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Lao-tse
Tao Te King, Kapitel 11 - 20
deutsche Übersetzung von Rudolf Bachofen
11 ~ Die Wirksamkeit des Unsichtbaren
im Sichtbaren 73. Dreißig Speichen enden in einer Nabe; doch erst das Loch in der Nabe
wirkt des
Rades Brauchbarkeit.
74. Ton knetend bildet man Gefäße; doch erst ihr Hohlraum gibt ihnen Brauchbarkeit.
75. Mauern, von Fenstern und Türen durchbrochen, bilden Räume; doch erst
die Leere
des Raums gibt ihnen Brauchbarkeit.
76. So gibt das Stoffliche zwar Eignung, das Unstoffliche aber erst den
Wert.
12 ~ Das Sinnliche -- ein Weg
zum Sinn
77. Der Farben Vielfalt blendet die Augen.
78. Der Töne Fülle betäubt das Gehör.
79. Der Gewürze Reichtum verdirbt den Geschmack.
80. Der Leidenschaften Drang verwirrt das Herz.
81. Die Gier nach schwer Erreichbarem zerstört die Sitten.
82. Der Weise, von seinem Inneren geleitet, bestimmt seiner Sinne Grenzen.
83. Alles Sinnliche ist ihm auch nur ein Weg zum Sinn.
13 ~ Sittliche Unabhängigkeit Voraussetzung
alles ordnenden
Wirkens
84. Gnade ist beschämend wie Angst.
85. Ehre macht Kummer wie das liebe Ich.
86. Warum ist Gnade beschämend wie Angst?
87. In Ängsten schwebt, wer Gnade sucht, (nicht wissend, ob er sie erhält;)
88. in Ängsten verharrt, wer Gnade fand, (nicht wissend, ob er sie behält;)
darum ist
Gnade beschämend wie Angst.
89. Warum macht Ehre Kummer wie das liebe Ich?
90. Aller Kummer kommt daher, daß ich ein Ich habe, (denn das Ich ist
nie zufrieden zu stellen;)
91. könnte ich von meinem Ich loskommen, gäbe es auch keinen Kummer mehr.
Darum:
92. Wer sich von Gnade und Ehre ebenso wie von seinem Ich freihält, dem
mag man das
Reich übergeben;
93. wer selbstlos zu dienen gewillt ist, dem mag man das Reich anvertrauen.
14 ~ Innerer Gehorsam erwirkt letzte
Erkenntnisse
94. Wer das Unergründliche sehen will, wird es nicht sehen;
denn es ist unsichtbar.
95. Wer das Unergründliche hören will, wird es nicht hören;
denn es ist tonlos.
96. Wer das Unergründliche erfassen will, kann es nicht ergreifen;
denn es ist frei von Gestalt.
97. Kein Teilweg führt zu einem Ziel, nur im Ganzen findet
sich das Eine:
98. Nenne seine Oberfläche abgründig dunkel und seine Tiefe
oberflächenhell (nie ist es
begrifflich zu fassenl)
99. Es kreist anfangslos durch das All und sinkt endlos ins
Nichts,
100. ist gestaltlose Gestalt und seinloses Sein,
101. das Unergründlichste in allem Unergründlichen.
102. Wer ihm entgegengeht— schaut nicht sein Antlitz; wer ihm folgt— dem
entzieht es sich.
103. Wer ihm aber gehorsam bleibt, so wie ihm die Alten gehorsam waren,
der erkennt,
was ward und was werden will,
der sieht die Selbstentfaltung des Unergründlichen
aus sich selbst.
15 ~ Ursprünglichkeit -- das Geheimnis
im Leben der alten
Meister
104. Die alten Meister des Lebens waren tiefeins mit den wirkenden Mächten
des Lebens.
105. In ihrer tiefen Innerlichkeit lag ihre Größe und ihres Wirkens Mächtigkeit.
106. Wer vermag sie heute zu erfassen?
107. Voller Aufmerksamkeit waren sie, wie Fährleute, die im Winter über
den Strom setzen.
108. Scheu waren sie, wie Menschen, die von allen Seiten bedrängt werden.
109. Zurückhaltend blieben sie, wie es Gästen geziemt.
110. Sie fügten sich wie schmelzendes Eis.
111. Sie waren echt wie Kernholz.
112. Sie waren voller Weite wie ein breites Tal
113. und undurchschaubar wie sumpfige Wasser.
114. Undurchschaubar erscheinen uns Heutigen auch ihre Erkenntnisse; wer
kann sie uns
wieder erhellen?
115. Wer vermag wieder zum Leben zu erwecken, was uns so tot erscheint?
116. Nur wer dem Unergründlichen gehorsam wird, wer sich selbst nicht
sucht, wer
unscheinbar bleibt und im Mangel
vollkommen sein kann.
16 ~ Die Erfüllung der ewigen Ordnungen
117. Wunschloses Aufwärtsstreben gibt Herzensstille.
118. Und kämen auf einen Wunschlosen auch alle Wesen zu,— er bliebe still,
ihr
Kommen und Gehen schauend.
119. Denn alles Lebendige ist dem Wechsel unterworfen: Es entfaltet sich
— und kehret
zum Urgrund zurück.
120. Zurückkehren zum Urgrund, das heißt: stille werden, das heißt: heimkehren.
121. Heimkehr ist: Rückkehr ins Unvergängliche.
122. Wer dies erkennt, ist weise; wer es nicht erkennt, stiftet Unheil.
123. Wer von der Unvergänglichkeit ergriffen wird, der wird weitherzig.
124. Der Weitherzige ist duldsam.
125. Der Duldsame ist edel.
126. Der Edle erfüllt die ewigen Ordnungen.
127. Und wer diese erfüllt, der gleicht dem Unergründlichen, und ist,
wie dieses, unvergänglich.
128. Keinerlei Schicksal trifft ihn mehr.
17 ~ Die Unauffälligkelt guter Staatsführung
129. Den echten Führer einer Gemeinschaft gewahrt das Volk kaum;
130. weniger große werden geliebt und gelobt,
131. die kleinen gefürchtet,
132. die Herrschsüchtigen verachtet.
133. So wie ein Herrscher seinem Volk vertraut, vertraut das Volk ihm.
134. Die weisen Herrscher wählten bedacht ihre Worte, was sie taten, war
gut; ihr Werk
vollendeten sie.
135. Das Volk aber glaubte, sich selbst zu führen.
18 ~ Mangelnde Ursprünglichkeit wirkt
auflösend
136. Sitte und Recht entstanden, als der Mensch nicht mehr aus dem Ursprung
lebte.
137. Mit der Herrschaft des Verstandes begann die große Unaufrichtigkeit.
138. Als die Einheit des Blutes verloren ging,
139. mußte von Elternpflicht und Kindesgehorsam gesprochen werden;
140. als die Einheit der Gemeinschaft verloren ging, mußte von Staatstreue
und
Bürgerpflicht gesprochen werden.
19 ~ Echtheit des Wesens Voraussetzung
vollkommener Sittlichkeit
141. Hundertfach wird eine Gemeinschaft gesegnet, wenn die Menschen nicht
mehr
wissen und nicht mehr heilig sein
wollen.
142. Wahre Ehrfurcht und natürliche Liebe wachsen in einer Gemeinschaft,
in der Recht
und Sitte nicht mehr gefordert werden.
143. Unmoral findet keinen Raum in einer Gemeinschaft, in der Selbstlosigkeit
das Wirken
bestimmt.
144. Das sind drei Grundsätze, die nicht gefordert, sondern gelebt werden
wollen.
145. Nur wo sie gelebt werden, helfen sie dem Menschen.
146. Echte Sittlichkeit wird nur, wo ursprünglich gelebt und aus lauterem
Herzen
gehandelt wird;
147. wo sich die Echtheit des Wesens in selbstloser Tat und in Wunschlosigkeit
offenbart.
20 ~ Die Unbekümmertheit des Weisen
um das Urteil der Masse
148. Gebt eure Scheinbildung auf, so lösen sich alle Schwierigkeiten.
149. Wie klein ist doch der Unterschied zwischen (dem herzhaften) Ja (eines
Mannes)
und (dem lieblichen) Ja (eines Weibes)l
150. Wie bedingt ist doch das Urteil über gut und bösel
151. Wie töricht ist es doch, keine Ehrfurcht zu zeigen vor dem, was anderen
Ehrfurcht einflößt!
152. 0 Einsamkeit, wann umfängst Du mich ganz ...?
153. Die Menschen lustwandeln so fröhlich, als ob das Leben ein einziges
Volksfest wäre,
als ob alle auf des Maien Höhen gingen.
154. Ich allein bin verlassen und weiß nicht, was ich tun soll.
155. Wie ein Kind bin ich, das noch nicht lächeln kann,
156. wie ein Flüchtling, der keine Heimat mehr hat.
157. Die andern haben die Fülle, ich habe nichts.
158. Ich bin voller Einfalt, wie ein Tor,— es ist zum Verzweifelnl
159. Froh und vergnügt sind die andern, gedrückt und traurig bin ich!
160. Umsichtig sind sie, voll munteren Strebens, bei mir aber rührt sich
nichts.
161. Unruhig, ach, wie die Wogen des Meeres, so walle ich dahin.
162. Mich wirbelt das Leben umher, als ob ich haltlos wäre.
163. Das Leben der anderen hat Sinn und Zweck, das meine nur scheint unnütz
und leer.
164. Ich allein bin anders als alle anderen;— doch sei still, mein Herz:
Du lebst am Herzen
der Weltenmutter.
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