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Augustinus Aurelius
Predigt: Das Licht der Menschen
"Im Anfang war das Wort,und das Wort
war bei Gott, und Gott war das Wort."
Wenn ich erwäge, was wir soeben aus dem Texte des Apostels vernommen
haben, daß "der sinnliche Mensch nicht faßt, was des
Geistes Gottes ist", und weiter bedenke, daß in dieser gegenwärtigen
Schar eurer Liebe notwendigerweise viele Sinnliche sind, die noch nach
dem Fleische urteilen und sich noch nicht zum geistigen Verständnis
erheben können, so bin ich in großer Verlegenheit, wie ich
mit der Hilfe des Herrn sagen oder nach meinem schwachen Vermögen
erklären kann, was aus dem Evangelium verlesen wurde : "Im Anfang
war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort" denn
dies faßt der sinnliche Mensch nicht.
Wie also, Brüder? Sollen wir deshalb schweigen? Warum also wird es
gelesen, wenn man schweigt? Oder warum wird es angehört, wenn man
es nicht erklärt? Aber auch wozu wird es erklärt, wenn es nicht
verstanden wird? Demnach nun, weil unter euch ohne Zweifel manche sind,
die es nicht bloß auf die Erklärung hin fassen, sondern auch
vor der Erklärung verstehen können, so will ich diejenigen,
welche es zu fassen imstande sind, nicht beeinträchtigen aus Furcht,
den Ohren derer, die es nicht fassen können, unnütz zu werden.
Schließlich wird die Gnade Gottes beistehen, vielleicht daß
allen Genüge geschehe und ein jeder das fasse, was er kann, weil
auch, wer redet, das sagt, was er kann.
Denn sagen, wie es ist, wer kann das? Ich wage zu behaupten, meine Bruder,
vielleicht hat auch Johannes selbst nicht gesagt, wie es ist, sondern
auch er, wie er konnte, weil von Gott ein Mensch gesprochen hat, zwar
ein von Gott erleuchteter, aber immerhin ein Mensch. Weil erleuchtet,
hat er etwas gesagt; wäre er nicht erleuchtet gewesen, so hätte
er nichts gesagt; weil aber ein erleuchteter Mensch, so hat er nicht alles,
was ist, gesagt, sondern was ein Mensch konnte, hat er gesagt. Siehe,
was nützt es, daß die Worte erklangen: "Im Anfang war
das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort?" Auch
wir haben Worte gesprochen, als wir redeten. War etwa ein solches Wort
bei Gott? Sind nicht die Worte, welche wir gesprochen haben, erklungen
und vergangen? Ist also auch Gottes Wort erklungen und vergangen? Wie
ist alles durch dasselbe gemacht worden und ohne es nichts geworden? Wie
wird durch dasselbe geleitet, was durch dasselbe geschaffen ist, wenn
es erklungen und vergangen ist? Was für ein Wort ist also dasjenige,
welches gesprochen wird und nicht vergeht?
Eure Liebe merke auf; es ist etwas Großes. Durch den täglichen
Gebrauch sind uns die Worte wertlos geworden, weil sie erklingend und
vergehend ihren Wert eingebüßt haben und nichts anderes scheinen
als Worte. Es gibt ein Wort auch im Menschen selbst, welches drinnen bleibt;
denn nur der Schall geht aus dem Munde hervor. Es gibt ein Wort, welches
wahrhaft geistig gesprochen wird, jenes Wort nämlich, welches du
aus dem Schalle erschließest, welches aber nicht selbst der Schall
ist. Siehe, ich spreche ein Wort, wenn ich sage: Gott. Wie kurz ist das
Wort, das ich gesprochen habe, vier Buchstaben und eine Silbe! Ist etwa
dies das ganze Wesen Gottes, vier Buchstaben und eine Silbe? Oder ist,
so gering an Wert dieses ist, so wertvoll dasjenige, was man darunter
versteht? Was ist in deinem Herzen geschehen, als du hörtest: Gott?
Was ist in meinem Herzen geschehen, als ich sagte: Gott? Ein großes
und überaus hohes Wesen ist gedacht worden, welches alle veränderliche
Kreatur übertrifft, die fleischliche und die beseelte. Und wenn ich
zu dir sage: Ist Gott veränderlich oder unveränderlich?, so
wirst du sogleich antworten: Es sei ferne, daß ich glaube oder meine,
Gott sei veränderlich; Gott ist unveränderlich. Deine Seele,
obwohl klein, obwohl vielleicht noch fleischlich, konnte mir Gott nur
als unveränderlich bezeichnen, alle Kreatur aber ist veränderlich.
Wie also konnte dir im Denken auffunkeln, was über alle Kreatur ist,
um Gott zuversichtlich als unveränderlich zu bezeichnen? Was ist
also das in deinem Herzen, wenn du ein lebendiges, ewiges, allmächtiges,
unendliches, allgegenwärtiges, überall ganz gegenwärtiges,
nirgends eingeschlossenes Wesen denkst? Wenn du das denkst, so ist dies
das Wort (der Begriff) von Gott in deinem Herzen. Ist aber dies der Schall,
der aus vier Buchstaben und einer Silbe besteht? Also alles, was gesprochen
wird und vergeht, sind Töne, sind Buchstaben, sind Silben. Ein Wort,
das schallt, vergeht; was aber der Schall bedeutet und in dem Denkenden
ist, der es gesprochen, und in dem Erkennenden, der es gehört hat,
das bleibt, auch wenn die Töne vergehen.
Wende deinen Geist wieder zurück zu jenem Worte. Wenn du ein Wort
in deinem Herzen haben kannst, so ist es wie ein in deinem Geiste geborener
Entschluß, so daß dein Geist den Entschluß erzeugt und
der Entschluß darin ist wie ein Erzeugnis deines Geistes, wie ein
Sohn deines Herzens. Denn zuerst muß das Herz den Entschluß
erzeugen, damit du ein Gebäude aufführen, etwas Großes
auf der Erde unternehmen kannst; der Entschluß ist schon da, aber
das Werk ist noch nicht vollendet; du siehst, was du vollbringen willst,
aber ein anderer schaut es nicht, bis du das Werk getan und aufgeführt
und jenes Gebäude ausgebaut und vollendet hast; die Menschen sehen
das staunenswerte Gebäude und bewundern den Plan des Erbauers; sie
staunen an, was sie sehen, und schätzen, was sie nicht sehen: denn
wer kann den Plan sehen? Wenn also wegen eines großen Gebäudes
der menschliche Plan gelobt wird, dann magst du daraus sehen, was für
ein Plan Gottes Jesus Christus ist, d. h. das Wort Gottes. Betrachte dieses
Weltgebäude; schaue an, was durch das Wort geworden ist, und dann
wirst du erkennen, was für ein Wort es ist. Betrachte diese beiden
Weltkörper, den Himmel und die Erde. Wer erklärt mit Worten
den Schmuck des Himmels? Wer erklärt mit Worten die Fruchtbarkeit
der Erde? Wer preist würdig den Wechsel der Zeiten? Wer lobt gebührend
die Kraft der Samen? Ihr seht, was ich verschweige, damit ich nicht durch
lange Aufzählung vielleicht weniger sage, als ihr zu denken vermöget.
Aus diesem Gebäude also ersehet, was für ein Wort es ist, durch
welches das Gebäude geworden ist, und es ist nicht allein geworden;
denn all dies kann man sehen, weil es sinnlich wahrnehmbar ist. Durch
jenes Wort sind auch die Erzengel erschaffen worden, die Mächte,
die Throne, die Herrschaften, die Fürstentümer; durch jenes
Wort ist alles erschaffen worden. Erkennet daraus, was es für ein
Wort ist.
Es trete nun irgendein ungläubiger Arianer hervor und sage, das Wort
Gottes sei geschaffen. Wie ist es möglich, daß das Wort Gottes
geschaffen sei, da doch Gott durch das Wort alles geschaffen hat? Wenn
auch das Wort Gottes selbst geschaffen ist, durch welches andere Wort
ist es geschaffen? Wenn du sagst, es sei das Wort des Wortes! durch welches
jenes geschaffen ist, so nenne ich dasselbe den eingeborenen Sohn Gottes.
Denkst du aber nicht an ein Wort des Wortes, so räume ein, daß
dasjenige nicht geschaffen ist, durch welches alles geschaffen ist. Denn
durch sich selbst konnte das nicht werden, durch welches alles geschaffen
ist. Halte also nicht für geschaffen dasjenige, wodurch alles geschaffen
ist, damit du nicht etwa nicht neugeschaffen werdest durch das Wort, durch
welches alles neugeschaffen wird. Denn du bist bereits geschaffen durch
das Wort, aber du mußt neu-geschaffen werden durch das Wort. Wenn
aber dein Glaube betreffs des Wortes schlecht ist, so wirst du durch das
Wort nicht neugeschaffen werden können. Und wenn dir widerfuhr, durch
das Wort zu werden, so daß du durch dasselbe geworden bist, so kommst
du durch dich um. Wenn du durch dich umkommst, so möge der dich erneuern,
der dich erschaffen hat; wenn du durch dich schlimmer wirst, so möge
der dich wiederherstellen, der dich erschaffen hat. Wie aber soll er dich
wiederherstellen durch das Wort, wenn du in irgendeinem Punkte schlecht
denkst vom Worte? Der Evangelist sagt: "Im Anfang war das Wort",
und du sagst: Im Anfang wurde das Wort. Jener sagt: "Alles ist durch
dasselbe geworden", und du sagst, daß auch das Wort geworden
ist. Der Evangelist hätte zwar sagen können: Im Anfang ist das
Wort geworden, aber was sagt er wirklich? "Im Anfang war das Wort."
Wenn es war, dann ist es nicht geworden, damit all dieses durch dasselbe
würde und nichts ohne dasselbe. Wenn also "das Wort im Anfang
war, und das Wort bei Gott war, und das Wort Gott war", und du kannst
nicht erfassen, was dies sei, dann warte, bis du wachsest. Was folgt,
Brüder: "Alles ist durch dasselbe geworden", sehet zu,
daß ihr es nicht so auffasset, als ob das Nichts etwas sei. Es verstehen
nämlich viele die Worte: "Ohne dasselbe ist nichts geworden".,
schlecht und meinen, das Nichts sei etwas. Die Sünde freilich ist
nicht durch dasselbe geworden, und es ist klar, daß die Sünde
nichts ist, und nichts werden die Menschen, wenn sie sündigen. Auch
das Götzenbild ist nicht durch das Wort geworden, es hat zwar die
menschliche Form, aber nur der Mensch selbst ist durch das Wort geworden;
denn die Form des Menschen am Götzenbilde ist nicht durch das Wort
geworden, und es steht geschrieben: "Wir wissen, daß der Götze
nichts ist." Also diese Dinge sind nicht durch das Wort geworden;
aber was immer ursprünglich geworden ist, was immer an den Geschöpfen
sich findet, überhaupt alles, was am Himmel befestigt ist, was von
oben her erglänzt, was unter dem Himmel fliegt, und was sich in der
gesamten Natur der Dinge bewegt, durchaus jedes Geschöpf, ich will
es deutlicher sagen, ich will sagen, Brüder, damit ihr es versteht,
vom Engel bis zum Würmchen. Was ist herrlicher als der Engel unter
den Geschöpfen? Was geringer als ein Würmchen unter den Geschöpfen?
Durch welchen der Engel erschaffen worden, durch den ist auch das Würmchen
erschaffen worden; aber der Engel ist würdig des Himmels, das Würmchen
würdig der Erde. Der Schöpfer hat es so angeordnet.
Alles also, Bruder, durchaus alles ist durch dasselbe geworden,und ohne
dasselbe ist nichts geworden«. Aber wie ist alles durch dasselbe
geworden? Was heißt das? Die Erde ist geworden, aber die Erde selbst,
die geworden ist, ist nicht Leben; es ist aber in der Weisheit selbst
in geistiger Weise eine Idee, wodurch die Erde geworden ist; diese ist
Leben. Wie ich's vermag, will ich es eurer Liebe erklären. Der Tischler
macht einen Kasten. Zuerst hat er den Kasten in der künstlerischen
Idee; denn wenn er den Kasten nicht in der Idee hätte, wie könnte
er ihn bei der Anfertigung hervorbringen? Aber der Kasten ist so in der
Idee, daß es nicht der Kasten selbst ist, den man mit den Augen
sieht. In der Idee ist er auf unsichtbare Weise, im Werke wird er auf
sichtbare Weise sein. Siehe, er ist im Werke geworden; hat er nun etwa
aufgehört, in der Idee zu sein? Wie der eine im Werke geworden ist,
so dauert der andere fort, der in der Idee ist; denn jener Kasten kann
verfaulen und ein anderer aus dem, der in der Idee ist, wiederhergestellt
werden. Betrachtet also den Kasten in der Idee und den Kasten im Werke.
Der Kasten im Werke ist nicht Leben, der Kasten in der Idee ist Leben,
weil die Seele des Künstlers lebt, wo all dieses ist, bevor es in
die Erscheinung tritt. So also, teuerste Brüder, ist deshalb, weil
die Weisheit Gottes, durch welche alles geworden ist, der Idee nach alles
enthält, bevor sie alles verwirklicht, dasjenige, was gemäß
der Idee wird, nicht sofort selbst schon Leben, aber was immer geworden
ist, ist in ihm Leben. Du siehst die Erde, die Erde ist in der Idee; du
siehst den Himmel, der Himmel ist in der Idee; du siehst die Sonne und
den Mond, auch diese sind in der Idee; aber außerhalb der Idee sind
sie Körper, in der Idee sind sie Leben.
Erfasset es, wenn ihr es irgendwie vermöget; denn etwas Großes
ist gesagt worden, und wenn auch nicht von mir als einem Großen
oder durch mich als einen Großen, so doch von einem Großen.
Denn nicht von mir Kleinen ist dieses gesagt worden, sondern der ist nicht
klein, auf den ich hinschaue, um es zu sagen. Fasse es jeder, wie er kann,
soweit er kann, und wer es nicht kann, nähre sein Herz, damit er
es kann. Denn es folgt: "Und das Leben war das Licht der Menschen",
und durch eben dieses Leben werden die Menschen erleuchtet. Die Tiere
werden nicht erleuchtet, weil die Tiere keine vernünftigen Seelen
haben, um die Weisheit sehen zu können. Der Mensch aber ist nach
dem Bilde Gottes erschaffen worden; er hat eine vernünftige Seele,
um die Weisheit erfassen zu können. Also ist jenes Leben, durch welches
alles geworden ist, eben dieses Leben ist Licht, und zwar nicht das Licht
aller Lebewesen, sondern das Licht der Menschen. Darum sagt der Evangelist
kurz nachher: "Es war das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet,
der in diese Welt kommt."
Von diesem Lichte ist Johannes der Täufer erleuchtet worden, von
ihm auch Johannes der Evangelist selbst. Von dem nämlichen Lichte
war voll der, welcher gesagt hat: "Ich bin nicht Christus, sondern
der nach mir kommt, dessen Schuhriemen ich nicht würdig bin aufzulösen."
Von diesem Lichte war erleuchtet der, welcher gesagt hat: "Im Anfang
war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort."
Also jenes Leben ist das Licht der Menschen. Aber vielleicht können
törichte Herzen noch nicht jenes Licht fassen, weil sie durch ihre
Sünden niedergedrückt werden, so daß sie es nicht zu sehen
vermögen. Deshalb sollen sie aber nicht meinen, das Licht sei sozusagen
abwesend, weil sie es nicht sehen können; denn sie selbst sind wegen
ihrer Sünden Finsternis. "Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
und die Finsternis hat es nicht begriffen." Also, Brüder, wie
einem blinden Menschen, der an der Sonne steht, die Sonne gegenwärtig
ist, er aber nicht der Sonne, so ist jeder Tor, jeder Ungerechte, jeder
Gottlose blind am Herzen. Die Weisheit ist gegenwärtig, aber da sie
einem Blinden gegenwärtig ist, ist sie seinen Augen abwesend, nicht
weil sie selbst ihm abwesend ist, sondern weil er von ihr abwesend ist.
Was also soll er tun? Er reinige sich, damit er Gott sehen kann. Wenn
er beispielsweise deshalb nicht sehen könnte, weil er schmutzige
und wunde Augen hat wegen des eingedrungenen Staubes, Schleimes oder Rauches,
so würde. der Arzt zu ihm sagen: Entferne aus deinem Auge alles Schädliche,
damit du das Licht deiner Augen sehen kannst. Staub, Schleim, Rauch sind
die Sünden und Missetaten; tu dies alles hinweg und du wirst die
Weisheit sehen, die gegenwärtig ist; denn Gott ist die Weisheit selbst,
und es heißt: "Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden
Gott anschauen."
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