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Lao-tse
Tao Te King, Kapitel 01 - 10
deutsche Übersetzung von Rudolf Bachofen
01 ~ Ehrfurcht vor dem Geheimnis
des Unergründlichen
01. Das Unergründliche, das man ergründen kann, ist nicht das unergründbar
Letzte.
02. Der Begriff, durch den man begreifen kann, zeugt nicht vom Unbegreiflichen.
03. Im Unbegreiflichen liegt der Welt Beginn, nennbar wird nur, was Gestalt
gewinnt.
Daher gilt:
04. Das Wesen erschaut, wer wunschlos zum Herzen der Dinge strebt;
05. Gestalten nur sieht, wer begehrlich am Sinnlichen klebt.
06. Wesen und Gestalt sind nur begrifflich gespalten, geheimnisvoll bleibt
ihrer Einheit Grund.
07. Diese Einheit ist das Geheimnis der Geheimnisse, zu allem Unergründlichen
erst das Tor.
02 ~ Das Offenbarwerden des Wesentlichen
im Gegensatz
08. Wir wissen: Schönheit wird als Schönheit nur erkannt, wenn Nichtschönheit
bewusst wird.
09. Das Gute wird als Gutes nur erkannt, wenn Nichtgutes bewusst wird.
10. Sein und Nichtsein erzeugen einander;
11. Schweres kann nur Sein, wo auch Leichtes ist;
12. Großes nur, wo Kleines ist;
13. Hohes dort, wo Tiefes ist.
14. Stimme und Ton bedingen die Kiangwelt.
15. Vergangenheit und Zukunft bedingen die Zeit.
Darum
16. wirkt der Weise durch Nichtwirken;
17. lehrt durch Schweigen;
18. ist allem geöffnet, was auf ihn zukommt;
19. erzeugt und behält nichts;
20. schafft Werke und fragt nicht nach der Frucht der Werke;
21. vollendet und steht immer wieder am Anfang:
22. All sein Tun quillt aus Herzensgründen.
03 ~ Nichtwirken -- Grundsatz
aller Menschenführung
23. Die Fähigen auszeichnen, das heißt: im Volke Streber erziehen.
24. Das Seltene preisen, das heißt: die Neider locken.
25. Die Begierden reizen, das heißt: die Herzen verwirren.
26. Daher weckt ein weiser Fürst keine Leidenschaften, sondern sorgt für
Zufriedenheit;
27. weckt keine Begierden, sondern läßt sein Volk in sich stark Sein;
28. weckt keinen Wissensdrang, sondern fördert die Herzensbildung.
29. Er selbst wirkt—ohne zu wirken und erwirkt gerade dadurch die Ordnung
des Reichs.
04 ~ Die Unerkennbarkeit des Weltenurgrundes
30. Wesenlos ist das Unergründliche, die Wesen lösend von ihrem Sein;
abgründig tief ist
es, alles Seienden Grund.
31. Es mildert das Scharfe, klärt das Wirre, dämpft das Grelle, macht
sich eins mit dem Unscheinbaren.
32. Qellgrund des Schweigens. Nicht scheinst Du zu wirken
33. Ich weiß nicht, woher Du kommst.
34. Du scheinst älter zu sein als selbst der Gott des Himmels.
05 ~ Schöpferisches Unbekümmertsein
35. Das All kennt keine Liebe; es schreitet über alles hinweg, als wäre
es nichts.
36. Auch der Weise kennt keine Liebe, wie Menschen sie kennen; natürliche
Bande
verpflichten ihn nicht. (Denn mehr als
Liebe ist, was im All und im Weisen wirkt.)
37. Wie des Schmiedes Blasebalg, in sich leer, doch höchste Glut und edelstes
Schaffen
ermöglicht, wenn er im Innern bewegt wird,
so wirkt aus dem Nichts schöpferisch das All;
38. so wirkt der schweigende Mensch, der ledigen Gemüts ist.
39. Wer aber nicht schweigen kann, der erschöpft sich.
06 ~ Das Aus-sich-selbst-quellen alles
Lebendigen
40. Unvergänglich ist der Geist der Tiefe.
41. Es ist das Urmütterliche.
42. In des Urmütterlichen Schoß wurzeln Himmel und Erde.
43. Es ist der Urquell des Lebens, der mühelos aus sich selber quillt.
07 ~ Selbstlosigkeit—das Tor zur Unvergänglichkelt
44. Langwährend sind Himmel und Erde.
45. Nie sich selbst lebend, erfüllen sie die untergründigen Ordnungen.
46. Das ist der Grund ihrer Unvergänglichkeit.
47. So kennt auch der Weise keinen Eigenwillen:
48. Er fragt nicht nach sich—und kommt doch zu sich.
49. Er achtet seiner selbst nicht —- und sein Selbst vollendet sich.
50. Muß es nicht so Sein, daß dem Selbstlosen allein Erfüllung wird?
08 ~ Sichfügen -- das Geheimnis echten
Lebens
51. Echtes Leben gleicht dem Wasser: Still fügt es sich dem Grund, den
Menschen
verachten, gütig und selbstlos allem dienend,
dem unergründlichen Urquell gleichend.
52. Echtes Leben ist:
53. Anspruchslos nach außen und wunschlos nach innen;
54. hingebend im Dienen und wahrhaftig im Reden;
55. ordnend im Führen und leistungsstark im Wirken;
56. gelassen im Tun.
57. Gütig sich fügend, ist es unantastbar.
09
~ Vom Tun des Notwendigen
58. Man darf nicht ein Gefäß überfüllen, wenn man es nur füllen soll.
59. Man kann nicht ein Meßer schärfen und zugleich die Schneide erproben.
60. Sinnlos ist es, Gold und Edelsteine zu sammeln, wenn man sie nicht
sicher horten kann.
61. Wer, reich und geachtet, nur sich selber kennt, der zieht sein eigenes
Unglück herbei.
62. Wer aber Großes vollbringt und trotz des Ruhms sich bescheiden zurückzieht,
der
verwirklicht des Himmels Art.
10 ~ Der Weg zur Lebenstiefe
63. Herrschaft des Geistes und Einklang der Kräfte bewahrt die Seele
vor Zersplitterung.
64. Seine Herzkräfte bewahrend, anpaßend sich fügend, wird der Mensch
dem Kinde gleich.
65. Ständig sich läuternd, immer tiefer schauend, geht er irrtumslos seinen
Weg.
66. Wer liebend sein Volk führt, läßt es sich selbst ordnen.
67. In Zeiten des Glücks und in Zeiten des Unglücks umhegt er es mütterlich.
68. Wer sich um echte Einsicht müht, bedarf keines Wissens.
69. Hegen und pflegen,
70. Werte schaffen und nichts behalten,
71. wirken und der Werke nicht achten,
72. führen und doch nicht herrschen: Das erstrebt der Zielwille unseres
Lebens.
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