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Lao-tse
Tao Te King, Kapitel 21 - 30
deutsche Übersetzung von Rudolf Bachofen
21 ~ Vom Vertrauen in die wirkenden
Innenkräfte
165. Der Führungskraft höchstes Ziel ist Gehorsam gegenüber dem Unergründlichen.
166. Wie das Unergründliche wirkt, wird niemandem kund.
167. In unerkennbarer und nicht faßbarer Weise erwirkt es die geistigen
Kräfte;
168. in unerkennbarer und nicht faßbarer Weise erwirkt es die Formkräfte;
169. in unfaßbarer und nicht ergründbarer Tiefe trägt es die Keimkräfte
in sich.
170. Die Keimkräfte erwirken die Wirklichkeit, sie selber sind von der
letzten Wirklichkeit erwirkt.
171. Diese, nie ihr Wesen offenbarend, erwirkt den Ursprung des Seins.
172. Woher weiß ich dies?
173. Eben durch sie.
22 ~ Das Gesetz des inneren Ausgleichs
174. Was unvollkommen ist, wird vollkommen werden;
175. was krumm, gerade;
176. was leer, voll;
177. wenn sich etwas löst, wird Neues werden;
178. wo Mangel ist, wird Fülle werden;
179. wo Fülle ist, wird Mangel werden.
180. Der Weise, das Unergründliche in sich hegend, wird der Welt Vorbild:
181. Er achtet nicht auf sich— und wird beachtet.
182. Er kümmert sich nicht um sich— und wird verehrt.
183. Er sucht nichts für sich— und hat Erfolg.
184. Er sorgt nicht um sich— und ist allem überlegen.
185. Da er wunschlos ist, ist er unantastbar.
186. So ist viel Wahrheit in dem alten Wort: Was unvollkommen ist, wird
vollkommen werden.
187. Der innere Zielwille unseres Lebens bestätigt es.
23 ~ Lebensmeisterung
durch stilles Sicheinfügen
188. Wer wenig redet, findet die rechte Einstellung zu jedem Geschehen.
189. Er verzweifelt nicht, wenn Orkane toben; (denn er weiß, sie gehen
schnell vorüber;)
190. auch ein Platzregen währt nicht den ganzen Tag.
191. Himmel und Erde wirken beides.
192. Wenn diese schon keine Beständigkeit kennen, um wieviel weniger darf
man vom
Menschen Beständigkeit erwarten.
(Daher kommt es immer auf die rechte
Einstellung an; diese aber heißt:
sich still in alles Geschehen einfügen.)
193. Wer sich in seinem Tun vom Unergründlichen bestimmen läßt, wird eins
mit ihm.
194. Wer sich in seinem Tun von seinem innersten Wesen bestimmen läßt,
wird eins mit sich selbst.
195. Wer sich in seinem Tun von irgend etwas bestimmen läßt, wird eins
mit diesem.
196. Wer sich in das Unergründliche einfügt, dem wird in dieser Einfügung
der Segen des
Unergründlichen.
197. Wer sich seinem innersten Wesen einfügt, dem wird in dieser Einfügung
der Segen
des Innersten.
198. Wer sich in irgend etwas einfügt, dem wird in dieser Einfügung Segen
oder Fluch, je
nach der Wesenheit dieses Irgend-etwas.
199. Jedem wird soviel Vertrauen, als er gibt.
24 ~ Natürlichkeit—Voraussetzung
echten Lebens
200. Wer auf den Zehen steht, kann nicht stehen.
201. Wer die Beine spreizt, kann nicht gehen.
202. Wer sich ins Licht stellt, kann nicht leuchten.
203. Wer nur sich gelten läßt, kann nichts gelten.
204. Wer sich selbst wichtig nimmt, hat kein Gewicht.
205. Wer sich selbst lobt, ist nicht groß.
206. Solch unnatürliches Tun verabscheuen die himmlischen Mächte; auch
der natürlich
Empfindende verabscheut es.
207. Wer um seine Würde weiß, Träger des Unergründlichen zu Sein, hält
sich von solchem fern.
25 ~ Die Urkraft des Werdens
208. Im unergründlichen Grunde liegt die Urwesenheit.
209. Sie war, ehe Himmel und Erde waren, ohne Bewegung, ohne Gestalt,
noch werdefrei
in der Ganzheit des Wesens, ohne
Widerstand alles erfüllend: Mutter des Himmels
und der Erde.
210. Unbegreitbar und unnennbar ist sie.
211. Ich bezeichne sie als das Unergründliche.
212. Ich kann sie (um eine begriffiiche Faßung ringend,) auch als das
Große bezeichnen.
213. Damit meine ich: ihr ewig Quellendes,
214. und mit diesem meine ich: ihr Unaufhörliches,
215. und mit diesem: den erst in alLen Fernen des Unendlichen sich schließenden
Kreislauf des Werdens.
216. Groß ist das Unergründliche;— doch auch der Himmel, die Erde und
der König sind groß.
217. Dies sind vier Größen, die uns gegeben sind; der König ist nur eine
von ihnen.
218. Er ist als Mensch an die Gesetze der Erde gebunden.
219. Die Erde ist den Gesetzen des Himmels eingefügt.
220. Der Himmel folgt dem Gesetz des Unergründlichen.
221. Dieses aber ist sich selbst Gesetz.
26 ~ Meisterung des Lebens durch
stille Würde
222. Wer das Schwere willig trägt, meistert auch das weniger Schwere.
223. Wer die Ruhe stets bewahrt, ist Herr jeder Unruhe.
224. Daher trägt der Weise willig seiner Erdenwanderung Last, läßt sich
nicht durch
glänzende Aussichten beirren
und geht in Ruhe und Würde seinen einsamen Weg.
225. Der weltliche Große aber, der oberflächlich dahinlebt, lockert durch
seinen Leichtsinn
das Gefüge der Gemeinschaft,
zerstört durch seine Unruhe die Ordnung des Reichs -
und wird daher sein Reich verlieren.
27 ~ Wirkliches Können wirkt
echte Bildung
226. Ein guter Wanderer hinterläßt keine Spur.
227. Ein guter Redner gibt sich keine Biöße.
228. Ein guter Rechner bedarf keiner Rechenstäbchen.
229. Ein guter Schließer braucht nicht Riegel noch Bolzen, und doch kann
niemand öffnen.
230. Ein guter Binder bindet nicht mit Band und Strick, und doch kann
keiner lösen.
231. So vermag auch der Weise in seinem Reifsein den Menschen immer zu
helfen; für
ihn ist keiner ganz verloren.
232. Er vermag alles Seiende zu fördern; für ihn ist nichts Verwerfliches
im Sein.
233. Das ist aller Menschengestaltung doppeltes Geheimnis: Der Reife vermag
immer nur
dem weniger Reifen zu helfen; der
noch nicht Gebildete ist der Bildungsstoff des Bildners.
234. Daher begegne dem in Ehrerbietung, der reifer ist als Du, und umgib
den mit Liebe,
der Deiner noch bedarf.
235. Wer solches nicht tut, weiß nichts von echter Bildung. Das ist ein
wichtiges Geheimnis.
28 ~ Herzenseinfalt die weltordnende
Kraft
236. Wer kraftvoll in seinem Mannestum wurzelt und zugleich empfänglich
ist wie ein
Weib: in dem vermag das strömende
Leben zu gründen.
237. Ist er das Strombett der Welt, so werden die in seinem Selbst wirkenden
Kräfte ihn
nie verlassen: er kehrt zu des Kindes
Ursprünglichkeit zurück.
238. Wer vom Licht der Erkenntnis durchdrungen dennoch im Dunklen bleibt,
wird zur
Leuchte der Welt.
239. Ist er Leuchte der Welt, wird er von des Lichtes Mächten nie verlassen:
er kehrt zum
Urgrund des Lebens zurück.
240. Wer um seine innere Größe weiß und dennoch bescheiden bleibt, durch
den vermag
die Welt zu werden.
241. Wird die Welt durch ihn, wird der quellenden Kräfte in ihm kein Ende
sein: er hat
seines Herzens Einfalt wieder
gefunden.
242. Breitet sich die Herzenseinfalt unter den Menschen aus, so vermögen
diese das
Unergründliche wieder zu fassen.
243. Der Weise setzt solche Menschen als Vorgesetzte und Verwalter ein.
244. Durch solche Verwaltung wird die Welt unmerklich geordnet.
245. Echte Macht wächst aus sich selbst.
29 ~ Machtpolitik zerstört, Verzicht
auf Gewalt baut auf
246. Die Erfahrung zeigt, daß man sich die Welt nicht willentlich unterjochen
kann.
247. Die Welt ist ein sich selbst bildendes geistiges Ganzes.
248. Sie mit Gewalt ordnen zu wollen, heißt, sie aus der Ordnung bringen.
249. Sie mit Macht befestigen zu wollen, heißt, sie zerstören.
250. Denn alle ihre Glieder haben ihr eigenes Gesetz: die einen müßen
voranstürmen, die
andern verharren; die einen
schweigen, die andern prahlen; die einen sind selbst
stark, die andern müßen gestützt
werden; die einen siegen im Lebenskampf, die
andern unterliegen.
251. Der Weise erzwingt daher nichts, er überhebt sich nicht und greift
nicht mit Gewalt ein.
30 ~ Gewaltlosigkeit Voraussetzung
jeder Friedenspolitik
252. Der Herrscher, der den Ordnungsgesetzen des Alls folgt, sucht nicht
die Welt mit
Gewalt zu beherrschen; denn er weiß,
es fällt alles auf einen selbst zurück.
253. Schlachtfelder erzeugen nur Dornen und Disteln; Kriege bringen nur
Elend und Not.
254. Darum steht der Weise zwar in steter Bereitschaft, aber er erzwingt
nichts mit Gewalt.
255. Er kennt nicht Ehrsucht noch Ruhm, masst sich nichts an, strebt nicht
nach Macht.
256. Er tut das Notwendige, das Not wendet.
257. Alle seine Entscheidungen sind fern von Gewalt.
258. Er weiß um den Rhythmus des Werdens, weiß, daß alles, was den Gesetzen
innersten Lebens widerspricht, zerbricht,
daß alles Wesenlose rasch zerfällt.
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