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Platon

Der Staat (Politeia)
Achtes Buch (2)

Wenn man daher, sprach ich weiter, in einem Staate Bettler sieht, so ist demnach offenbar, daß es da auch heimliche Diebe, Beutelschneider, Räuber und Meister in allen dergleichen Übeltaten gibt?
Ja, offenbar, sagte er.
Und was ist nun die Anwendung von diesem Satze? Sind in den oligarchisch regierten Staaten nicht augenscheinlich Bettler vorhanden?
Ja gewiß, sagte er, fast lauter Bettler, mit Ausnahme der wirklich regierenden Herren.
Müssen wir demnach nicht meinen, fragte ich, daß auch viele Übeltäter mit Stacheln darin sind, die von den Obrigkeiten sorgfältig mit Gewalt niedergehalten werden?
Ja, sagte er, das müssen wir hiernach.
Und dürfen wir daher nicht behaupten, daß infolge von Mangel an gehöriger Jugendbildung, schlechter Erziehung und schlechter Staatseinrichtung solche Übeltäter darin emporwachsen?
Ja, das dürfen wir.
Nun, das wäre also etwa der Charakter des oligarchisch regierten Staates, und mit solchen Gebrechen ist er behaftet, vielleicht aber auch noch mit mehr.
Ja, das wäre er ungefähr, sagte er.
Damit möge denn, fuhr ich fort, die Darstellung dieser Staatsverfassung ihr Ende haben, die Oligarchie heißt, und die ihre regierenden Häupter nach der Vermögensschätzung erhält; hierauf müssen wir sofort das dieser Staatsverfassung ähnliche Individuum in Betracht ziehen, und zwar erstens seine Entstehungsart, zweitens seinen eigentümlichen Charakter.
Ja, sagte er, allerdings.
Geschieht nun nicht am gewöhnlichsten auf folgende Weise der Umschlag von einem timokratischen Individuum in ein oligarchisches?
Wie denn?
Wenn einer als Sohn jenes timokratischen Menschen anfangs seinem Vater nacheifert und seine Fußtapfen verfolgt, hernach aber an ihm sieht, daß er an dem Staate wie an einer Klippe plötzlich scheitert, wie er nicht nur sein Vermögen, sondern auch sein Selbst verschwendet, sei es durch Führung einer Feldherrnstelle oder eines sonstigen wichtigen Staatsamtes, wie er sodann dem Gerichte in die Hände fällt und da, von falschen Ränkemachern mitgenommen, entweder Leben oder Vaterland oder bürgerliche Ehre und seine ganze Habe verliert.
Ja, sagte er, das ist ein treues Bild des Lebens!
War er aber, mein Lieber, nicht bloß ein Zuschauer solcher Unfälle, sondern erfährt er sie dann auch in eigener Person und verliert sein Vermögen, so stürzt er jene Ehrliche und jenen feurigen Zornmut von dem Herrscherthrone in seiner Seele gänzlich herab, legt dann, von Armut herabgestimmt, sich auf Gelderwerb und bringt durch Filzigkeit, Pfennigknauserei und übermäßige Anstrengung sich wieder ein Sümmchen zusammen. Und wird ein solcher dann wohl nicht auf den erledigten Herrscherthron in seiner Seele nunmehr den sinnlich begierlichen und den geldgierigen Seelenbestandteil setzen, ihn zum Großmogul in seinem Inneren machen, ihn mit Krone, Halskette und Prachtsäbel zur Majestät herausschmücken?
Ich glaube es gern, sagte er.
Das wißbegierige Vernunftvermögen dagegen, glaube ich, und den hochstrebenden Zornmut setzt er zu Füßen auf beide Seiten des Thrones jener sinnlichen Begierlichkeit als ihr unterworfene Sklaven, läßt einerseits das Denkvermögen der Vernunft nichts anderes denken und ins Auge fassen, als wie man aus kleineren Kapitalien größere machen könne, andrerseits den ehrbegierigen Feuermut nichts anderes bewundern und ehren als Reichtum und reiche Leute, und sich aus sonst gar nichts eine Ehre machen als aus Geldbesitz und was dazu führt.
Nein, sagte er, auf keine andere Weise geschieht so schnell und so gewaltig die Umwandlung eines ehrgierigen Jünglings in einen geldgierigen.
Ist also letzterer, fragte ich, das der Oligarchie entsprechende Individuum?
Seine Umwandlung geschieht wenigstens aus dem Individuum, das entsprechend jener Staatsverfassung ist, aus der die Oligarchie hervorging.
So laß uns nun in Betrachtung ziehen, ob das oligarchische Individuum der Oligarchie ähnliche Eigenschaften hat!
Ja, das wollen wir.
Nicht wahr, die erste ähnliche Eigenschaft ist die, daß ihm Geld als Höchstes gilt?
Ohne Zweifel.
Und die zweite diese, daß solcher Mensch wie ein Pfennigfuchser und Tagelöhner bloß die Begierden nach den notwendigsten Naturbedürfnissen befriedigt, zu anderen Ausgaben aber nichts hergibt, sondern die übrigen Begierden als unvernünftige unterdrückt.
Allerdings.
So ein Schmutzlapp, fuhr ich fort, so ein Profitchen-, so ein Kapitalmacher, eine Sorte Leute, die bekanntlich der Pöbel sehr erhebt. Oder sollte nicht dieser der der Oligarchie entsprechende Menschencharakter sein?
Mir scheint es so, sagte er; Geld wenigstens ist das Höchste sowohl bei solchem Staate wie bei solchem Individuum.
Denn, sprach ich, auf den Schatz geistiger Bildung, denke ich, hat ein solcher Mensch nie sein Augenmerk gerichtet.
Ich glaube nicht, sagte er; denn wie hätte er sonst einen Blinden zum Führer des Chores seiner Seelenvermögen bestellt und ihn am höchsten geehrt?
Schön! sagte ich. Erwäge daher als die dritte ähnliche Eigenschaft folgendes: Dürfen wir hiernach nicht annehmen, daß drohnenartige Begierden in dem Inneren jenes Menschen auf kommen, teils den Bettlern, teils den Übeltätern nachgeartete, die nur mit Gewalt durch die Zuchtrute eines anderen im Zaume gehalten werden?
Ja, sicher, sagte er.
Weißt du denn nun, fragte ich, wohin du deinen Blick richten mußt, wenn du ihre Übeltaten entdecken willst?
Wohin? fragte er.
Auf die Vormundschaften über die Waisen und wenn ihnen sonst so ein Geschäftchen in die Hände fällt, womit sie ein großes Feld bekommen, ungestraft Unrecht zu verüben.
Wahrhaftig!
Ist dadurch nun nicht klar, daß ein solcher in dem übrigen Geschäftsverkehr, in dem er durch Scheinheiligkeit den Ruf eines gerechten Mannes bekommt, durch eine ziemliche Gewaltübung über sich selbst die übrigen einwohnenden teuflischen Begierden im Zaume hält, nicht aus Überzeugung, daß das besser sei, nicht durch Beruhigung von Vernunftgründen, sondern durch Zwang und Furcht, indem er wegen seines übrigen Vermögens zittert?
Ja, ganz klar, sagte er.
Ja, beim Zeus, fuhr ich fort, sei versichert, mein Freund, in den meisten von ihnen wirst du der Drohne verwandte Begierden finden, wenn es gilt, das Gut des Nebenmenschen vertun zu können!
Ja, gar sehr, sagte er.
Demnach wäre ein solcher Mensch voll Zwiespalt in seinem Inneren, hätte in sich keine Einheit, sondern eine gewisse Zweiheit; aber im Kampfe der Begierden über Begierden siegen meist die besseren über die schlechteren.
So ist's.
Aus diesen Gründen, denke ich, zeigt sich ein solcher im Äußeren zwar anständiger als viele; aber die wahre Tugend einer mit sich einigen und in ihren verschiedenen Teilen harmonisch gestimmten Seele ist weit von ihm entfernt.
So scheint mir.
Viertens, was die öffentlichen Wettkämpfe mit seinen Mitbürgern anbelangt, so wird der sparsüchtige Geizkragen bei einem Ehrensiege oder bei Erringung eines sonstigen Ehrenpreises im Gebiet des Schönen ein schlechter Bewerber sein, weil er wegen eines gefeierten Namens und wegen der dahin führenden Wettkämpfe kein Geld aufwenden will, weil er fürchtet, die Aufwand kostenden Begierden aufzuregen und zur Beihilfe seiner herrschenden Begierde, aber hiermit zugleich zum Wettstreit mit dieser aufzufordern; und daher rückt er auf echte Oligarchenart nur mit wenigen Talern bei einem öffentlichen Kampfe zu Felde, tut sich meist nicht hervor, wird aber ein reicher Mann.
Ganz recht, sagte er.
Können wir nun noch zweifeln, daß dem oligarchisch regierten Staate gegenüber mit entsprechender Ähnlichkeit das sparsüchtige und geldhungrige Individuum dasteht?
Keineswegs, sagte er.
Die Demokratie ist es also wohl, die wir hierauf ausgemachterweise zu betrachten haben: erstlich, auf welche Weise sie entsteht, zweitens, welche charakteristische Eigenschaft sie hat, - auf daß wir wiederum den Innern moralischen Zustand des ihr entsprechenden Individuums erkennen und dann ihn für das zu fällende Urteil mit hinstellen.
Wir würden, sagte er, wenigstens also unseren eingeschlagenen Weg konsequent verfolgen.
Den Übergang aus der Oligarchie in die Demokratie, sprach ich weiter, bildet nun die Unersättlichkeit dessen, was in jener als höchstes Gut aufgestellt ist: daß man möglichst reich werden müsse?
Wieso denn?
Da, wie ich glaube, die regierenden Häupter in der Oligarchie nur infolge der Größe des erworbenen Besitztums regieren, so beeilen sie sich nicht, alle diejenigen jungen Leute, die sich einem sinnlich ausschweifenden Leben hingeben, durch ein Gesetz in der Freiheit zu beschränken, das Ihrige zu verzehren und zu verschleudern, und die Absicht der Oligarchen hierbei ist keine andere, als daß sie das Vermögen solcher jungen Leute durch Kaufund Wucher an sich bringen, sonach reicher und damit auch vornehmer werden.
Ja, auf alle Weise suchen sie das.
Nicht wahr, das ist also hinsichtlich eines Staates eine bereits ausgemachte Wahrheit, daß er unmöglich Hochachtung vor Reichtum und zugleich vor weiser Selbstbeherrschung unter den Bürgern behalten kann; sondern er muß notwendigerweise entweder das eine oder das andre hintansetzen?
Ja, sattsam ausgemacht, sagte er.
Dadurch, daß die Häupter in den Oligarchien die liederliche Ausschweifung nicht kümmert, ja daß sie ihr noch Vorschub leisten, zwingen sie zuweilen Leute von gar nicht gemeiner Herkunft, arm zu werden.
Jawohl.
Da sitzen nun diese, denke ich, bestachelt und bewaffnet im Staat, einige verschuldet, einige ihrer Staatsbürgerrechte beraubt, einige beides, kochen Haß und Pläne nicht nur gegen die Inhaber ihres durchgebrachten Vermögens, sondern auch gegen die übrige Welt, und lauern auf eine Revolution.
Es ist so.
Jene geldhungrigen Schacherer aber ducken sich bekanntlich und tun, als bemerkten sie diese Herabgesunkenen gar nicht, schießen jeden nächsten besten der übrigen jungen Herrn, der sich nicht zur Wehr setzt, mit einer Ladung ihres Geldes an, streichen die das Kapital weit übersteigenden Zinsen ein und bringen also eine große Drohnen- und Bettlerzahl in dem Staate hervor.
Ja, sagte er, allerdings muß diese groß werden.
Weder auf die oben erwähnte Weise, fuhr ich fort, wollen sie ja das auflodernde Feuer eines solchen Übels ersticken, nämlich durch Beschränkung der Freiheit, sein Vermögen auf beliebige Zwecke zu verwenden, noch auf folgende Weise, wonach zweitens nach einem anderen Gesetze dergleichen Übelstände sich erledigen...
Nach welchem Gesetze denn?
Welches nach jenem das zweite ist und darin besteht, daß es den Bürgern einen absoluten Zwang auflegt, Tugend üben zu müssen. Denn wenn einmal irgend ein Gesetz verordnete, daß jeder Gläubiger auf seine eigene Gefahr die freiwilligen Borgschuldverträge abschließe, so würden einerseits die Schacherseelen weniger schamlos ihre Geldgeschäfte in dem Staate treiben, andrerseits würde weniger dergleichen Unkraut darin emporwachsen können, von dem eben die Rede war.
Ja, viel weniger, sagte er.
Wie es aber heutzutage hierin steht, fuhr ich fort, so stürzen aus allen den gedachten Ursachen die Regierenden erstlich die Regierten im Staate, wie wir gesehen haben, in das vorhin beschriebene Unheil von Proletariat; sodann, was ihre eigenen Personen und ihre Familien betrifft, verleiten sie nicht vor allem die Söhne zur luxuriösen Liederlichkeit, zur Untätigkeit in bezug auf körperliche und geistige Anstrengungen, zu allzu großer Weichlichkeit, um als Mann in Lust und Schmerz sich zu benehmen, zum Hang für Faulenzerei?
Ohne Zweifel.
Und bringen sie nicht sich selbst dahin, daß sie alles übrige außer dem Gelderwerb vernachlässigen, und daß sie ebensowenig sich Mühe für wahre Mannestüchtigkeit geben als ihre Proletarier?
Ja, ebensowenig.
Wenn nun bei solchen Beschaffenheiten Regierende und Regierte zu einander geraten, sei es auf Wegmärschen oder bei anderen Zusammenkünften, z.B. bei Festgesandtschaften, bei Kriegszügen zu Wasser oder zu Land, oder wenn sie sich gar in den Gefahren der Schlacht zu Gesicht bekommen und in dieser Hinsicht die Armen von den Reichen gar nicht so verächtlich befunden werden, vielmehr wenn ein rüstiger und in der Sonne abgehärteter Proletarier in der Schlacht der Nebenmann eines reichen Herren mit der Stubenfarbe und einem von fremdem Fette gemästeten Balge wird und diesen voll Atemnot und ganz unbeholfen sieht: glaubst du nicht, daß jener dann die nicht ungegründete Ansicht gewinnt, daß solche Herren nur allein durch ihre proletarische Schlechtigkeit reich seien, und daß die Proletarier, wenn sie unter sich allein zusammen sind, sich gegenseitig zuflüstern: "Unsere Herren sind so viel wie nichts!" Nicht wahr?
Ja, ich weiß es sehr wohl, sagte er, daß sie es so machen.
Wie nun ein krankhafter Körper nur einen ganz kleinen Anstoß von außen braucht, um in eine tödliche Krankheit zu verfallen, ja bisweilen ohne die äußeren Einwirkungen mit sich selbst in Zwiespalt gerät, - nicht wahr, so verfällt auch der mit jenem Körper in denselben Zuständen befindliche Staat auf eine ganz geringfügige Veranlassung, mag nun die eine Partei Hilfe von außen her von einem oligarchisch regierten Staate oder die andre von einem demokratischen Staate Hilfe zugeführt bekommen, in eine Krankheit und gerät in einen Kampf mit sich selbst, - ja zuweilen kommt es schon ohne diese äußeren Veranlassungen zu einem Bürgerkrieg?
Ja, im höchsten Grade.
Eine Demokratie entsteht, denke ich, alsdann bekanntlich, wenn die Armen nach gewonnenem Siege einen Teil der anderen Partei ermorden, einen Teil verbannen und dann die Übriggebliebenen gleichen Anteil an der Staatsverwaltung und den Staatsämtern nehmen lassen [, und gewöhnlich ist es darin, daß die Obrigkeiten durch das Los gewählt werden].
Ja, sagte er, das ist allerdings die Einführung einer Demokratie, mag sie nun durch den Sieg der Waffen oder durch die aus Furcht erfolgende freiwillige Flucht der Gegenpartei geschehen.
Auf welche Weise nun, fuhr ich fort, werden diese Leute in dem neuen Staate sich befinden, und was ist wiederum die charakteristische Eigenschaft einer solchen Staatsverfassung? Denn offenbar wird in dem Einzelmenschen der Art das der Demokratie entsprechende Individuum anschaulich werden.
Ja, offenbar, sagte er.
Nun, da ist wohl die allererste Eigenschaft, daß sie frei sind, daß der Staat voll Freiheit und voll Redefreiheit ist, und daß in ihm unbedingte Erlaubnis herrscht, zu tun, was einer nur will, nicht wahr?
Ja, meinte er, man sagt wenigstens so.
Wo aber in einem Staate eine gänzliche Ungebundenheit eintritt, da versteht sich von selbst, daß ein jeder hinsichtlich seines Privatlebens eine Einrichtung trifft, wie es seiner subjektiven Laune gefällt.
Ja, offenbar.
Menschen aller möglichen Art, denke ich, werden also bei solcher Staatsverfassung am allermeisten sich heranbilden.
Allerdings.
Es scheint demnach, fuhr ich fort, daß dies die schönste der Staatsverfassungen sei: Wie ein buntes, mit Blumen aller Art ausgesticktes Kleid, so ist auch diese mit subjektiven Charakteren aller Art ausstaffierte Verfassung dem Anscheine nach die schönste, und die große Mehrheit, die mit einem Kinder und Weiberverstande nur an dem Bunten ihr Auge ergötzt, wird sie auch gewiß als die schönste wirklich anerkennen.
Ja, sicher, sagte er.
Eine zweite Eigenschaft dieses Staates, sprach ich weiter, liegt darin, mein Schönster, daß man es so bequem hat, wenn man darin sich nach einer Verfassung umsieht.
Wieso denn?
Weil er alle möglichen Arten von Verfassungen in sich hat, infolge des erwähnten großen freien Spielraumes, zu treiben, was man will; und wer einen Staat einrichten will, wie wir vorhin taten, muß, scheint es, nur in einen demokratisch verwalteten Staat gehen, da wie in einer Marktbude von Verfassungen sich eine Sorte, die ihm etwa ansteht, auswählen, nach geschehener Auswahl sie nach Hause bringen und da realisieren.
Ja, gewiß, sagte er, wohl wird er an Mustern keinen Mangel haben.
Drittens, fuhr ich fort, die absolute Zügellosigkeit, daß kein Zwang in diesem Staate ist, ein Regierungsamt anzunehmen, selbst dann nicht, wenn du dazu der Tüchtigste wärest; daß andrerseits auch kein Zwang da ist, sich regieren zu lassen, wenn es dir nicht beliebt; daß du nicht in den Krieg zu ziehen brauchst, wenn andere dahin ziehen; daß du keinen Frieden zu halten brauchst, wenn andre ihn halten, falls du keine Lust nach Frieden hast: daß ferner andrerseits, falls ein Gesetz dir verwehrt, den Staat zu verwalten oder im Gericht zu rechten, du dessen ungeachtet die Freiheit hast, zu regieren und zu rechten, falls es nur dir selbst einfällt: eine solche Wirtschaft, ist sie nicht göttlich bezaubernd für den Augenblick?
Jawohl, sagte er, für den Augenblick!
Und weiter: Ist die Humanität gegen manche der nach dem Gesetze Verurteilten nicht etwas Hübsches? Oder hast du in einem solchen Staate noch keine Leute nach ihrer Verurteilung zum Tode oder zur Verbannung nichtsdestoweniger dableiben und mitten in der Stadt auf und ab spazieren sehen? Als habe kein Mensch acht noch Auge auf ihn, stolziert ein solcher Kerl wie ein Held einher!
Ja, sagte er, schon viele sah ich so.
Und endlich die größte Liberalität und gar keine kleinliche Pedanterei in jenem Staate hinsichtlich des Unterrichts- und Erziehungswesens! Im Gegenteil stolzes Herabsehen auf die Vorschriften, die wir als Dinge der größten Wichtigkeit hinstellten, als wir unseren Staat gründeten, namentlich auf unseren Satz: Niemand könne, er müsse denn von Geburt aus eine außerordentliche Anlage zum Guten haben, je ein wahrhaft guter Mann werden, wenn er nicht schon als Knabe in Geist weckenden und zur Anschauung des wesenhaften Guten entwickelnden Anschauungen und Gegenständen nach Maßgabe der kindlichen Fassungskraft spielend beschäftigt würde und dann lauter dergleichen Studien triebe. O, mit welcher Großartigkeit gibt der demokratische Staat allen diesen Grundsätzen einen Tritt und bekümmert sich gar nicht darum, von welcherlei Bänken der Kandidat eines Staatsamtes herkommt, wenn er nur versichert, ein gesinnungstüchtiger Volksfreund zu sein!
Ja, sagte er, eine außerordentlich liberale Verfassung!
Diese, fuhr ich fort, und andere diesen verschwisterte Eigenschaften hätte also eine Demokratie, und sie wäre nach diesem Ergebnis eine allerliebste Staatsverfassung: zügellos, buntscheckig, eine Sorte von Gleichheit gleicherweise unter Gleiche wie Ungleiche verteilend.
Ja, sagte er, deine Schilderung ist sehr kenntlich aus dem Leben genommen.
Mache dir, fuhr ich fort, nunmehr, wie ausgemacht worden ist, in deinem Geiste ein Bild von dem Wesen des solcher Verfassung entsprechenden Individuums! Oder ist zuerst zu erwägen, was wir auch bei jener Verfassung taten, aufweiche Weise sie entsteht?

Ja, sagte er.
Nun, nicht etwa folgendermaßen? Jener sparsüchtige und der Oligarchie entsprechende individuelle Mensch könnte wohl einen Sohn haben, der unter dem Vater in dessen Sitten auf erzogen ist?
Natürlich, denn warum sollte dies unmöglich sein?
Der also auch mit Gewalt diejenigen sinnlichen Lüste in seinem Inneren beherrscht, die verschwenderischer, nicht einträglicher Art sind, und diese haben bekanntlich den Namen "nicht notwendige"?
Ja, offenbar, sagte er.
Wollen wir nun nicht, sprach ich weiter, damit wir in keiner unklaren Gelehrtensprache reden, vorerst die notwendigen Begierden und die nicht notwendigen deutlicher bestimmen?
Ja, gern, sprach er.
Nicht wahr, die wir erstlich nicht abzuwenden vermögen und die zweitens durch ihre Befriedigung uns stärken helfen, diese heißen wohl mit Recht notwendige? Denn aus beiderlei Gründen ist unsere Natur genötigt, jene Begierden zu haben, oder nicht?
Jawohl.
Mit Recht also werden wir zur Bezeichnung jener Begierden den Ausdruck notwendig gebrauchen.
Ja, mit Recht.
Nun weiter! Welcher man sich entledigen kann, wenn man von Jugend an darin sich übt, und welche im Falle ihres Vorhandenseins in keiner Beziehung Gutes, vielmehr das Gegenteil stiften, - wenn wir alle diese für nicht notwendige erklärten, würden wir uns da gut ausdrücken?
Ja, hiernach gewiß richtig.
Wollen wir daher von beiden Arten von Begierden, die existieren, ein Beispiel vornehmen, damit wir sie nun in einer bestimmt bezeichnenden allgemeinen Vorstellung erfassen?
Ja, das müssen wir demnach.
Wäre also nicht die Begierde nach dem Essen in Absicht nicht nur auf Gesundheit, sondern auch auf Schönheit und Kraft, sowie die Begierde nicht nur nach bloßem Brote, sondern auch nach etwas Zukost zu dem Brote eine notwendige?
Ich denke.
Die nach dem Brote erstlich ist wohl in beiden Hinsichten eine notwendige, sofern sie einmal durch Befriedigung stärken hilft und dann sofern bei ihrer Nichtbefriedigung einer unmöglich leben kann.
Ja.
Und zweitens die Begierde nach Fleisch und dergleichen, inwiefern sie irgendwie Kraft und Schönheit befördern hilft?
Allerdings.
Aber wie steht's mit den Begierden folgender Art? Die über dieses Brot und Fleisch hinausgehende, nach delikateren Bissen, als diese sind, lüsterne Begierde, die aber durch gehörige Zucht von Jugend an und durch eine gute Jugendbelehrung aus den meisten vertrieben werden kann, die zudem nachteilig dem Körper und nachteilig der Seele für geistige Tätigkeit sowie für besonnene Selbstbeherrschung ist: dürfte diese nicht mit Recht eine nicht notwendige genannt werden?
Ja, mit dem größten Rechte.
Die Begierden der letzteren Art werden wir daher für verschwenderische erklären dürfen, die der ersteren dagegen für erwerbende, weil sie bei Betreibung unseres Gewerbes förderlich sind?
Allerdings.
Diese Unterscheidung dürfen wir nun auch weiter hinsichtlich der Liebesbegierden und der übrigen überhaupt aufstellen?
Ja, das dürfen wir.
Und unter dem, den wir vorhin eine Drohne nannten, verstanden wir doch den mit solchen Lüsten und Begierden beladenen und von nicht notwendigen Begierden beherrschten Menschen, dagegen unter dem Sparsüchtigen und oligarchisch Gesinnten den nur von den notwendigen Begierden Beherrschten, nicht wahr?
Freilich.
Nun wollen wir denn wiederum, fuhr ich fort, auf unsere Darstellung zurückkommen, wie aus dem oligarchischen Individuum das demokratische entsteht. Es scheint mir aber die Entstehung desselben in den meisten Fällen so vor sich zu gehen...
Wie?
Wenn ein junger Mensch, geistig verwahrlost und spärlich erzogen, wie wir es vorhin beschrieben
haben, einmal von dem Honig für Drohnen gekostet hat und mit tollen Schweinigeln in Gesellschaft gerät, die Vergnügen aller Alt und mit der größten Mannigfaltigkeit und Abwechslung meisterlich zu verschaffen wissen: so glaube, daß für ihn hier der Anfang ist, den oligarchischen Zustand seines Inneren in einen demokratischen zu verwandeln.
Ja, sehr notwendig, sagte er.
Wie nun der ihm verwandte Staat sich umwandelte, indem der einen Partei in ihm Beistand von außen zukam, eine Farbe der anderen, so wird, nicht wahr?, nun auch bei jenem jungen Manne die Umwandlung vor sich gehen, indem auch hier eine Art Begierden von außen der einen von beiden Arten in seinem Inneren zu Hilfe kommt, nämlich immer die der verwandten und ähnlichen Farbe?
Ja, freilich.
Und wenn nun, meine ich, der oligarchischen Begierdenart in seinem Innern auch eine Beihilfe gegen jene Beihilfe unter die Arme greift, entweder vom Vater her oder von Verwandten, die ihn durch Wort und Tat zurechtweisen, so steht dann Partei und Gegenpartei mit den Waffen gegenüber, und es entbrennt in ihm ein Kampf mit sich selbst.
Allerdings.
Und manchmal nun, glaube ich, weicht dann das demokratische Begierdenheer dem oligarchischen, und einige der demokratischen Begierden werden teils abgetötet, teils verbannt infolge der in der Seele des jungen Mannes sich ermannenden Scham, und er kehrt wieder zur Ordnung zurück.
Ja, sagte er, das ist bisweilen der Fall.
Dann werden aber, glaube ich, wiederum andere, den verbannten demokratischen Begierden verwandte Begierden nachwachsen und infolge der Unwissenheit des Vaters für Erziehungsfragen zahlreich und gewaltig stark werden.
So pflegt es, sagte er, gern wenigstens zu geschehen.
Diese ziehen den Sohn dann wieder zu dem alten Umgang, und infolge der hinter dem Rücken des Vaters gepflogenen Zusammenkünfte gebären sie in ihm unzählige junge.
Sicherlich.
Endlich nehmen sie dann wohl die Hauptfestung in der Seele des Jünglings ein, wenn sie merken, daß diese entblößt ist von Geisteswaffen, von wissenschaftlichen Beschäftigungen und von wissenschaftlich befestigten alten Grundsätzen, die bekanntlich ja die besten Beschützer und Aufseher in den Seelen gottgeliebter Menschen sind.
Ja, sicherlich, sagte er.
Statt deren nehmen dann offenbar falsche und neumodische Grundsätze und Meinungen durch einen Sturmlauf von demselben Platze bei einem solchen Menschen Besitz.
Jawohl, meinte er.
Begibt er sich nun nicht wiederum zu jenen Lotterbuben und hauset mit ihnen offenkundig? Und wenn von seinen Verwandten dem sparsüchtigen Begierdenheere seines Inneren irgend ein Beistand käme, - würden da nicht jene neumodischen Grundsätze die Tore an der königlichen Hauptfestung verschließen, weder das Hilfsheer selbst einlassen noch belehrende Gesandtschaften von selten einzelner älterer Männer, und also im Kampfe den Sieg davontragen, indem sie die Scham Einfaltspinselei nennen und mit Beschimpfung als eine Verbannte verjagen, indem sie verständige Besonnenheit Unmännlichkeit heißen, mit Füßen treten und verbannen, indem sie Einschränkung und Ordnung im Aufwande, die nach ihrer Versicherung Ungeschliffenheit und Unvornehmheit sind, unter dem Beistande von vielen anderen verschwenderischen Begierden über die Grenze bringen?
Jawohl.
Haben aber diese Lügen- und neumodischen Grundsätze die Seele jenes von ihnen eingenommenen und in ihre großen Geheimnisse eingeweihten Jünglings von jenen Tugenden geleert und gesäubert, da führen sie hierauf dann ausgelassenen Frevelmut, Zügellosigkeit, Liederlichkeit lind Schamlosigkeit, alle im Ehrenschmuck und Ehrenkranz, mit einer zahlreichen Prozession wieder ein, unter Lobpreisungen und beschönigenden Benennungen; Frevelmut heißt vornehme Erziehung, Zügellosigkeit ein freies Leben, Liederlichkeit noble Manier, Schamlosigkeit männliche Bravour. Ist dies nicht etwa die Art des Übergangs eines unter den nur notwendigen Begierden erzogenen jungen Mannes zur Entfesselung und Loslassung der nicht notwendigen?
Ja, sagte er, und zwar sehr anschaulich.

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