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Meister Eckehart
Predigt: Vom edlen Menschen
Unser Herr spricht im Evangelium: »Ein edler Mensch
zog aus in ein fernes Land, sich ein Reich zu gewinnen, und kehrte zurück«
(Luk. 19, 12).
Unser Herr lehrt uns in diesen Worten, wie edel der Mensch geschaffen
ist in seiner Natur und wie göttlich das ist, wozu er aus Gnade zu
gelangen vermag, und überdies, wie der Mensch dahin kommen soll.
Auch ist in diesen Worten ein großer Teil der Heiligen Schrift berührt.
Man soll zum ersten wissen, und es ist auch deutlich offenbar, daß
der Mensch in sich zweierlei Naturen hat: Leib und Geist. Darum sagt eine
Schrift: Wer sich selbst erkennt, der erkennt alle Kreaturen, denn alle
Kreaturen sind entweder Leib oder Geist. Darum sagt die Schrift vom Menschen,
es gebe in uns einen äußeren und einen anderen, den inneren
Menschen.
Zu dem äußeren Menschen gehört alles, was der Seele anhaftet,
jedoch umfangen ist von und vermischt mit dem Fleische, und mit und in
einem jeglichen Gliede ein körperliches Zusammenwirken hat, wie etwa
mit dem Auge, dem Ohr, der Zunge, der Hand und dergleichen. Und dies alles
nennt die Schrift den alten Menschen, den irdischen Menschen, den äußeren
Menschen, den feindlichen Menschen, einen knechtischen Menschen.
Der andere Mensch, der in uns steckt, das ist der innere Mensch; den heißt
die Schrift einen neuen Menschen, einen himmlischen Menschen, einen jungen
Menschen, einen Freund und einen edlen Menschen. Und der ist gemeint,
wenn unser Herr sagt, daß »ein edler Mensch auszog in ein
fernes Land und sich ein Reich gewann und wiederkam.«
Man soll fürderhin wissen, daß Sankt Hieronymus und auch die
Meister gemeinhin sagen, ein jeglicher Mensch habe von Anbeginn seines
menschlichen Daseins an einen guten Geist, einen Engel, und einen bösen
Geist, einen Teufel. Der gute Engel rät und treibt beständig
an zu dem, was gut ist, was göttlich ist, was Tugend und himmlisch
und ewig ist. Der böse Geist rät und treibt den Menschen allzeit
hin zu dem, was zeitlich und vergänglich ist und was Untugend, böse
und teuflisch ist. Derselbe böse Geist hält beständig Zwiesprache
mit dem äußeren Menschen, und durch ihn stellt er heimlich
allzeit dem inneren Menschen nach, ganz so wie die Schlange mit Frau Eva
plauderte und durch sie mit dem Manne Adam
(1 Mos. 3, 1 ff.). Der innere Mensch ist Adam. Der Mann in der Seele ist
der gute Baum, der immerfort ohne Unterlaß gute Frucht bringt, von
dem auch unser Herr spricht (Matth. 7, 17). Er ist auch der Acker, in
den Gott sein Bild und Gleichnis eingesät hat und darein er den guten
Samen, die Wurzel aller Weisheit, aller Künste, aller Tugenden, aller
Güte sät: den Samen göttlicher Natur (2 Petr. 1, 4). Göttlicher
Natur Samen das ist Gottes Sohn, Gottes Wort (Luk. 8, II).
Der äußere Mensch, das ist der feindliche Mensch und der böse,
der Unkraut darauf gesät und geworfen hat (Matth. 13, 24 ff.). Von
dem sagt Sankt Paulus: Ich finde in mir etwas, was mich hindert und wider
das ist, was Gott gebietet und was Gott rät und was Gott gesprochen
hat und noch spricht im Höchsten, im Grunde meiner Seele (Röm.
7, 23). Und anderswo spricht er und klagt: »0 weh mir unseligem
Menschen! Wer löst mich von diesem sterblichen Fleische und Leibe?«
(Röm. 7, 24). Und er sagt wieder anderswo, daß des Menschen
Geist und sein Fleisch allzeit widereinander streiten. Das Fleisch rät
Untugend und Bosheit; der Geist rät Liebe Gottes, Freude, Frieden
und jede Tugend (Gal. 5, 17). Wer dem Geiste folgt und nach ihm, nach
seinem Rate lebt, dem gehört das ewige Leben (Gal. 6, 8). Der innere
Mensch ist der, von dem unser Herr sagt, daß »ein edler Mensch
auszog in ein fernes Land, sich ein Reich zu gewinnen«. Das ist
der gute Baum, von dem unser Herr sagt, daß er allzeit gute Frucht
bringt und nimmer böse, denn er will die Gutheit und neigt zur Gutheit,
zur Gutheit, wie sie in sich selbst schwebt, unberührt vom Dies und
Das. Der äußere Mensch ist der böse Baum, der nimmer gute
Frucht zu bringen vermag (Matth. 7, 18).
Vom Adel des inneren Menschen, des Geistes, und vom Unwert des äußeren
Menschen, des Fleisches, sagen auch die heidnischen Meister Tullius und
Seneca: Keine vernunftbegabte Seele ist ohne Gott; der Same Gottes ist
in uns. Hätte er einen guten, weisen und fleißigen Ackerer,
so würde er um so besser gedeihen und wüchse auf zu Gott, dessen
Same er ist, und die Frucht würde gleich der Natur Gottes. Birnbaums
Same erwächst zum Birnbaum, Nußbaums Same zum Nußbaum,
Same Gottes zu Gott
(1 Joh. 3, 9). Ist's aber so, daß der gute Same einen törichten
und bösen Ackerer hat, so wächst Unkraut und bedeckt und verdrängt
den guten Samen, so daß er nicht ans Licht kommt noch auswachsen
kann. Doch spricht Origenes, ein großer Meister: Da Gott selbst
diesen Samen eingesät und eingedrückt und eingeboren hat, so
kann er wohl bedeckt und verborgen und doch niemals vertilgt noch in sich
ausgelöscht werden; er glüht und glänzt, leuchtet und brennt
und neigt sich ohne Unterlaß zu Gott hin.
Die erste Stufe des inneren und des neuen Menschen, spricht Sankt Augustinus,
ist es, wenn der Mensch nach dem Vorbilde guter und heiliger Leute lebt,
dabei aber noch an den Stühlen geht und sich nahe bei den Wänden
hält, sich noch mit Milch labt.
Die zweite Stufe ist es, wenn er jetzt nicht nur auf die äußeren
Vorbilder, auch auf gute Menschen, schaut, sondern läuft und eilt
zur Lehre und zum Rate Gottes und göttlicher Weisheit, kehrt den
Rücken der Menschheit und das Antlitz Gott zu, kriecht der Mutter
aus dem Schoß und lacht den himmlischen Vater an.
Die dritte Stufe ist es, wenn der Mensch mehr und mehr sich der Mutter
entzieht und er ihrem Schoß ferner und ferner kommt, der Sorge entflieht,
die Furcht abwirft, so daß, wenn er gleich ohne Ärgernis aller
Leute zu erregen übel und unrecht tun könnte, es ihn doch nicht
danach gelüsten würde; denn er ist in Liebe so mit Gott verbunden
in eifriger Beflissenheit, bis der ihn setzt und führt in Freude
und in Süßigkeit und Seligkeit, wo ihm alles das zuwider ist,
was ihm ungleich und fremd ist.
Die vierte Stufe ist es, wenn er mehr und mehr zunimmt und verwurzelt
wird in der Liebe und in Gott, so daß er bereit ist, auf sich zu
nehmen alle Anfechtung, Versuchung, Widerwärtigkeit und Leid-Erduldung
willig und gern, begierig und freudig.
Die fünfte Stufe ist es, wenn er allenthalben in sich selbst befriedet
lebt, still ruhend im Reichtum und Überfluß der höchsten
unaussprechlichen Weisheit.
Die sechste Stufe ist es, wenn der Mensch entbildet ist und überbildet
von Gottes Ewigkeit und gelangt ist zu gänzlich vollkommenem Vergessen
vergänglichen und zeitlichen Lebens und gezogen und hinüberverwandelt
ist in ein göttliches Bild, wenn er Gottes Kind geworden ist. Darüber
hinaus noch höher gibt es keine Stufe, und dort ist ewige Ruhe und
Seligkeit, denn das Endziel des inneren Menschen und des neuen Menschen
ist: ewiges Leben.
Für diesen inneren, edlen Menschen, in den Gottes Same und Gottes
Bild eingedrückt und eingesät ist, - wie nämlich dieser
Same und dieses Bild göttlicher Natur und göttlichen Wesens,
Gottes Sohn, zum Vorschein komme und man seiner gewahr werde, wie er aber
auch dann und wann verborgen werde, - dafür trägt der große
Meister Origenes ein Gleichnis vor: Gottes Bild, Gottes Sohn, sei in der
Seele Grund wie ein lebendiger Brunnen. Wenn aber jemand Erde, das ist
irdisches Begehren, darauf wirft, so hindert und verdeckt es, so daß
man nichts von ihm erkennt oder gewahr wird; gleichviel bleibt er in sich
selbst lebendig, und wenn man die Erde, die von außen oben darauf
geworfen ist, wegnimmt, so kommt er zum Vorschein und wird man ihn gewahr.
Und er sagt, daß auf diese Wahrheit hingedeutet sei im ersten Buche
Mosis, wo geschrieben steht, daß Abraham in seinem Acker lebendige
Brunnen ergraben hatte, Ubeltäter aber füllten sie mit Erde;
danach aber, als die Erde herausgeworfen worden war, kamen die Brunnen
lebendig wieder zum Vorschein (1 Mos. 26, 14).
Noch gibt's dafür wohl ein weiteres Gleichnis: Die Sonne scheint
ohne Unterlaß; jedoch, wenn eine Wolke oder Nebel zwischen uns und
der Sonne ist, so nehmen wir den Schein nicht wahr. Ebenso auch, wenn
das Auge in sich selbst krank ist und siech oder verschleiert, so ist
ihm der Schein nicht erkennbar. Überdies habe ich gelegentlich ein
deutliches Gleichnis vorgetragen: Wenn ein Meister ein Bild macht aus
Holz oder Stein, so trägt er das Bild nicht in das Holz hinein, sondern
er schnitzt die Späne ab, die das Bild verborgen und verdeckt hatten;
er gibt dem Holz nichts, sondern er benimmt und gräbt ihm die Decke
ab und nimmt den Rost weg, und dann erglänzt, was darunter verborgen
lag. Dies ist der Schatz, der verborgen lag im Acker, wie unser Herr im
Evangelium spricht (Matth. 13, 44).
Sankt Augustinus sagt: Wenn des Menschen Seele sich vollends hinaufkehrt
in die Ewigkeit, in Gott allein, so scheint auf und leuchtet das Bild
Gottes; wenn aber die Seele sich nach außen kehrt, und sei's selbst
zu äußerlicher Tugendübung, so wird dies Bild vollkommen
verdeckt. Und dies soll es bedeuten, daß die Frauen das Haupt bedeckt
tragen, die Männer aber entblößt, nach Sankt Paulus' Lehre
(1 Kor. 11,4). Und darum: Alles das von der Seele, was sich niederwärts
wendet, das empfängt von dem, zu dem es sich kehrt, eine Decke, ein
Kopftuch; dasjenige der Seele aber, was sich emporträgt, das ist
bloßes Bild Gottes, Gottes Geburt, unverdeckt bloß in entblößter
Seele. Von dem edlen Menschen, wie Gottes Bild, Gottes Sohn, der Same
göttlicher Natur in uns nimmer vertilgt wird, wenngleich er verdeckt
werden mag, sagt König David im Psalter: Obzwar den Menschen mancherlei
Nichtigkeit, Leiden und Schmerzensjammer befällt, so bleibt er dennoch
im Bilde Gottes und das Bild in ihm (Ps. 4, 2). Das wahre Licht leuchtet
in der Finsternis, wenngleich man es nicht gewahr wird (Joh. 1,5).
»Nicht achtet darauf«, meint das Buch der Liebe, »daß
ich braun bin, ich bin doch schön und wohlgestaltet; aber die Sonne
hat mich entfärbt« (Hohel. 1, 5). »Die Sonne« ist
das Licht dieser Welt und meint, daß (selbst) das Höchste und
Beste, das geschaffen und gemacht ist, das Bild Gottes in uns verdeckt
und entfärbt. »Nehmt weg«, spricht Salomon, »den
Rost von dem Silber, so leuchtet und glänzt hervor das allerlauterste
Gefäß« (Spr. 25, 4), das Bild, Gottes Sohn, in der Seele.
Und das ist es, was unser Herr in jenen Worten sagen will, da er spricht,
daß »ein edler Mensch auszog«, denn der Mensch muß
aus allen Bildern und aus sich selbst ausgehen und allem dem gar fern
und ungleich werden, wenn anders er den Sohn nehmen und Sohn werden will
und soll in des Vaters Schoß und Herzen.
Jederart Vermittlung ist Gott fremd. »Ich bin«, spricht Gott,
»der Erste und der Letzte« (Offenb. 22, 13). Unterschiedenheit
gibt es weder in der Natur Gottes noch in den Personen entsprechend der
Einheit der Natur. Die göttliche Natur ist Eins, und jede Person
ist auch Eins und ist dasselbe Eine, das die Natur ist. Der Unterschied
zwischen Sein und Wesenheit wird als Eins gefaßt und ist Eins. Erst
da, wo es nicht in sich verhält, da empfängt, besitzt und ergibt
es Unterschied. Darum: Im Einen findet man Gott, und Eins muß der
werden, der Gott finden soll. »Ein Mensch«, spricht unser
Herr, »zog aus«. Im Unterschied findet man weder das Eine
noch das Sein noch Gott noch Rast noch Seligkeit noch Genügen. Sei
Eins, auf daß du Gott finden könnest! Und wahrlich, wärest
du recht Eins, so bliebest du auch Eins im Unterschiedlichen, und das
Unterschiedliche würde dir Eins und vermöchte dich nun ganz
und gar nicht zu hindern. Das Eine bleibt gleichmäßig Eins
in tausendmal tausend Steinen wie in vier Steinen, und Tausendmaltausend
ist ebenso gewiß eine einfache Zahl, wie Vier eine Zahl ist.
Ein heidnischer Meister sagt, daß das Eine aus dem obersten Gott
geboren sei. Seine Eigenart ist es, mit dem Einen eins zu sein. Wer es
unterhalb Gottes sucht, der betrügt sich selbst. Und zum vierten,
sagt der gleiche Meister, hat dieses Eine mit nichts eigentlichere Freundschaft
als mit Jungfrauen oder Mägden, wie denn Sankt Paulus spricht: »Ich
habe euch keusche Jungfrauen dem Einen angetraut und verlobt« (2
Kor. 11, 2). Und ganz so sollte der Mensch sein, denn so spricht unser
Herr: »Ein Mensch zog aus«.
»Mensch« in der eigenen Bedeutung des Wortes im Lateinischen
bedeutet in einem Sinne den, der sich mit allem, was er ist und was sein
ist, unter Gott beugt und fügt und aufwärts Gott anschaut, nicht
das Seine, das er hinter, unter, neben sich weiß. Dies ist volle
und eigentliche Demut; diesen Namen hat er von der Erde. Davon will ich
nun nicht weiter sprechen. Wenn man »Mensch« sagt, so bedeutet
dieses Wort auch etwas, was über die Natur, über die Zeit und
über alles, was der Zeit zugekehrt ist oder nach Zeit schmeckt, erhaben
ist, und das gleiche sage ich auch mit bezug auf Raum und Körperlichkeit.
Überdies noch hat dieser »Mensch« in gewisser Weise mit
nichts etwas gemein, das heißt, daß er weder nach diesem noch
nach jenem gebildet oder verähnlicht sei und vom Nichts nichts wisse,
so daß man in ihm nirgends vom Nichts etwas finde noch gewahr werde
und daß ihm das Nichts so völlig benommen sei, daß man
da einzig finde reines Leben, Sein, Wahrheit und Gutheit. Wer so geartet
ist, der ist ein »edler Mensch«, fürwahr, nicht weniger
und nicht mehr.
Noch gibt es eine andere Erklärungsweise und Belehrung für das,
was unser Herr einen »edlen Menschen« nennt. Man muß
nämlich auch wissen, daß diejenigen, die Gott unverhüllt
erkennen, mit ihm zugleich die Kreaturen erkennen; denn die Erkenntnis
ist ein Licht der Seele, und alle Menschen begehren von Natur nach Erkenntnis,
denn selbst böser Dinge Erkenntnis ist gut. Nun sagen die Meister:
Wenn man die Kreatur in ihrem eigenen Wesen erkennt, so heißt das
eine »Abenderkenntnis«, und da sieht man die Kreaturen in
Bildern mannigfaltiger Unterschiedenheit; wenn man aber die Kreaturen
in Gott erkennt, so heißt und ist das eine »Morgenerkenntnis«,
und auf diese Weise schaut man die Kreaturen ohne alle Unterschiede und
aller Bilder entbildet und aller Gleichheit entkleidet in dem Einen, das
Gott selbst ist. Auch dies ist der »edle Mensch«, von dem
unser Herr sagt: »Ein edler Mensch zog aus«, darum edel, weil
er Eins ist und Gott und Kreatur im Einen erkennt.
Noch auf einen andern Sinn dessen, was der »edle Mensch« sei,
will ich zu sprechen kommen und eingehen. Ich sage: Wenn der Mensch, die
Seele, der Geist Gott schaut, so weiß und erkennt er sich auch als
erkennend, das heißt: er erkennt, daß er Gott schaut und erkennt.
Nun hat es etliche Leute bedünkt, und es scheint auch ganz glaubhaft,
daß Blume und Kern der Seligkeit in jener Erkenntnis liegen, bei
der der Geist erkennt, daß er Gott erkennt; denn, wenn ich alle
Wonne hätte und wüßte nicht darum, was hülfe mir
das und was für eine Wonne wäre mir das? Doch sage ich mit Bestimmtheit,
daß dem nicht so ist. Ist es gleich wahr, daß die Seele ohne
dies wohl nicht selig wäre, so ist doch die Seligkeit nicht darin
gelegen; denn das erste, worin die Seligkeit besteht, ist dies, daß
die Seele Gott unverhüllt schaut. Darin empfängt sie ihr ganzes
Sein und ihr Leben und schöpft alles, was sie ist, aus dem Grunde
Gottes und weiß nichts von Wissen noch von Liebe noch von irgend
etwas überhaupt. Sie wird still ganz und ausschließlich im
Sein Gottes. Sie weiß dort nichts als das Sein und Gott. Wenn sie
aber weiß und erkennt, daß sie Gott schaut, erkennt und liebt,
so ist das der natürlichen Ordnung nach ein Ausschlag aus dem und
ein Rückschlag in das Erste; denn niemand erkennt sich als weiß
als der, der wirklich weiß ist. Darum, wer sich als weiß erkennt,
der baut und trägt auf dem Weiß-Sein auf, und er nimmt sein
Erkennen nicht unmittelbar und unwissend direkt von der Farbe, sondern
er nimmt das Erkennen ihrer und das Wissen um sie von dem ab, was da gerade
weiß ist, und schöpft das Erkennen nicht ausschließlich
von der Farbe an sich; vielmehr schöpft er das Erkennen und Wissen
von Gefärbtem oder von Weißem und erkennt sich als weiß.
Weißes ist etwas viel Geringeres und viel Äußerlicheres
als das Weiß-Sein. Etwas ganz anderes ist die Wand und das Fundament,
darauf die Wand gebaut ist.
Die Meister sagen, eine andere Kraft sei es, mit Hilfe deren das Auge
sieht, und eine andere, durch die es erkennt, daß es sieht. Das
erstere: daß es sieht, das nimmt es ausschließlich von der
Farbe, nicht von dem, was gefärbt ist. Daher ist es ganz einerlei,
ob das, was gefärbt ist, ein Stein sei oder Holz, ein Mensch oder
ein Engel: einzig darin, daß es Farbe habe, liegt das Wesentliche.
So auch, sage ich, nimmt und schöpft der edle Mensch sein ganzes
Sein, Leben und seine Seligkeit bloß nur von Gott bei Gott und in
Gott, nicht vom Gott-Erkennen, -Schauen oder -Lieben oder dergleichen.
Darum sagt unser Herr beherzigenswert treffend, ewiges Leben sei dies:
Gott allein als den einen, wahren Gott zu erkennen (Joh. 17, 3), nicht:
zu erkennen, daß man Gott erkennt. Wie sollte der Mensch sich als
Gott-erkennend erkennen, der sich selbst nicht erkennt? Denn sicherlich,
der Mensch erkennt sich selbst und andere Dinge überhaupt nicht,
vielmehr nur Gott allein, fürwahr, wenn er selig wird und selig ist
in der Wurzel und im Grunde der Seligkeit. Wenn aber die Seele erkennt,
daß sie Gott erkennt, so gewinnt sie zugleich Erkenntnis von Gott
und von sich selbst.
Nun ist aber eine andere Kraft - wie ich ausgeführt habe -, vermöge
deren der Mensch sieht, und eine andere, durch die er weiß und erkennt,
daß er sieht. Wahr ist es zwar, daß jetzt, hienieden, in uns
jene Kraft, durch die wir wissen und erkennen, daß wir sehen, edler
und höher ist als die Kraft, vermöge deren wir sehen; denn die
Natur beginnt ihr Wirken mit dem Geringsten, Gott aber beginnt bei seinen
Werken mit dem Vollkommensten. Die Natur macht den Mann aus dem Kinde
und das Huhn aus dem Ei; Gott aber macht den Mann vor dem Kinde und das
Huhn vor dem Ei. Die Natur macht das Holz zuerst warm und heiß,
und danach erst läßt sie das Sein des Feuers entstehen; Gott
aber gibt zuerst aller Kreatur das Sein, und danach in der Zeit und doch
ohne Zeit und gesondert alles das, was dazu hinzugehört. Auch gibt
Gott den Heiligen Geist eher als die Gaben des Heiligen Geistes.
So also sage ich, daß es zwar Seligkeit nicht gibt, ohne daß
der Mensch sich bewußt werde und wohl wisse, daß er Gott schaut
und erkennt; doch verhüte Gott, daß meine Seligkeit darauf
beruhe! Wem's anders genügt, der behalte es für sich, doch erbarmt's
mich. Die Hitze des Feuers und das Sein des Feuers sind gar ungleich und
erstaunlich fern voneinander in der Natur, obzwar sie nach Zeit und Raum
gar nahe beieinander sind. Gottes Schauen und unser Schauen sind einander
völlig fern und ungleich.
Darum sagt unser Herr gar recht, daß »ein edler Mensch auszog
in ein fernes Land, sich ein Reich zu gewinnen, und zurückkam«.
Denn der Mensch muß in sich selber Eins sein und muß dies
suchen in sich und im Einen und empfangen im Einen, das heißt: Gott
lediglich schauen; und »zurückkommen«, das heißt:
wissen und erkennen, daß man Gott erkennt und weiß.
Und alles hier Vorgetragene hat der Prophet Ezechiel vorausgesprochen,
als er sagte, daß »ein mächtiger Adler mit großen
Flügeln, mit langen Gliedern voll mancherlei Federn zu dem lautern
Berge kam und entnahm das Mark oder den Kern des höchsten Baumes,
riß ab die Krone seines Laubes und brachte es herunter« (Ez.
17, 3). Was unser Herr einen edlen Menschen heißt, das nennt der
Prophet einen großen Adler. Wer ist denn nun edler, als der einerseits
vom Höchsten und Besten, was die Kreatur besitzt, geboren ist und
zum andern aus dem innersten Grunde göttlicher Natur und dessen Einöde?
»Ich«, spricht unser Herr im Propheten Osee, »will die
edle Seele führen in eine Einöde, und ich will dort sprechen
in ihr Herz« (Hosea). Eines mit Einem, Eines von Einem, Eines in
Einem und in Einem Eines ewiglich. Amen.
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