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Cicero Marcus Tullius Vierte Philippische Rede am 20. Dezember 44 vor dem Volke Euer unerwartet zahlreiches Erscheinen, Bürger, in dieser nach meiner Erinnerung wohl stärksten Volksversammlung gibt mir den freudigsten Ansporn zur Verteidigung unseres Staates und die Hoffnung, ihn wiederaufzurichten. Niemals hat mir hierzu der Mut gefehlt, aber die Verhältnisse versagten. Sobald sie aber auch nur einen Lichtschimmer zu zeigen schienen, stand ich bei der Verteidigung euerer Freiheit in vorderster Front. Hätte ich früher das zu unternehmen versucht, wäre ich jetzt dazu nicht in der Lage. Am heutigen Tage aber sind die Voraussetzungen für alle weiteren Maßnahmen geschaffen worden, und ihr sollt nicht glauben, daß eine unbedeutende Entscheidung gefallen ist. Denn Antonius ist vom Senat zwar dem Namen nach noch nicht als Staatsfeind bezeichnet worden, aber das Urteil über ihn als solcher ist wirklich schon gefällt. Nun aber bin ich viel zuversichtlicher, da auch ihr mit großer Übereinstimmung und mit starkem Beifall bestätigt habt, daß er der Feind des Staates ist. Denn nunmehr, ihr Bürger, können unmöglich die als Frevler gelten, die gegen ihn als Konsul Streitkräfte geworben haben, vielmehr ist jener der Feind, gegen den mit Recht die Waffen ergriffen wurden. Wenn es auch darüber keinen Zweifel gab, so hat doch der Senat am heutigen Tage jegliche Ungewissheit beseitigt. Denn Gaius Cäsar Octavianus, der mit freudigem Einsatz, mit Umsicht und mit seinem Vermögen den Staat verteidigt hat und verteidigt, wurde vom Senat mit außerordentlichen Lobsprüchen geehrt. Ich muß euch loben, Bürger, loben muß ich euch, daß ihr mit dankbarem Herzen den Namen dieses ausgezeichneten Jünglings, der eher noch als Knabe zu bezeichnen ist, begrüßt habt. Denn unsterblich sind seine Taten, ein besonderer Ruhm seines Alters. Vieles weiß ich, vieles habe ich gehört und gelesen, Bürger, aber ich habe in der Geschichte aller Jahrhunderte nichts Derartiges gefunden. Denn als wir unter der Knechtschaft stöhnten, das Unglück von Tag zu Tag anwuchs, wir gar keinen Schutz fanden und die verhängnisvolle und höchst gefährliche Rückkehr des Marcus Antonius aus Brundisium fürchteten, da hat er den von allen unerwarteten und sicherlich ungeahnten Entschluß gefaßt, ein unbesiegbares Heer aus den Soldaten seines Vaters auf die Beine zu stellen und die von grausamsten Plänen angefachte Raserei des Antonius von der Vernichtung unseres Staates abzuwenden. Ein jeder nämlich muß einsehen: Hätte Cäsar nicht das Heer zusammengebracht, dann hätte die Rückkehr des Antonius unseren Untergang bedeutet. Denn so mußte er sich zurückziehen, glühend von Haß gegen euch, besudelt mit dem Blute römischer Bürger, die er in Suessa und Brundisium hatte töten lassen. Dabei hatte er keinen anderen Gedanken, als das römische Volk zu verderben. Hätte aber euer Wohl und eure Freiheit einen Schutz gefunden, wenn nicht Gaius Cäsar über das Heer aus den tapfersten Veteranen seines Vaters hätte verfügen können? Durch Zustimmung zu meinem Antrag hat eben der Senat beschlossen, es solle über seine herrlichen und unsterblichen Auszeichnungen und Ehren, die ihm für seine hohen und überragenden Verdienste gebühren, sobald als möglich im Senat verhandelt werden. Muß nicht ein jeder erkennen, daß Antonius durch diesen Beschluß zum Staatsfeind erklärt ist? Müssen wir ihn nicht als solchen bezeichnen, wenn der Senat glaubt, nach außerordentlichen Ehrungen für die suchen zu müssen, die gegen ihn ihre Streitkräfte aufmarschieren lassen? Weiter! Hat nicht die dem Mars geweihte Legion, die, wie ich glaube, durch göttliche Fügung ihren Namen von dem Gotte entlehnt hat, der nach der Überlieferung der Stammvater des römischen Volkes ist, selbst schon durch ihre Entscheidungen Antonius zum Staatsfeind erklärt, noch bevor der Senat es tat? Denn wenn er nicht der Staatsfeind ist, müssten wir die zu Feinden erklären, die den Konsul verlassen haben. Vortrefflich und an der rechten Stelle habt ihr, Bürger, durch euren Widerspruch eben die herrliche Tat der Soldaten des Mars gutgeheißen. Sie, die sich dem Spruch des Senates anschlossen und sich für eure Freiheit und die Gesamtheit des Staates zur Verfügung stellten, haben ihn, den Feind, Räuber und Mörder des Vaterlandes, verlassen. Dies haben sie nicht in leidenschaftlicher Entschlossenheit getan, sondern mit ruhiger und kluger Überlegung. Sie setzten sich in Alba fest, einer günstig und nahe gelegenen und befestigten Stadt mit sehr tapferen Männern sowie sehr zuverlässigen und gutgesinnten Bürgern. Dem Beispiel der heldenhaften Marslegion folgte die Vierte Legion unter Führung des Lucius Egnatuleius – ihn hat der Senat eben verdientermaßen belobigt – und schloß sich dem Heer des Gaius Cäsar Octavianus an. Erwartest du, Marcus Antonius, noch schwerwiegendere Urteile? Cäsar Octavianus wird in den Himmel erhoben, der ein Heer gegen dich aufstellte. Mit ausgesuchtesten Worten werden die Legionen gelobt, die dich verlassen haben. Sie, die du herbeiriefst, hätten dir gehört, wenn du dich als Konsul, nicht als Feind verhalten hättest. Die entschlossene und völlig zutreffende Entscheidung dieser Legionen bestätigt der Senat, das gesamte römische Volk billigt sie. Oder solltet ihr, Bürger, Antonius etwa noch als Konsul und nicht als Staatsfeind betrachten? Dies letzte kommt, Bürger, wie ich glaube, in eurer Haltung zum Ausdruck. Weiter! Ihr meint doch nicht, daß die Land- und Pflanzstädte sowie die Kreisstädte anders urteilen? Alle Menschen stimmen in ein und derselben Meinung überein, daß gegen jene Pestbeule alle Waffen ergriffen werden müssen von denen, die die Rettung unserer Stadt wünschen. Ferner, kann noch jemand, Bürger, die Entscheidung des Decimus Brutus übersehen, die ihr aus seinem heutigen Erlaß kennenlernen konntet? Ihr habt völlig recht, Bürger, wenn ihr es verneint. Wie durch ein gnädiges Geschenk der Götter nämlich ist das Geschlecht des Brutus unserem Staate gegeben worden, immer bereit, die Freiheit des römischen Volkes aufzurichten oder zurückzugewinnen. Wie urteilte denn Decimus Brutus über Marcus Antonius? Er lässt ihn nicht in seine Provinz, stellt sich mit seinem Heer gegen ihn und fordert ganz Gallien, das sich schon von selbst und aus eigenem Entschluß auflehnte, zum Kampfe gegen ihn auf. Ist Antonius noch Konsul, dann ist Brutus der Staatsfeind; ist aber Brutus der Retter des Staates, dann ist Antonius der Staatsfeind. Können wir noch zweifeln, was von beidem der Fall ist? Wie ihr einmütig und einstimmig solchen Zweifel ausschließt, so hat eben der Senat erklärt, daß Brutus sich die höchsten Verdienste um den Staat erworben habe, da er das Ansehen des Senates sowie die Freiheit und die Herrschaft des römischen Volkes verteidige. Gegen wen verteidige? Doch wohl gegen den Feind! Gibt es sonst eine Verteidigung, die man loben müßte? Ferner wird auch die Provinz Gallien gelobt und mit Recht vom Senat mit sehr ehrenvollen Worten ausgezeichnet für ihren Widerstand gegen Antonius. Würde jene Provinz ihm noch die Eigenschaft als Konsul zuerkennen und ihn trotzdem zurückweisen, würde sie sich in ein schweres Vergehen verstricken; denn alle Provinzen unterstehen dem rechtmäßigen Befehl des Konsuls. Er aber wird von dem Oberfeldherrn, dem für das nächste Jahr gewählten Konsul Decimus Brutus, dem Sohne unserer Stadt, abgelehnt, ebenso von Gallien und ganz Italien, vom Senat und schließlich auch von euch. Hält ihn also noch jemand für den Konsul außer dem Raubgesindel? Indessen nicht einmal sie selbst denken, wie sie sprechen, und wenn sie auch ruchlose Verbrecher sind, können sie doch dem allgemeinen Urteil nicht widersprechen. Aber die Hoffnung auf Raum und Beute verblendet ihre Herzen. Sie konnten weder die Schenkung von Gütern noch Landzuweisung, noch die dauernden Versteigerungen zufrieden stellen. Sie haben die Stadt sowie Hab und Gut der Bürger sich als Beute ausersehen. Sie meinen, es werde ihnen an nichts fehlen, solange noch etwas zum Plündern und Forttragen da ist. Ihnen versprach Marcus Antonius – unsterbliche Götter, beseitigt und verflucht, bitte, dieses Omen! – die Plünderung unserer Stadt. Möge, Bürger, euer Gebet sich erfüllen und die Strafe für solchen Wahnsinn auf ihn selbst und seine Familie zurückfallen. Ich bin auch überzeugt, daß es so kommt. Denn ich glaube, daß nicht nur die Menschen, sondern auch die unsterblichen Götter zur Rettung der Stadt zusammenstehen. Können die unsterblichen Götter durch Vor- und Wunderzeichen uns die Zukunft voraussagen, dann ist deutlich angekündigt, daß ihm Strafe droht, uns aber die Freiheit nahe ist. Wenn eine so starke Einmütigkeit aller nicht ohne Veranlassung der Götter hätte zustande kommen können, haben wir dann noch Zweifel an dem Willen der Himmlischen? Es bleibt nur übrig, daß ihr, Bürger, der jetzt gezeigten Auffassung treu bleibt. Ich will also tun, was die Feldherren zu tun pflegen, wenn das Heer zum Kampfe aufgestellt ist. Wenn sie ihre Soldaten auch noch so kampfbereit wissen, richten sie doch mahnende Worte an sie. Ebenso will ich euch auffordern, die ihr an sich schon begeistert und mutig entschlossen seid, die Freiheit wiederzugewinnen. Ihr habt es, Bürger, in diesem Kampfe mit einem Feinde zu tun, mit dem es keinen friedlichen Vergleich geben kann. Denn er verlangt jetzt nicht mehr wie vorher nur eure Knechtung, sondern in seiner Wut euer Blut. Er scheint kein lustigeres Spiel zu kennen als Blutvergießen, Mord und öffentliche Niedermetzelung der Bürger. Ihr habt es, Bürger, nicht mit einem frevelhaften und ruchlosen Menschen mehr zu tun, sondern mit einem abscheulichen und widerwärtigen wilden Tier. Möge es in der Grube umkommen, in die es stürzte. Sollte es sich aber herausarbeiten, dann gibt es keine Marter, die zu grausam für es wäre. Aber er wird niedergehalten, unterdrückt und jetzt von den Truppen bedrängt, die uns bereits zur Verfügung stehen, bald auch von denen, die in wenigen Tagen die neuen Konsuln aufbringen. Werft euch, Bürger, mit Leidenschaft auf die Sache, wie ihr es bereits tut! Niemals war in irgendeiner Lage eure Einmütigkeit so groß, niemals wart ihr so stark mit dem Senat verbunden. Kein Wunder! Denn es geht nicht darum, unter welchen Verhältnissen wir siegen, sondern ob wir überhaupt siegen oder unter Schande und Martern zugrunde gehen. Die Natur hat freilich allen den Tod bestimmt; aber einen grausamen und ehrlosen Tod vermag Tapferkeit abzuwenden, die für das römische Geschlecht und unseren Stamm wesentlich ist. An ihr haltet, bitte, fest, da sie euch eure Vorfahren gleichsam als Erbe hinterlassen haben. Mag alles andere trügerisch, ungewiß, hinfällig und schwankend sein, die Tapferkeit allein ist tief im Boden verwurzelt. Sie kann niemals erschüttert, niemals durch irgendeine Macht von ihrer Stelle verdrängt werden. Durch diese Tapferkeit haben eure Vorfahren zuerst ganz Italien unterworfen, darauf Karthago vernichtet, Numantia zerstört, sehr mächtige Könige und kriegerische Völker unter die Herrschaft unseres Reiches gebracht. Freilich hatten es auch eure Vorfahren, Bürger, mit einem Feinde zu tun, der sich des Staates, der Kurie und des Staatsschatzes bemächtigen wollte, aber doch die Möglichkeit zu einem einträchtigen Zusammenhalt der Bürger und zu einem friedlichen Verhältnis bot. Der jetzige Feind aber greift euren Staat an, er selbst ist ohne einen solchen. Sein heftiges Verlangen ist es, den Senat, die Ratsversammlung der ganzen Welt, zu vernichten, er selbst hat keinen. Euren Staatsschatz hat er schon verbraucht, einen eigenen besitzt er nicht. Kann er die Eintracht der Bürger wollen, wenn er sich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen hat? Kann es eine friedliche Vereinbarung geben mit einem Menschen, der keine Treue kennt und von unglaublicher Grausamkeit ist? Bürger, der ganze Kampf des römischen Volkes, das über
alle Völker siegreich bleib, gilt einem Mörder und Räuber,
gilt dem Spartakus. Wenn er sich nämlich der Ähnlichkeit mit
Catilina zu rühmen pflegt, so ist er zwar mit jenem im Verbrechen
zu vergleichen, an Tatkraft aber ist er ihm unterlegen. Jener hatte kein
Heer zur Verfügung, hat aber im Nu ein solches zusammengebracht.
Dieser hat das Heer, das ihm übergeben wurde, verloren. Catilina
habt ihr durch meine Umsicht, durch das Einschreiten des Senates und durch
euren eifrigen Einsatz zerbrochen. Ebenso werdet ihr in kurzer Zeit hören,
daß Antonius mit seinem ruchlosen Raubgesindel durch eure noch nie
dagewesene große Einmütigkeit mit dem Senat, durch das Glück
und die Tapferkeit eurer Heere und Führer niedergeworfen ist. Ich
für meine Person werde nichts unterlassen, was ich durch Aufmerksamkeit,
Anstrengung, Wachsamkeit, durch mein Ansehen, meine Klugheit und höchsten
Einsatz erreichen kann, was irgendwie zu eurer Freiheit beiträgt.
Ich kann es allerdings nicht ohne Härte tun, wobei ich mich auf eure
mir erwiesenen höchst ehrenvollen Auszeichnungen stütze. Am
heutigen Tage sind wir entsprechend dem Antrag des Marcus Servilius, dieses
entschlossenen und euch sehr freundlichen Mannes und seiner Amtsgenossen,
ausgezeichneter Männer und vortrefflicher Bürger, zum ersten
Male wieder nach langer Zeit zur Hoffnung auf Freiheit entflammt. |