|
|
Meister Eckehart
Rechtfertigungsschrift (1) (1326)
Text von Otto Karrer, bearbeitet von Eckhart Triebel
Anmerkungen
Die Handschrift Soest 33 (Sigle 'S') wurde im Jahre 1880
von Ludwig Keller entdeckt; im August desselben Jahres fand Heinrich Denifle
den Codex Amplon. Fol. n. 181 in der Bibliotheca
Amploniana, der als Handschrift 'E' in die Geschichte
einging, deren Edition er 1886 veröffentlichte, in dem Jahr, als er
auch das Handexemplar des Nikolaus von Kues entdeckte - Sigle 'C'. Diese
drei zählen zu den wichtigsten der inzwischen bekannten Handschriften.
1927 erschien Karrers nachfolgend wiedergegebene Übersetzung des Textes.
Gegeben im Jahre des Herrn 1326
am 26. September, dem Tage, der zur Beantwortung der Sätze festgesetzt
ist, die aus den Schriften und Aussprüchen Meister Eckeharts sowie
aus Predigten entnommen sind, die ihm zugeschrieben werden - Sätze,
die gewissen Leuten als irrig und, was schlimmer ist, der Häresie verdächtig
erscheinen, wie sie sagen.
Ich, besagter Bruder Eckehart aus dem Predigerorden,
antworte darauf:
Erstlich erkläre ich öffentlich vor Euch Kommissären,
Meister Renher von Friesland, Doktor der Theologie, und Bruder Petrus de
Estate, neuerlich Kustos der Minoritenbrüder: In Anbetracht der Freiheit
und der Privilegien unseres Ordens bin ich nicht gehalten, vor Euch zu erscheinen,
noch auch die gegen mich erhobenen Vorwürfe zu beantworten, zumal ich
nie der Häresie beschuldigt worden oder jemals in solchem Rufe gestanden
bin, wofür mein ganzes Leben und meine Lehre Zeugnis gibt, und ich
stehe damit im Einklang mit der Ansicht meiner Brüder des ganzen Ordens
und des Volkes beiderlei Geschlechtes im gesamten Bereich der ganzen Nation.
Daraus ist zweitens offenkundig, daß der Auftrag, der Euch von dem
Ehrwürdigen Vater, dem Herrn Erzbischof von Köln, erteilt wurde,
dessen Leben Gott erhalten möge, keinerlei Kraft hat. Entstammt er
doch falscher Einflüsterung, einer üblen Wurzel also, einem schlimmen
Baume. Wenn ich geringeren Ruf beim Volke genösse und minderen Eifer
für die Gerechtigkeit hätte, fürwahr, ich bin überzeugt,
daß von meinen Neidern derartiges nicht gegen mich wäre versucht
worden. Indessen kommt es mir zu, dies geduldig zu tragen. Denn 'selig sind,
die um der Gerechtigkeit willen leiden', und 'Gott züchtigt einen jeglichen
Sohn, den er annimmt', nach dem Wort des Apostels. So kann ich denn mit
Recht mit dem Psalmisten sagen: 'Ich bin auf Züchtigungen gefaßt'.
Es wurden ja auch schon früher einmal die Meister der Theologie zu
Paris von der Obrigkeit mit der Prüfung der Werke so hoch berühmter
Männer wie des heiligen Thomas von Aquin und des Herrn Bruder Albert
des Großen beauftragt, als wären sie verdächtig und irrig
gewesen, und auch gegen Sankt Thomas persönlich ist oftmals von vielen
geschrieben, geredet und öffentlich gepredigt worden, daß er
Irrtümer und Irrlehren schriftlich und mündlich vorgetragen habe.
Aber mit des Herrn Hilfe wurde sowohl in Paris wie auch vom Papste selbst
und von der Römischen Kurie sein Leben wie seine Lehre gebilligt.
Nach diesen Vorbemerkungen antworte ich nun auf die mir zur Last gelegten
Sätze. Die besagten Sätze, 49 an der Zahl, zerfallen in vierlei
Gruppen:
- Erstens werden 15 Sätze angeführt, die einem von mir verfaßten
Buche entnommen sind, das mit den Worten Benedictus
Deus beginnt;
- zweitens werden vorgelegt 6 Sätze, die aus einer gewissen Antwort
von mir oder aus meinen Worten entnommen wurden;
- drittens werden angeführt 12 Sätze,
entnommen der ersten Auslegung,
die ich über
die Genesis verfaßt habe - dabei wundert
mich nur, daß dem Inhalt meiner verschiedenen Bücher nicht mehr
entgegengehalten wird; steht doch fest, daß ich hundert und mehr Dinge
geschrieben habe, die dieser Leute Unwissenheit weder begreift noch versteht;
- viertens werden angeführt 16 Sätze, die aus mir zugeschriebenen
Predigten entnommen
sind.
Was nun die erste, zweite und dritte Gruppe betrifft,
so erkläre und bekenne ich, daß ich solches gesagt und geschrieben
habe, und ich erachte, wie aus meiner Darlegung hervorgehen wird, daß
alles darin wahr ist, obschon manches ungewohnt, schwierig und subtil ist.
Wenn gleichwohl in den obengenannten oder in anderen meiner Worte und Schriften
etwas falsch wäre, was ich nicht sehen kann, so bin ich allzeit bereit,
einer besseren Einsicht nachzugeben. Denn 'kleine Geister bemeistern nicht
große Dinge, und schon beim Versuch unterliegen sie, wenn sie wagen,
was über ihre Kräfte geht', schreibt Hieronymus an Eliodor. Irren
kann ich, aber nicht ein Häretiker sein. Denn das erste betrifft den
Verstand, das Zweite aber den Willen.
Zum Verständnis dieser Sätze ist dreierlei zu beachten:
Das erste ist, daß
jenes 'sofern' eine Beschränkung auf den strengen Begriff als solchen
besagt und alles andere, auch alles nur gedanklich von dem Begriff Verschiedene,
ausschließt. Z. B. obschon in Gott Denken und Sein dasselbe ist, so
sagen wir dennoch nicht, daß Gott böse sei, wenn wir sagen, daß
er das Böse erkenne. Und obschon in Gott-Vater Wesenheit und Vaterschaft
dasselbe ist, so zeugt er dennoch nicht, insofern er Wesenheit, sondern
insofern er Vater ist, wenngleich seine Wesenheit die Wurzel der Zeugung
ist. Es gehen ja auch die absoluten göttlichen Tätigkeiten aus
Gott entsprechend der Eigenheit seiner Attribute hervor, wie ein Grundsatz
der Theologie besagt, weshalb auch Bernhard (V 1. De consideratione) ausführt,
daß Gott liebe als Liebe, erkenne als Wahrheit, throne als Gerechtigkeit,
herrsche als Majestät, wirke als Kraft, sich offenbare als Licht, etc.
Das zweite ist, daß der Gute und
die Güte eins sind. Denn Guter, sofern einer gut ist, bezeichnet die
bloße Güte, sowie Weißes die bloße Beschaffenheit
des Weiß-seins bezeichnet. Indessen sind sie - der Gute und die Güte
im Sohne, hl. Geiste und Vater eindeutig eins; spricht man aber von Gott
und uns Guten zusammen, so ist die Einheit nur analog.
Das dritte ist, daß alles Zeugende, ja sogar
alles Wirkende, sofern es zeugend und wirkend ist, zweierlei aufweist:
Erstens, daß es von Natur aus nicht zur Ruhe kommt und einhält,
bis es dem Empfangenden und Gezeugten seine Form aufgeprägt hat, und
indem diese übertragen und als solche geschenkt und eingeflößt
wird, teilt es ihm sein Wesen und alles, was diesem zukommt, mit, also jede
Tätigkeit und jede beliebige Eigenschaft. Daher kommt es, daß
nach der Lehre des Philosophen nichts sich bewegt, was nicht bewegt wurde,
und daß, was nicht berührt, auch nicht wirkt.
Zweitens, daß alles Wirkende, sofern es wirkt, sowie alles Hervorbringende,
sofern es hervorbringt, ungezeugt ist, nicht geworden noch geschaffen, weil
nicht von einem andern stammend. Ja es besteht sogar ein Beziehungsgegensatz
zwischen dem Zeugenden, sofern es Zeugendes und Tätigkeitsprinzip ist,
und dem Gezeugten, dem Sproß, dem Sohne, dem Geschaffenen, dem Gewordenen,
kurz dem Vom-andern-seienden. Z. B. der Entwurf eines Kunstwerks, also etwa
ein Haus im Geist des Künstlers, ist eine Art hervorgebrachten, gewordenen
Sprößlings und, wenn ich so sagen darf, von einem Äußeren
ins Leben gerufen, etwa durch ein wirkliches Haus oder von einem Lehrer;
aber als solches ist es selbst kein Zeugendes, ist nicht Vater oder hervorbringendes
Prinzip. Joh. 5: 'Aus sich vermag der Sohn nichts zu tun'
Woraus folgerichtig klar ist, daß Zeugendes und Gezeugtes wohl in
den Dingen eins sind, aber einander entgegengesetzt und voneinander unterschieden
der Beziehung nach, und zwar vermöge einer Realbeziehung in der Gottheit,
wo Beziehung und Ding dasselbe ist, während sie in den Geschöpfen
bloß durch gedankliche Beziehung unterschieden werden. Und das kommt
daher, weil Tun und Empfangen zwar gleicherweise zwei erste Prinzipien sind,
aber nur eine Bewegung; denn Bewegen und Bewegtwerden entsteht und vergeht
gleichzeitig, gemäß der Natur der Beziehungen.
Nach dem Gesagten ziehe ich also mit offenkundigem Recht den Schluß
auf die Wahrheit alles dessen, was in meinen Büchern und Aussprüchen
beanstandet wird, wie auch auf die Unbildung und den Frevel meiner Gegner,
gemäß jener Stelle aus dem Buch der Sprüche 8: 'Meine Kehle
verkostet die Wahrheit', was das erste angeht, 'und meine Lippen verabscheuen
den Frevler', was das zweite betrifft.
Antwort auf die Sätze, die dem Trostbuch entnommen
wurden
Zum ersten, wenn es daher heißt: "Der Weise
und die Weisheit, wahr und die Wahrheit " etc., so erkläre ich, daß
dies unbedingt und einfach wahr ist, wie aus der dritten der soeben vorausgeschickten
Bemerkungen erhellt.
Zum zweiten, wenn es heißt: "Der Gute, sofern er gut ist, ist ungemacht
und ungeschaffen", so ist dasselbe zu sagen wie eben.
Zum dritten, wenn es heißt: "Die Güte zeugt sich und alles,
was ihr eigen ist" etc., so
bleibe ich dabei, daß dies wahr ist, wie aus der dritten Vorbemerkung
in deren erstem Teil erhellt. Überdies ergibt es sich aus dem angeführten
Beispiel, denn das Weiße erhält sein Weiß-sein formell
von der Weiße und von nichts anderem
Zum vierten, wenn es heißt: "Güte und Gut sind nur eine Güte
allein" etc., so ist das wahr und erhellt aus der dritten und zweiten
Vorbemerkung; und damit stimmt auch überein, was bei Matth. 10 gesagt
ist: 'Ich bin gekommen, den Menschen von seinem Vater zu scheiden', und
Matth. 23: 'Ihr sollt niemand Vater nennen auf Erden' und abermals: 'Er
verleugne sich selbst und so folge er mir nach', und 2. Kor. 3: 'Die Herrlichkeit
Gottes mit enthülltem Antlitz schauend, werden wir in eben dies Bild
verwandelt' und Apg. 17: 'Gottes Geschlecht sind wir; in ihm leben wir,
bewegen wir uns und sind wir'
Wenn aber an der gleichen Stelle gesagt ist, daß "die höchsten
Seelenkräfte in der Seele Lauterkeit stehen, abgeschieden von Raum
und Zeit", so ist dies dasselbe, was der hl. Thomas lehrt: daß die
sinnlichen Kräfte nicht in der Seele, sondern im Compositum als ihrem
Träger sind, während Verstand und Wille in der Seele als ihrem
Träger sind. Auch steht fest, daß der Verstand von Hier und
Jetzt, also von Orts- und Zeitbezogenem absieht. Dies aber und alles Ähnliche
in dem Buch Benedictus Deus dient zum sittlichen Leben, zur Hintansetzung
und Verachtung des Zeitlichen und Körperhaften und zur Liebe Gottes,
des höchsten Gutes
Auch ist hier in diesem vierten Satz mit Nachdruck zu bemerken, daß
es heißt, besagte höchste Kräfte seien in der Seele und
mit ihr geschaffen. Sinnlos also und böswillig oder aber aus Unverstand
legt man mir in einem anderen Satz zur Last, daß ich etwas Ungeschaffenes
als zur Seele gehörig lehre
Zum fünften, wenn es heißt: "Der Mensch soll beflissen sein,
daß er sich entbilde seiner selbst" etc., so ist dies wahr und durchaus
sittlich erbauend, in Übereinstimmung mit jener Stelle aus dem Buch
der Sprüche im 12. Kap.: 'Nichts wird den Gerechten betrüben,
was immer auch ihm zustoßen mag.' Steht doch fest, daß weder
das ungeschaffene Gut, Gott, die Güte selbst, den guten Menschen
in Unruhe bringt, noch auch die Kreatur, die er verachtet und von der
er sich abgeschieden und fern hält
Zum sechsten, wenn es heißt: "Mein Herz und meine Liebe gibt dem
Geschöpf die Güte" etc., so ist dies wahr. Das nach außen
gerichtete Werk, das aus sich keinerlei sittliche Güte oder Verdienst
besitzt, sofern es ohne Liebe getan wird, empfängt, aus der Liebe
gewirkt, ein Sein aus dem Nichtsein und ist nun die ganze Welt wert, und
Gott ist der einzige Lohn. So gemäß 1. Kor. 13: 'Wenn ich die
Gabe der Weissagung hätte' etc. 'aber hätte ich die Liebe nicht,
so bin ich nichts'
Zum siebtens, wenn es heißt: "Ein solcher Mensch ist so eins und
so einwillig mit Gott" etc., so ist zu sagen, daß dies wahr ist
und einwandfrei und sittlich erbauend erscheint wie alles andere. Denn
wie könnte wohl jemand selig oder auch gut sein, der wollte, was
Gott nicht wollte, oder es anders wollte, als Gott es will? Z. B. wie
könnte wohl jemand selig sein, der nicht beseligt werden wollte oder
der das Gegenteil der Seligkeit wollte? Oder wie könnte einer weiß
sein im Gegensatz zur Weiße und unähnlich der Weiße?
Besteht doch alle Vollkommenheit des Menschen darin, daß er sich
dem göttlichen Willen einfüge, indem er will, was Gott will,
und auf die Weise, wie Gott es will, zumal alles, was Gott will, und wie
er es will, ohne weiteres gut ist. Sicherlich aber soll der Mensch allzeit
das Gute wollen
Zum achten, wenn es heißt: "Der gute Mensch, sofern er gut ist,
tritt in alle Eigenschaft der Güte selbst" etc., so ist dies wahr,
wie es dasteht
Zum neunten, wenn es heißt: "Vielleicht nimmt man Gott eigentlich
mehr durch Entbehren als durch Empfangen" etc., so ist dies wahr; z. B.
wenn jemand einer Gabe, etwa ein guter Sänger zu sein, oder irgend
sonst etwas um Gottes willen entbehrt. Und so wird das Wort erfüllt:
'Was einer hat, wird ihm genommen werden' [Markus 4]. So lehrt auch [Chrysostomus]
über die Stelle: 'Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit
willen'. So nimmt das Auge, das selbst der Farbe entbehrt, die Farbe auf,
erkennt sie und freut sich an ihr; eine farbige Wand aber weiß weder
von sich, daß sie farbig ist, noch freut sie sich darüber,
weshalb auch bei Matth. 5 die Armen selig gepriesen werden
Zum zehnten, wenn es heißt: "Unser Herr bat seinen Vater daß
wir eins mit ihm seien" etc., so ist davon zu sagen, daß dies wahr
ist. Denn so lautet das Wort Christi im Evangelium und so veranschaulicht
deutlich das hier angewandte Gleichnis vom Feuer
Zum elften, wenn es heißt: "Kein Zweifel" daß auch die natürliche
menschliche Tugend so edel etc., so erkläre ich wiederum: das ist
wahr und genügend im Vorausgehenden erklärt, in Übereinstimmung
mit dem Worte: 'Gottes Reich ist in euch', und: 'Alle Herrlichkeit der
Königstochter kommt von innen'. Dies abzuleugnen oder zu bekämpfen
verrät die größte Unwissenheit
Zum zwölften, wenn es heißt: "Der gute Mensch will und wollte
allezeit leiden um Gottes willen" etc., so ist dies wahr, und wenn einer
nicht so ist, so ist er eben kein guter Mensch, noch liebt er in vollkommener
Weise Gott und was Gottes ist.
Zum dreizehnten, wenn es heißt: "Ein guter Mensch, sofern er gut
ist, hat Gottes Eigenschaft" etc., so sage ich, daß dies wahr ist.
Der Beweis liegt in der ersten und zweiten der obigen einleitenden Vorbemerkungen
Zum vierzehnten, wenn es heißt: "Keine redliche Seele ist ohne Gott"
etc., so ist Lehre und Wortlaut aus Seneca, ep. 73 [74]; ferner ist es
die Lehre Ciceros (De Tusculanis quaestionibus 1. III) und Origenes (Homilia
super <Gen.>) 26. Diese mögen für sich selbst antworten.
Aber auch bei 1. Joh. 3 heißt es: 'Ein jeder, der aus Gott geboren
ist, sündigt nicht, weil sein Same in ihm bleibt'
Zum fünfzehnten, wenn es heißt: "Aller Unterschied ist Gott
fremd" etc., so ist das klar. Es leugnen, heißt Gott und seine Einheit
leugnen. Deut. 6: 'Höre, Israel, dein Gott ist ein einiger Gott'.
Bernhard (V De consideratione) sagt: 'Gott ist einer in einer Weise wie
nichts anderes; er ist, wenn man so sagen dürfte, der einste', und
weiter unten: 'Vergleiche diesem Einen alles, was sonst 'eins' genannt
werden kann, und es wird nicht eins sein; und dennoch ist Gott dreifaltig',
und weiter: Was hat doch das zu bedeuten: 'Eine Zahl jenseits von aller
Zahl'? Darüber handelt Bernhard an der genannten Stelle ausführlich.
Dies also sind die 15 Sätze, die aus dem Buch Benedictus Deus von
Leuten bekrittelt werden, die 'weder die Schrift noch die Kraft Gottes
kennen', Matth. 22.
Antwort auf die Sätze, die einer Erwiederung
auf die Sätze,
die dem Trostbuch entstammen, entnommen wurden
Es gilt nun an zweiter Stelle zu prüfen, was
unwissende Leute aus meinen Aussprüchen in einer Erwiderung auf mir
vorgeworfene Sätze aufgegriffen haben. Es sind sechs Punkte:
[Der erste Satz lautet:] "Wer aus Einfalt glaubte, sagte oder schriebe,
es gebe etwas Ungeschaffenes in der Seele als deren Teil, der wäre
darum noch kein Häretiker und würde auch nicht verdammt" [etc.]
Ich antworte, daß dies wahr ist. Einzig das hartnäckige Festhalten
an einem Irrtum macht ja den Häretiker aus. Viele tausend und abertausend
gute Menschen glaubten in ihrem irdischen Leben, Gott, der doch Geist
ist, sei etwas wie ein körperhaftes, wenn auch allen überlegenes
Menschenwesen. Auch die Verschiedenheit der Personen in einem Wesen pflegten
sie sich gänzlich falsch vorzustellen, und so noch vieles andere
Zum zweiten, wenn es heißt: "Materie und Akcidens verleihen dem
Zusammengesetzten (der zusammengesetzten Substanz) kein Sein, sondern
das ganze Zusammengesetzte erhält sein Sein allein von der Wesensform"
- so sage ich, daß dies wahr ist, und wer es nicht weiß, ist
seiner eigenen Unwissenheit Zeuge.
Zum dritten, wenn es heißt: "Der Gute, sofern er gut ist, empfängt
sein ganzes Sein von der ungeschaffenen Güte" etc., so ist dies wahr,
nämlich effektiv (der Wirkursache nach); formell aber (der Form nach)
empfängt er es von der innewohnenden Güte. So ist etwa im Bereich
des Körperlichen eine Wand der Wirkursache nach durch den Maler farbig,
formell aber durch die Farbe
Zum vierten, wenn es heißt: "Das ist das wahrste und beste Gebet,
wodurch der Gute die Güte, der Gerechte die Gerechtigkeit verehrt"
etc., so ist dies wahr, so wie es liegt, und stimmt überein mit der
hl. Schrift beider Testamente, wie aus Jes. 1 und Ps. 49 hervorgeht und
bei Matth. 15 im Sinn eines Vorwurfs steht: 'Dies Volk ehrt mich mit den
Lippen, aber ihr Herz ist weit von mir'. Darüber auch im Ps. 72:
'Ihren Mund haben sie bis in den Himmel erhoben, ihre Zunge aber', d.
i. ihre Leidenschaft, 'sank zur Erde nieder' Zum fünften, wenn es
heißt: "Aequivoca werden auf Grund der verschiedenen Dinge unterschieden"
etc., so ist dies wahr und die Quelle mancher Erkenntnisse und Erklärungen
Zum sechsten, wenn es heißt: "Die elementaren Eigenschaften erhalten
ihr Sein univoce vom Subjekt, durch das Subjekt und in dem Subjekt" etc.,
so ist zu sagen, daß dies, so wie es liegt, wahr ist.
Antwort auf die Sätze, die der Auslegung
des Buches Genesis entnommen wurden
Es gilt nun an dritter Stelle, die meiner ersten
Auslegung der Genesis entnommenen Sätze ins Auge zu fassen, und deren
sind zwölf: [Im ersten (Satz) wird gesagt:] "Hieraus geht deutlich
hervor, daß die hl. Schrift in übertragenem Sinne auszulegen
ist" etc. Da ist zu sagen, daß dies, so wie es liegt, wahr ist.
Sie ist deshalb nicht weniger wahr und ist auch in buchstäblichem
und geschichtlichem Sinne auszulegen. Zum zweiten, wenn es heißt:
"Bei der Rechtfertigung des Sünders wirken notwendig zusammen die
ungezeugte, zeugende, hervorbringende Gerechtigkeit" etc., so ist zu sagen,
daß dies wahr ist, und zwar gilt 'Gerechtigkeit' eindeutig von der
Gottheit, und im Verhältnis von Geschöpf und Gott in analogem
Sinne. Es ist also eine und dieselbe Gerechtigkeit und Güte, einfachhin
und absolut genommen in der Gottheit, in den Geschöpfen aber analogerweise,
wie oben mehrfach dargetan wurde.
Zum dritten, wenn es heißt: "Das Sein ist die Aktualität aller
Wesensformen; und das Sein ist es, was jegliches Ding ersehnt", so ist
dies wahr. Das erste ist ein Wort des hl. Thomas, das zweite, wie es hier
in dem Satz gesagt ist, ist ein Ausspruch Avicennas.
Zum vierten, wenn es heißt: "Das Sein selbst empfängt sein
Dasein nicht in einem andern oder von einem andern" etc., so ist zu sagen,
daß dies wahr ist. Zu unterscheiden ist freilich zwischen dem formhaft
innewohnenden und dem absoluten Sein, das Gott ist.
Zum fünften, wenn es heißt: "Das Sein ist Gott", so muß
man sagen, daß dies wahr ist hinsichtlich des absoluten Seins, wenn
auch nicht vom formhaft innewohnenden. Und diese Lehre wird im vorliegenden
Zusammenhang durch fünferlei Gründe erwiesen, auf die man wahrheitsgemäß
nichts erwidern kann. Spricht doch er selbst die Wahrheit: 'Ich bin, der
ich bin,' 'er, der da ist, hat mich gesandt'. Siehe hierüber die
eingehende Erörterung Bernhards (1. V De consideratione).
Zum sechsten, wenn es heißt: "Von Gott allein haben alle Dinge Sein,
Eins-sein" etc., so ist dies wahr, so wie es soeben zum fünften Satz
gesagt ist.
Zum siebten, wenn es heißt: "Alles und jedes Seiende hat unmittelbar
von Gott selbst sein ganzes Sein" etc., so ist dies wahr, so wie es soeben,
zum gleichen fünften Satz, gesagt wurde. Zum achten, wenn es heißt:
"Der Anfang, in dem Gott Himmel und Erde schuf, ist das erste, einfache
Jetzt der Ewigkeit" etc., so muß man sagen, daß dies wahr
und notwendig ist, so wie es dasteht. Denn das Schaffen und überhaupt
jede Tätigkeit Gottes ist selbst sein Wesen. Daraus folgt jedoch
keineswegs, daß, wenn auch Gottes Schöpfungsakt von Ewigkeit
ist, deshalb auch die Welt von Ewigkeit Dasein habe, wie unwissende Leute
meinen. Denn die Schöpfung, passiv genommen, ist ebensowenig ewig,
wie das Geschaffene selbst.
Zum neunten, wenn es heißt: "Das letzte im Seienden ist auch das
erste und verhält sich gleichmäßig zum Sein und im Bereich
des Seins wie das Höchste im Seienden", so muß man sagen, daß
dies wahr ist. Ein Beispiel: Alle Glieder des Leibes verhalten sich gleichmäßig,
weil unmittelbar, zum Sein des Leibes. Denn obwohl ein Mensch ohne Arme,
Augen und derlei Glieder wohl leben kann, so wäre doch ein Wesen
wenn es eines gäbe, dem es von Natur unmöglich wäre, Augen
und dergleichen zu besitzen, kein Mensch nach Art eines Menschen. Denn
es gibt zwar eine wechselweise Ordnung (Stufung) der Glieder untereinander,
aber diese bezieht sich nicht auf das Sein des Ganzen; denn dieses ist
eins, und im Einen gibt es keinerlei Ordnung. [1] So verhält es sich
beispielsweise auch mit den Seelenkräften in ihrer Beziehung untereinander
und in ihrer Beziehung auf das Sein der Seele, das ein einheitliches ist,
wie der hl. Thomas lehrt. Wie es daher in der Genesis heißt: 'Im
Anfang schuf Gott Himmel und Erde', so steht im 101.Psalm und im Hebräerbrief:
'Im Anfang hast du, Herr, die Erde gegründet, und die Himmel sind
deiner Hände Werk'.
Zum zehnten, wenn es heißt: "Gott ist auf alle Weise und in jeder
Hinsicht einer" etc., so muß gesagt werden, daß dies, wie
es liegt, wahr ist und mit dem Schrifttum des Kanons, der Heiligen und
Lehrer übereinstimmt.
Zum elften, wenn es heißt: "In allem Geschaffenen ist zu unterscheiden
das Sein, das von einem andern ist, und das Wesen, das nicht von einem
andern ist", so ist zu sagen, daß dies wahr und ein Wort Avicennas
und Alberts in seiner Schrift de causis ist. Der Grund und die
Notwendigkeit dieser Lehre beruht einerseits darauf, daß ich in
dem Urteil: 'Der Mensch ist ein Lebewesen', nicht das Sein aussage - in
diesem Zusammenhang nämlich ist das 'ist' nicht Prädikat, sondern
ein drittes Hinzukommendes: Prädikatskopula - die nicht die Existenz,
sondern die bloße Beziehung des Prädikats 'Lebewesen' zum Subjekt
'Mensch' ausdrückt - andererseits, darauf, das das Sein des Menschen
eine Ursache hat, daß er von einem andern ist, von Gott nämlich,
dem ersten Sein, während unbedingt gilt, unabhängig von jeder
Voraussetzung, daß der Mensch ein Lebewesen ist. Denn was immer
auch jemand dagegen wollen oder tun möchte, so bleibt doch das Urteil:
'Der Mensch ist ein Lebewesen' wahr, selbst wenn es gar keinen existierenden
Menschen gäbe.
Zum zwölften, wenn es in der Genesiserklärung heißt: "Das
äußere Tun ist nicht eigentlich gut oder göttlich" etc.,
so muß gesagt werden, daß dies wahr ist, und zwar geht dies
hervor aus dem bereits oben Gesagten, wobei ich unterscheide zwischen
dem Guten der Natur, das mit dem Seienden der Veränderung unterliegt,
und dem Guten der Gnade, dessen Ziel das ewige Leben ist, gemäß
der angeführten Stelle: 'Gottes Reich ist in euch'. Und somit fügt
der äußere Akt dem inneren keinerlei sittliche Güte hinzu,
wie Thomas (I II q. 20 a. 4) lehrt. Soviel zum dritten Abschnitt.
Es ist somit offenbar, daß in jedem der angeführten Sätze,
die enthalten sind erstens im Buch Benedictus Deus, zweitens in
meinen Aussprüchen und Erwiderungen an Kritiker, drittens in meiner
ersten Auslegung der Genesis - und die ich tatsächlich alle geschrieben
und geäußert zu haben bekenne -, daß in einem jeden davon,
sage ich, die Wahrheit und der Grund der Wahrheit ersichtlich wird, wie
ich oben dargelegt habe. Es ergibt sich aber auch entweder die wirkliche
Bosheit oder die gröbliche Unwissenheit meiner Widersacher, die in
ihren grobsinnlichen Vorstellungen Göttliches, Hohes, Unkörperhaftes
zu beurteilen sich unterfangen, im Gegensatz zu dem Worte des Boethius
in dem Buch De Trinitate: 'In göttlichen Dingen gilt es geistig
zu denken und nicht zu bildhaftem Werk der Phantasie herabzusinken'.
Ich verwahre mich nochmals dagegen, daß ich für dies oder für
sonst etwas, was ich in den einzelnen Kommentaren über die verschiedenen
Bücher der Schrift geschrieben habe, oder für beliebiges aus
dem vielen andern mich vor Euch oder irgend jemand anderem als dem Papst
oder der Pariser Universität zu verantworten hätte, es sei denn,
daß es etwa, was ferne sei, den Glauben anginge, zu dem ich mich
allzeit bekenne. Dennoch wollte ich, gleichsam als Werk der Übergebühr,
jedoch unter Protest wegen der Freiheit meines Ordens, vor Euch diese
Dinge aus freien Stücken darlegen, um nicht den Anschein zu erwecken,
als ergriffe ich die Flucht vor dem, was mir fälschlich zugemutet
wird.
Antwort auf die Sätze, die den Predigten
entnommen wurden
Ich bin von Rechts wegen ebensowenig gehalten, mich
wegen der Sätze zu verteidigen, die aus mir zugeschriebenen Predigten
entnommen sind - denn allenthalben wird auch von Geistlichen, Studierenden
und Gebildeten verstümmelt und falsch weitergegeben, was sie gehört
haben. Nur das eine habe ich zu bemerken, daß ich keinen dieser
Sätze, so wie sie angeführt werden, soweit sie einen Irrtum
enthalten oder nach Häresie schmecken, innerlich glaube noch geglaubt
oder gehalten oder gepredigt habe. Ich trete jedoch dafür ein, daß
in manchen von ihnen immerhin etwas Wahres berührt wird, was bei
richtiger und gesunder Auslegung sich aufrecht erhalten läßt.
Es gibt ja 'keine falsche Lehre, der nicht ein Körnchen Wahrheit
untermischt wäre', wie Beda in einer Homilie sagt. Wo solche Sätze
aber einen Irrtum einschließen oder wenigstens in den Seelen der
Zuhörer hervorrufen, verwerfe und verabscheue ich sie. Aber da bin
es nicht ich, dem solcher Irrtum oder solche Irrtümer von irgend
welchen Neidlingen angerechnet werden könnte oder dürfte, wie
auch Augustinus [in] (De Trinitate 1. I c. 3) bemerkt: 'Ich glaube, daß
manche, und gewiß nicht die Schwerfälligsten im Geist, an vielen
Stellen meiner Schriften mir Gedanken unterschieben werden, die ich niemals
hatte, oder auch Gedanken mir absprechen werden, die ich hatte. Aber wer
möchte nicht einsehen, daß ich nicht für den Irrtum verantwortlich
bin, wenn solche, die mir zu folgen meinen, unvermerkt in irgend ein Mißverständnis
geraten, wo ich gezwungen war, durch gewisse unzugängliche und dunkle
Gebiete meinen Weg zu nehmen? Hat doch auch niemand ein Recht, den heiligen
Verfassern der göttlichen Offenbarung die zahlreichen und mannigfachen
Irrtümer der Häretiker zur Last zu legen, weil diese alle aus
den hl. Schriften ihre falschen, trügerischen Ansichten zu verteidigen
suchen'. Dennoch will ich ein übriges tun und für die einzelnen
Sätze noch gesondert Rede und Antwort stehen.
Zum ersten, wenn es daher heißt: "Der Vater zeugt in mir seinen
Sohn" etc., so ist zu bemerken, daß dieser Satz mehreres besagen
kann: Das eine wäre, daß der Mensch, der in Gottes Liebe und
Erkenntnis steht, zu nichts anderem wird, als was Gott selbst ist. Dies
erkläre ich für gänzlich falsch und ich habe solches weder
gesagt noch geglaubt noch geschrieben oder gepredigt. Es ist irrig und,
wenn in verwegener Vermessenheit behauptet, häretisch - denn ohne
dies letztere ist kein Irrtum Häresie. Das ergibt sich auch aus Augustinus
(XXIV q. 3) Decretum Gratiani: 'Wie der Apostel sollst du jemand erst
nach wiederholter Zurechtweisung als Häretiker meiden' - und das
Wort 'Häretiker' erklärt die Glosse: 'Einer, der seinen Irrtum
hartnäckig verteidigt.' Und weiter unten heißt es im selben
Kapitel: 'Wer aber seine Behauptung, mag sie auch falsch und verkehrt
sein, ohne Hartnäckigkeit vertritt, in Bereitschaft, sie zu verbessern,
ist keinesfalls den Häretikern zuzurechnen.' Und weiter sagt Augustinus
im 31. Kap.: 'Solche, die in der Kirche Christi einer Krankheit oder Verdorbenheit
anrüchig sind, sind Häretiker, wenn sie der belehrenden Zurechtweisung
trotzig widerstehen und ihre verpesteten und todbringenden Lehren nicht
ausmerzen wollen, sondern fortfahren, sie zu verteidigen.' Soweit Augustinus.
Was im übrigen die Sache betrifft, die in diesem ersten Satz aufgestellt
wird, so muß man wissen, daß ohne Zweifel Gott, und zwar der
eine - weil es keinen anderen gibt - in einem jeden Seienden enthalten
ist nach Macht und Gegenwart und Wesen [als ungeborener Vater und geborener
Sohn].
Und der Vater ist nur Vater als ungezeugt-zeugender, und der Sohn nur
Sohn, sofern er gezeugt ist, und zwar als alleiniger, weil er Gott ist.
Wo immer daher Gott ist, da ist der Vater, der ungezeugt-zeugende, und
wo immer Gott ist, da ist auch der gezeugte Sohn. Wenn daher Gott in mir
ist, so zeugt Gott Vater auch in mir seinen Sohn, und in mir ist auch
der gezeugte Sohn, der eine, ungeteilte, denn es gibt keinen anderen Sohn
in der Gottheit als den einen, und der ist Gott.
Ferner ist zu merken, daß der Sohn im eigentlichen Sinn in der Gottheit
ist, und zwar als einziger, wie gesagt. Er ist 'der Eingeborene im Schoß
des Vaters', Joh. 1, d. i. in seinem Innersten; er, das 'Ebenbild Gottes
des Unsichtbaren, der Erstgeborene vor aller Kreatur', Kol. 1, er, das
'Wort, das im Anfang' und das Gott war, Joh. 1. Und weil er allein Sohn
im wahren Sinn, darum auch Erbe im Ursinn, Gal. 4, und daher kommt es,
daß niemand außer ihm Erbe oder Sohn ist, sondern nur durch
ihn und in ihm, als Glied von ihm durch Gnade und heilige Liebe. Wie immer
wir also Söhne sein mögen - sofern wir viele und gesondert sind,
sind wir doch nicht Erben, weil wir in Wahrheit auch nur insoweit Söhne
sind, als wir durch die in uns sich vollziehende Kindschaftsannahme jenem
Ein- und Erstgeborenen gleichgestaltet werden, wie das Unvollkommene dem
Vollkommenen, das zweite dem ersten, das Glied dem Haupte - weshalb er
ja auch 'Erstgeborener' heißt. Deshalb fügt bezeichnenderweise
der Apostel, nachdem er gesagt hatte: 'Wenn Söhne, so auch Erben',
hinzu: 'Erben zwar Gottes, aber Miterben Christi', Röm. 8.
Was die Behauptung betrifft, die dem Satze sich anschließt: "Gott
zeugt mich als seinen Sohn" "ohne allen Unterschied" - so hat dies auf
den ersten Blick eine üble Färbung. Aber es ist doch wahr, weil
Gott Vater in mir seinen Sohn zeugt und durch diesen nämlichen Sohn
und in ihm mich selbst als seinen Sohn in ihm zeugt; und der Sohn, der
in mir gezeugt ist, ist der Sohn ohne allen Unterschied der Natur dem
Vater gegenüber; einer, ungeschieden, ohne jede Unterscheidung, nicht
einer in mir und ein anderer in einem anderen Menschen; desgleichen ungeschieden,
nicht getrennt oder gesondert von mir, als wäre er gleichsam gar
nicht in mir; ist er doch als Gott in allem und überall. Dies halte
ich für wahren und gesunden Christenglauben, und das heißt
Gott in seinem einzigen Sohne die Ehre geben, durch den uns der Vater
wiedergeboren und in seiner unaussprechlichen Liebe zu Kindern angenommen
hat. Mit dem Gesagten stimmt auch überein, was der hl. Thomas [in]
(I 2 q. 108 a. 1.) lehrt.
Was aber an letzter Stelle im gleichen Satze folgt: "Wir werden umgestaltet
und verwandelt in Gott", ist ein Irrtum. Denn der heilige oder gute Mensch,
wer immer er auch sei, und wie innig er auch mit Gott verbunden sein mag,
wird doch nicht selbst Gott und nicht selbst Christus oder Erstgeborener,
noch auch werden durch ihn die anderen gerettet, noch ist er das Ebenbild
Gottes als sein eingeborener Sohn, sondern er ist nach seinem Bilde, ein
Glied dessen, der in Wahrheit und vollkommen der Sohn, der Erstgeborene
und der Erbe ist, während wir die Miterben sind, wie gesagt. Und
das will das Bild sagen, von dem die Rede ist: Wie nämlich viele
Brote auf verschiedenen Altären verwandelt werden in ihn selbst,
den wahren, einzigen Leib Christi, der von der Jungfrau Maria empfangen
und geboren wurde und unter Pilatus gelitten hat, wobei jedoch die sinnenfälligen
Zeichen der einzelnen Stücke erhalten bleiben, so wird auch unser
Geist durch die Kindschaftsgnade und werden wir überhaupt dem wahren
Sohn Gottes geeint als Glieder des einen Hauptes der Kirche, das Christus
ist.
Zum zweiten, wenn es heißt: "Der edle Mensch ist nicht damit zufrieden"
(daß er der eingeborene Sohn sei ... er möchte auch Vater sein)
etc., so ist das dem Wortlaut nach Irrtum, wenn es nicht, wie bei Augustinus
(De Trinitate I. 9 c. 12) besagen will, daß vom Erkannten einerseits
und vom Erkennenden anderseits sozusagen ein Sproß entsteht, der
Erkennendem und Erkanntem gemeinsam zugehört. So trifft es auch zu
zwischen Schauendem und Geschautem und scheint der Fall zu sein zwischen
Sinnesobjekt und Sinn im Zustand der Tätigkeit, wie der Philosoph
sagt. Und das Bild in uns ist vollkommener, wenn die Seele Gott erkennt,
denkt und liebt, als wenn sie sich selbst denkt und liebt, wie Augustinus
und die Lehrer sagen. Das zu berücksichtigen und dem Volk zu lehren,
ist gar nützlich und leitet zum sittlichen Leben und guten Wandel
an, sofern es den Menschen antreibt, häufig und gern an Gott zu denken
und ihn mehr als sich selbst oder sonst etwas Geschaffenes zu lieben.
Zum dritten, wenn es heißt: "Die Tugend hat ihre Wurzel im Grunde
der Gottheit versenkt" etc., so ist zu sagen, daß es wahr ist und
auf dasselbe hinausläuft, was Plotin über die vier Stufen der
Tugenden lehrt, nämlich die bürgerliche, reinigende, die des
geläuterten Gemütes und die vorbildliche worüber auch Thomas
(I 2 q. 61) im letzten Abschnitt handelt. Und das ist gar nützlich
zur Empfehlung der wahren Tugend der Liebe, deren Wurzel und letzter Grund
der hl. Geist ist. Somit soll, wie 'die Wasser zurückkehren' 'zur
Quelle, von der sie entsprungen sind', der Mensch um den Besitz der Liebe
besorgt sein. Denn die Wurzel aller Liebe ist Gott, und er ist selbst
'die Liebe'. 'Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in
ihm' Zum vierten, wenn es heißt: "Der demütige Mensch ist Gottes
so mächtig" wie Gott seiner selbst etc., so ist dies dem Wortlaut
nach Irrtum. Aber das ist wahr, daß Gott dem Demütigen seine
Gnade gibt, wie Jakobus und Petrus bezeugen. Soviel aber ein Mensch an
Gnade besitzt und soweit er Gottes Sohn ist, soviel vermag er über
Gott und dessen Werke, weil er ja nichts anderes will und nicht auf andere
Weise, als was Gott will und tut.
Zum fünften, wenn es heißt: "Es ist eine Kraft in der Seele,
die hat ein Wirken mit Gott", so ist dies Irrtum dem Wortlaut nach, wenn
es nicht so ausgelegt wird, wie bereits zum vierten und oben zum zweiten
Satz bemerkt wurde Zum sechsten, wenn es heißt: "Es ist eine Kraft
in der Seele, wäre die Seele so, sie wäre ungeschaffen und unschaffbar",
so ist dies falsch und Irrtum. Denn wie ein anderer Satz besagt, sind
auch die obersten Kräfte der Seele 'in ihr und mit ihr geschaffen'.
Ich habe auch solches gar nicht behauptet, sondern was ich ausgeführt
habe - um Gottes Güte und Liebe den Menschen gegenüber zu preisen
- ist dies: daß 'Gott den Menschen aus Erde schuf nach seinem Bilde'
und 'ihn nach seinem Vorbild mit Kraft begabt hat' Eccli. 17, auf daß
er Geist sei, wie auch Gott selbst Geist ist - Gott reiner Geist, ungeschaffen,
'ohne jegliche Vermischung mit etwas anderem'. Seinen eingeborenen Sohn
zwar, den er zeugt und der sein Ebenbild ist, den hat er derart nach sich
selbst ausgestattet, daß er wie der Vater ungeschaffen und unendlich
ist; den Menschen aber, der ja geschaffen ist, hat er nach seinem Bilde
gemacht, nicht als sein Bild; und hat ihn ausgestattet nicht 'mit' sich
selbst, sondern 'nach sich' selbst.
Wenn aber im gleichen Satze gesagt wird: "Dem Intellekt ist ebenso gegenwärtig,
was jenseits des Meeres ist, wie dieser Ort, an welchem ich stehe", so
ist dies wahr. Denn der Intellekt sieht ab von Hier und Jetzt. Es wird
ja selbst schon das Vorstellungsbild in der Seele nicht schneller und
leichter erzeugt, wenn das Objekt gegenwärtig, als wenn es abwesend
und beliebig entfernt ist.
Zum siebten, wenn es heißt: "Die menschliche Natur ist allen Menschen
gleich eigen und gemeinsam", so ist dies wahr, und es zu leugnen bedeutet
grobe Unwissenheit. Ist es doch wahr, daß Gott durch die Annahme
der menschlichen Natur dieser selbst und allen, die an ihr teilhaben,
dasselbe mitteilt wie Christus, nach jener Stelle im 8. Kap. des Römerbriefes:
'Alles hat er uns mit ihm gegeben', und Weish. 7: 'Alle Güter sind
mir gekommen gleich mit ihm' - wobei gleich sowohl gleichzeitig als gleicherweise
bedeuten oder auch im Sinne gleicher Wirkung gebraucht sein kann. Sofern
z. B. das Feuer seine Form im Holze hervorbringt, teilt es ihm alles mit,
was der Form des Feuers eigen ist.'Gott nämlich spricht einmal, aber
zwei', d. i. mehreres, wird vernommen, heißt es beim Psalmisten.
'Allen redet er' alles, nach Augustinus, 'aber nicht alle hören'
in gleicher Weise, sondern ein jeder nach seinem besonderen Vermögen,
entsprechend der Stelle bei Matth. 25: 'Dem einen gab er fünf Talente,
dem anderen zwei, dem dritten eines'. Somit folgt daraus nicht, wie diese
Unwissenden meinen, daß ich oder ein beliebiger Mensch alle Gnade
und alles, was der Gnade eigen ist, besäßen, was Christo zukommt
Doch ist es dienlich, die obige Wahrheit recht zu beherzigen: zur
Förderung der Andacht und damit wir Gott dankbar seien, da er 'die
Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen eingeborenen Sohn hingab'
und Fleisch annahm in Christo um meinetwillen, d. i. des Menschen willen.
Denn nach der Ansicht vieler Lehrer hat Gott seinen Sohn einzig zur Rettung
des Menschen ins Fleisch gesandt. Auch werden wir dadurch, daß er
die menschliche Natur annahm, belehrt, in Demut und der Vernunft gemäß
Gott zu dienen. Denn der Mensch ist von Erde, was den Leib angeht, aber
ein Vernunftwesen der Seele nach.
Zum achten zu dem Satz, der von dem Bild in der Seele handelt - daß
nämlich "das Bild der Dreifaltigkeit in der Seele gleichsam deren
einiger Ausdruck ist, jenseits von Wille und Verstand" etc. - ist zu bemerken,
daß die Stelle dunkel ist und nur aus den im Kontext angeführten
Beispielen einiges Licht erhält. Ich sehe deshalb keine Gefahr darin.
Wenn es am Ende heißt: "Ich selbst bin dieses Bild", so ist dies
irrig und falsch. Denn es ist durchaus nichts Geschaffenes in diesem Bild,
sondern nach dem Bilde sind Engel und Menschen geschaffen. Das Bild aber
im eigentlichen Sinn und der Abglanz ist weder geschaffen noch auch ein
Werk der Natur.
|