen Vorstellungen an und versuchte mit Syllogismen seine Zuhörer in die gewünschte Richtung zu manipulieren; auch gegen die Alchemisten trat er predigend hervor:

     Goldrnachen wär die beste Kunst,
     wann nur nicht alle Müh umsunst;
     denn wer sein Geld verlaboriert
     und seine Kunst im Rauch probiert,
     dem wird der philosophisch Stein
     ein Grabmal seines Reichtums sein.

1679 wütete die Pest in Wien fast ein Jahr lang: in Merck's Wien schilderte Abraham die Situation der Stadt (siehe Ausschnitt), der zeugt von barocker Antithetik zwischen gesellschaftlich Hoch und Nieder und dies in einer nach heutigen ästhetischen Maßstäben schier endlosen Kette von Vergleichen abhandelt:
"Omnes morimur, ich hab gesehen, daß es muß gestorben sein, ich hab gesehen, daß der Tod ein Fischer, der nicht allein kleine Schneiderfischel ziehet, sondern auch große Walfisch; ich habe gesehen, daß der Tod ein Mäher, der mit seiner Sensen nicht allein abschneidet den niedrigen Klee, sondern auch das hochwachsende Gras; ich hab gesehen, daß der Tod ein Gärtner, der nicht allein die auf der Erde kriechenden Veigelein abbrockt, sondern auch die hinaufsteigenden Rittersporen; ich hab gesehen, daß der Tod ein Spieler, und zwar ein unartiger, indem er kegelt und nicht aufsetzt und nicht allein sticht nach dem Bauern, sondern auch nach dem König; ich hab gesehen, daß der Tod ein Donnerkeil, der nicht allein trifft die durchsichtigen Strohhütten, sondern auch die durchleuchtigsten Häuser der Monarchen [etc.]"

In Auf, auf, ihr Christen! Das ist: Ein bewegliche Auffrischung der christlichen Waffen wider den türkischen Blutegel agierte Santa Clara mit ähnlichen rhetorischen Mitteln, aber so derb chauvinistisch, wie es die Überschrift verspricht; auch davon ein Auszug in Ortsnamenkunde, mit einem Schwerpunkt auf Österreich und einer überstrapazierten Anapher "Es ist ein Stadt (Städtel) in...":
Es ist eine Stadt in Meixen, die heißt Kronenburg; alldort kehren die König ein. Es ist ein Städtel in Palästina, das heißt Bethlehem; allda kehren die Bettler ein. Es ist eine Stadt in Bayern, die heißt Freising, dort kehren die Musikanten ein. Es ist abermals eine Stadt in Bayern, die heißt Filzhofen; dort kehren die Huter ein. Es ist eine Stadt in Schwaben, die heißt Möskirchen; dort kehren die Geistlichen ein. Es ist eine Stadt in Sachsen, die heißt Hadersleben; dort kehren die zankischen Eheleut ein Es ist eine Stadt im Salzburgerland, die heißt Laufen; dort kehren die Boten ein. Zu Schwein- und Ochsenfurt können endlich die Fleischhacker und Metzger einkehren usw. Wo aber sollen die wackeren Soldaten ihr Quartier haben? Es ist ein Markt in dem Herzogtum Steyer, der heißt Mehrzuschlag; allda müssen die Soldaten einkehren.

1680 gilt als wahrscheinlicher Zeitpunkt für die Wahl Pater Abrahams zum Prior des Konvents. Abraham a Santa Clara soll auch mehrere  leider nicht erhaltene Mysterienspiele in lateinischer Sprache verfaßt haben, dazu über 150, stofflich hauptsächlich aus lateinischen Quellen stammende, aber in deutscher Sprache abgefaßte Fabeln (siehe Sonne und Wind), eine Ständesatire Etwas für alle (1699) und sein Wunderliches, Gantz neu ausgehecktes Narren-Nest (1707 ?), einen bunten "Narrenkatalog", in dem die menschlichen Eigenschaften umfassend karikiert wurden.
Insgesamt schrieb Abraham sehr viel, und eine in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienene, allerdings unvollständig gebliebene Gesamtausgabe brachte es immerhin auf 20 Bände.

1683 ging Abraham nach Graz und verbrachte dort etwa drei Jahre. Dort dürfte er zum größten Teil auch sein buntes Werk Judas, der Ertz-Schelm (1. Teil 1686, 2. Teil 1695, wie viele seiner Schriften in Salzburg gedruckt) geschrieben haben. Volksbuchähnlich wurde mit dem Zusammenhalt dieser Un-Figur des Christentums ein dickes Paket an Legenden, Anekdoten, Fabeln und anderen Texten zusammengeschnürt.
Anschließend machte Abraham sich 1687 auf seine erste Romreise. Auf dem Rückweg kehrte er über Graz in das Mutterhaus nach Sankt Loretto in Wien zurück.
Der glänzende Propagandist und Prediger war zu einer sehr einflußreichen Gestalt im Umfeld des kaiserlichen Hofes geworden und erlebte in Wien 1690 seine Ernennung zum Ordensprovinzial. Im Jahr 1692 brach er zu einer zweiten Romreise auf, war ab 1693 wieder in Wien und starb dort am 1. Dezember 1709.