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Platon

Der Staat (Politeia)
Achtes Buch (3)

Was nun die Beschaffenheit des Lebens eines solchen Menschen anlangt, so lebt, denke ich, hierauf ein solcher dergestalt, daß er Geld, Mühe und Zeit ebenso auf notwendige wie auf nicht notwendige Vergnügen verwendet; und wenn er noch glücklich ist und nicht über alle Schranken hinaus tollt, sondern wenn er etwas in die Jahre kommt und der Taumel sich etwas verlaufen hat, die Verbannten zum Teil wieder aufnimmt und den Heimkehrenden sich doch nicht ganz hingibt, so bringt er unter seine Lüste eine gewisse Gleichheit und bringt sein Leben dahin, indem er der jedesmal von ungefähr eintretenden Lust, als ob das Los sie dazu gezogen hätte, die Herrschaft über sich einhändigt, bis sie gestillt ist, und dann wiederum einer anderen, keine hintansetzt, sondern alle gleichmäßig hält.
Ja, ganz richtig.
Und einer wissenschaftlichen Wahrheitspredigt, fuhr ich fort, gönnt er bei solchem Leben kein Ohr und keinen Eingang in seine Burg, wenn ihn jemand in der Art belehren wollte: "einige Lüste rührten von heilsamen und guten Begierden her, andere von schlechten; die einen müsse man pflegen und hochhalten; die anderen müsse man beschneiden und unterjochen". Bei allen solchen Belehrungen vielmehr schüttelt er den Kopf und beharrt bei der Behauptung, alle seien einander gleich, und einer wie der anderen sei die gleiche Ehre zu erweisen.
Jawohl, sagte er, tut das ein Mensch in dieser Lage.
Nicht wahr, sprach ich weiter, und erlebt also sein ganzes Leben lang jeden Tag der ersten besten sich einstellenden Lust zu Gefallen: Bald berauscht er sich und läßt sich durch Flötenspiel ergötzen: bald trinkt er Wasser und hungert sich ab; bald wiederum quält er sich mit gymnastischen Übungen; bald faulenzt er und vernachlässigt alle Geschäfte; bald tut er, als beschäftige er sich mit tiefer Wissenschaft (Philosophie); oft treibt er Politik und spricht und tut in der Volksversammlung, was ihm nur während des Aufspringens in den Sinn kommt; wird er einmal eifersüchtig auf den Ruhm von Kriegsmännern, so stürzt er sich auch darauf; wird er's auf den Gewinn der Geschäftsleute, so läßt er sich auch wiederum damit ein. Kurz: weder eine Ordnung noch eine Konsequenz ist in seinem Leben; sondern er nennt ein solches Leben frei und selig und treibt es bis zu seinem Ende.
Ja, sagte er, ganz genau hast du das Leben eines Gleichheits- und Freiheitsmannes geschildert.
Ich denke, fuhr ich fort, der Hauptcharakter dieses Individuums drückt sich erstlich darin aus, daß er eine Buntscheckigkeit und Fülle von fast allen Charakteren darbietet; zweitens, daß ein solcher Mensch, gerade wie die ihm entsprechende Verfassung, der schöne und buntscheckige ist, den die Mehrheit der Männer- wie der Frauenwelt wegen seines herrlichen Lebens bewundert, weil so ein Exemplar Muster von Staats- und Herzensverfassungen in reichster Auswahl in sich enthält.
Ja, sagte er, das ist sein Hauptcharakter.
Und darf demnach gegenüber einer Demokratie folgerecht ein so beschaffenes Individuum als fertig hingestellt sein, mit der Behauptung, daß es treffend ein der demokratischen Verfassung entsprechendes genannt wird?
Ja, sagte er.
So wäre uns, sprach ich weiter, noch die allerliebste Verfassung und das allerliebste Individuum zu schildern übrig, die Tyrannis und der Tyrann.
Ja, freilich, sagte er.
Wohlan denn, mein lieber Freund, welches ist der Charakter der Tyrannis? Denn was ihre Entstehung anlangt, so ist so viel gewiß, daß sie aus der Demokratie durch deren Ausartung vor sich geht.
Ja, gewiß.
Entsteht also nicht auf dieselbe Weise, wie Demokratie aus Oligarchie, so Tyrannis aus Demokratie?
Wie denn?
Was die Oligarchie, sprach ich, sich als das größte Gut vorsteckte und wodurch sie auch zustande kam, das war doch Reichtum, nicht wahr?
Ja.
Der unersättliche Hunger nach Reichtum also und die Vernachlässigung aller anderen Dinge um des Gelderwerbs willen waren ihr Verderben?
Richtig, sagte er.
Nicht wahr, auch die Unersättlichkeit in demjenigen Gute, was sich die Demokratie als Ziel bestimmt, richtet auch diese zugrunde?
Welches Gut bestimmt sie sich aber nach deiner Meinung als Ziel?
Die Freiheit, antwortete ich; denn davon wirst du in einem demokratisch regierten Staate immer hören, wie sie das allerschönste Gut sei, und wie deshalb in solchem Staate allein ein Freigeborener würdig leben könne.
Ja freilich, sagte er, gar oft wird diese Sprache geführt.
Ist hiernach, fuhr ich fort, anzunehmen - das ist nun die Frage, die ich vorhin folgen lassen wollte -, daß die Unersättlichkeit in diesem Gute (der Freiheit) auch diese Verfassung umwandelt und in die Lage versetzt, daß sie eines Tyrannen bedürftig wird?
Wie soll das kommen? fragte er.
Wenn eine nach Freiheit durstige Demokratie, denke ich, an ihre Spitze schlechte Mundschenke bekommt und über Gebühr mit dem stärksten Feuergeiste der Freiheit sich berauscht, so pflegt sie bekanntlich ihre Regierenden, wenn sie nicht ganz nachgiebig sind und im Übermaß die Freiheit verzapfen, als Verräter und Oligarchen zu beschuldigen und zu bestrafen.
Ja, sagte er, so machen sie's.
Und die den Obrigkeiten noch gehorsamen Bürger, fuhr ich fort, diese tritt die Demokratie mit Füßen als Bedientenseelen und Nichtswürdige; dagegen die Beamten, die sich wie Untergebene gebärden, und Untergebene, die sich das Ansehen von Beamten geben, die lobt und erhebt die Demokratie im Privat- wie im Staatsleben: ist es da nicht eine absolute Notwendigkeit, daß in einem solchen Staate über alles der Freiheitsschwindel kommt?
Allerdings.
Ja, daß er, mein Freund, sprach ich weiter, sogar in das Familienleben eindringt und es endlich dahin kommt, daß auch dem Vieh jene Zügellosigkeit sich einpflanzt?
Wie meinen wir das z.B.? fragte er.
Wenn z.B., erwiderte ich, ein Vater sich gewöhnt, einen Buben vorzustellen, und sich vor seinen Söhnen fürchtet, wenn dagegen ein Sohn den Vater spielt und weder Scham noch Furcht vor seinen Eltern hat, damit er nämlich frei sei: wenn der bloße Beisasse sich dem Altbürger gleichstellt und der Altbürger sich zum Beisassen herabläßt, und ebenso der Ausländer.
Ja, so geht es, sagte er.
Und es bleibt nicht allein, fuhr ich fort, bei diesen Freiheitserscheinungen, sondern es ereignen sich auch noch andere Kleinigkeiten folgender Art: Der Lehrer fürchtet und hätschelt seine Schüler, die Schüler fahren den Lehrern über die Nase und so auch ihren Erziehern. Und überhaupt spielen die jungen Leute die Rolle der alten und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, während Männer mit grauen Köpfen sich in die Gesellschaft der jungen Burschen herbeilassen, darin von Possen und Späßen überfließen, ähnlich den Jungen, damit sie nur ja nicht als ernste Murrköpfe, nicht als strenge Gebieter erscheinen.
Ja, allerdings, sagte er.
Darauf sagte ich weiter; aber der höchste Grad von Volksfreiheit, die in einem solchen Staate zum Vorschein kommen kann, tritt ein, wenn bekanntlich die gekauften Sklaven und Sklavinnen ebenso frei sind wie die kaufenden Herren und Herrinnen. Im Verhalten aber der Weiber zu Männern und der Männer zu Weibern, wie groß da die Gleichheit und Freiheit ist, das hätte ich beinahe vergessen zu erwähnen!
Wollen wir nicht, fragte er, um mit Aischylos zu sprechen, vortragen, wie es uns eben in den Mund kam?
Jawohl, antwortete ich, und ich wenigstens mache es so. Was nun das Benehmen der unter der Herrschaft der Menschen lebenden Tiere anlangt, so glaubt niemand, der es nicht erfahren hat, um wieviel freier diese hier sind als sonst. Denn nicht nur die Hunde sind nach dem Sprichworte ganz wie ihre Herrinnen, sondern auch Pferde und Esel sind da gewohnt, ganz wie freie Leute und gravitätisch einherzuschreiten, und fällen auf den Straßen jeden ihnen Begegnenden an, wenn er vor ihnen nicht auf die Seite geht, und so ist alles übrige voll von Freiheit.
Da sprichst du mir ganz aus der Seele, sagte er; denn solche Erfahrung mache ich oft, wenn ich auf das Land gehe.
Wenn du alle diese Erscheinungen zusammennimmst, fuhr ich fort, siehst du nun ein, was das Allerschlimmste hierbei ist? Daß sie die Seele der Bürger so empfindlich machen, daß sie, wenn ihnen jemand auch nur den mindesten Zwang antun will, sich alsbald verletzt fühlen und es nicht ertragen; ja endlich, wie du wohl weißt, verachten sie gar alle Gesetze, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, um nur keinen Gebieter in irgend einer Beziehung über sich zu haben.
Ja, sagte er, das weiß ich sehr wohl.
Diese so schöne, sagte ich, und jugendlich kecke Wirtschaft, mein Lieber, ist also denn der Anfang, woraus die Staatsform der Tyrannis erwächst, wie ich glaube.
Ja, sagte er, freilich eine jugendlich kecke Wirtschaft; aber was folgt auf diesen Anfang?
Derselbe proletarische Krankheitsstoff, antwortete ich, der in der Geldoligarchie sich erzeugte und sie zugrunde richtete, dieser erzeugt sich in diesem Freistaate in einem noch höheren und stärkeren Grade aus der zügellosen Freiheit und bringt die Demokratie in die Knechtschaft; und in der Tat führt überhaupt das Allzuviel gern einen Umschlag in das Gegenteil mit sich, z.B. in den Jahreszeiten, im Wachsen der Pflanzen und Körper, und so auch nun ganz vorzüglich in den Verfassungen.
Natürlich , sagte er.
Denn die allzu große Freiheit schlägt offenbar in nichts anderes um als in allzu große Knechtschaft, sowohl beim Individuum wie beim Staate.
Natürlich.
Natürlich also denn, fuhr ich fort, geht die Tyrannis aus keiner anderen Staatsverfassung hervor als aus der Demokratie, aus der zur höchsten Spitze getriebenen Freiheit die größte und drückendste Knechtschaft.
Das hat seine Richtigkeit, meinte er.
Aber nicht auf diese Folge des Allzuviel, glaube ich, ging deine Frage vorhin, sondern vielmehr darauf: Welcher ebenso in der Oligarchie wie in der Demokratie sich erzeugende Krankheitsstoff bringt letztere unter das Joch der Knechtschaft?
Ja, sagte er, richtig bemerkt.
Unter jenem Krankheitsstoffe also, sagte ich, verstand ich das Pack der müßiggängerischen und alles vertuenden Menschen, wovon der mannhaftere Teil die Rolle der anführenden Rädelsführer spielt, der unmännliche dagegen das Gefolge bildet: diese Menschen verglichen wir vorhin mit Drohnen: die ersteren mit gestachelten, die letzteren mit ungestachelten.
Und zwar ganz passend, bemerkte er.
Diese beiden Sorten von Unrat nun, sprach ich weiter, zerrütten jeden Staat, in welchem sie sich ansammeln, gerade wie Verschleimung und Galle einen Körper; der gute Arzt und Gesetzgeber eines Staates muß nun vor diesen beiden Arten von Ungeziefer, wie der weise Bienenvater, von ferne schon Vorsichtsmaßregeln ergreifen: die allerbesten Maßregeln sind die, wodurch ihr Einnisten verhütet wird; die nächstbesten solche, durch die sie da, wo sie sich eingenistet haben, so schnell wie möglich samt den Waben ausgeschnitten werden.
Ja wahrlich, bei Zeus, sagte er, auf alle Weise.
Damit wir indessen, fuhr ich fort, die Wahrheit der Antwort auf die vorliegende Frage noch leichter und verständlicher ansehen, wollen wir die Sache von folgender Seite auffassen...
Von welcher?
Teilen wir in Gedanken die Bürgerschaft einer Demokratie in drei Klassen, in die sie bekanntlich auch in der Wirklichkeit zerfällt: die erste, die eben erwähnte Drohnenklasse, wächst in der Demokratie infolge der übermäßigen Freiheit in nicht geringerer Zahl empor als in dem von einer Oligarchie regierten Staate.
Ja, so ist's.
Aber in ersterer ist sie weit leidenschaftlicher als in letzterer.
Wieso?
Weil sie in der Oligarchie nicht im Besitze der Bürgergeltung ist und von der Staatsregierung ausgeschlossen wird, kann sie dort ihre Geisteskraft nicht entwickeln und kommt zu keiner durchdringenden Kraft: in der Demokratie dagegen ist diese Klasse diejenige, die die ganze Bürgerschaft derselben, mit Ausnahme weniger, bevormundet: der leidenschaftlichste Teil davon spielt die tätige Rolle der Politik in Wort und Tat, der übrige Schwarm umlagert passiv mit Gesumse die Rednerbühne und läßt niemanden eine andere Meinung vortragen, so daß bei einer solchen Verfassung alle Geschäfte des Staates, mit Ausnahme weniger, von der genannten Klasse abgemacht werden.
Ja freilich, sagte er.
Die zweite Klasse ist nun die, welche sich immer vom Volke vornehm absondert.
Von welcher Beschaffenheit denn?
Wenn irgendwo alle Welt Gelderwerb treibt, so werden diejenigen in der Regel am reichsten, die, wenn auch nicht durch Geistesbildung, doch bloß durch eine besondere Naturanlage am meisten Sinn für Ordnung und Anstand haben.
Natürlich.
Von dieser zweiten Klasse nun, denke ich, läßt sich für jene Drohnen Honig schneiden, im reichlichsten Maße und ganz ohne alle Mühe.
Wie könnte auch einer, sagte er, bei denen Honig schneiden wollen, welche wenig haben?
Diese zweite Klasse, die Reichen, führen bekanntlich den Namen "Drohnenfutter".
Ja, sagte er, so ungefähr.
Die dritte Klasse der Demokratie aber wäre das niedere Volk, worunter alle gehören, die von eigner Handarbeit leben, die keine Freunde von Staatsgeschäften sind, die keinen großen Landbesitz haben, und dieser Teil ist der zahlreichste und zugleich der entscheidendste, wenn er ganz versammelt ist.
Ja, sagte er, das ist er freilich; aber er hat keine sonderliche Lust, eine solche vollständige Versammlung zu bilden, wenn er keine Aussicht hat, Anteil am Honig zu bekommen.
Nun, sagte ich, er bekommt immer, wenn die rädelsführenden Volksführer imstande sind, die besitzende Klasse zu berauben und den Raub unter das Volk so zu verteilen, daß er den größten Teil davon behalten kann.
Ja freilich, sagte er, so bekommt das Volk seinen Anteil.
Die beraubten Reichen werden dann natürlich in die Notwendigkeit versetzt, sich zur offenen Wehr zu setzen, indem sie in der Volksversammlung auftreten und Politik treiben, wie sie können.
Das müssen sie.
Dann werden sie von der Gegenpartei beschuldigt, daß sie die Volkssouveränität stürzen wollten und der Oligarchie zusteuerten, wenngleich sie gar keine Neuerung beabsichtigen.
Ja, so kommt's.
Wenn sie nun sehen, daß das Volk, nicht aus vorsätzlicher Bosheit, sondern aus Unverstand und von ihren anschwärzenden Gegnern betrogen, sie zu plündern sucht, dann werden sie endlich, sie mögen wollen oder nicht, in der Tat oligarchisch gesinnt, nicht aus innerem Antriebe, sondern auch dieses Übel impft jene Drohnenklasse ein durch ihre giftigen Stiche gegen die Begüterten.
Ja, offenbar.
Es erfolgen nun öffentliche Anklagen auf gravierende Staatsverbrechen, Gerichtsprozesse, öffentliche Parteikämpfe.
Jawohl.
Nicht wahr, daher die bekannte Gewohnheit des niederen Volkes, vorzugsweise irgend einen sich als Volksanwalt an seine Spitze zu stellen, ihn dick und mächtig groß zu füttern?
Ja, freilich ist das seine bekannte Gewohnheit.
Dies wäre also, sagte ich, erstlich außer Zweifel, daß ein Tyrann, wenn er entsteht, nur aus dieser Wurzel der Volksanwaltschaft und nirgends anderswoher hervorkeimt?
Ja, ganz ohne Zweifel.
Wo ist nun der Anfang seiner Umwandlung aus einem Volksanwalt zu einem Tyrannen? Oder ist der Anfang offenbar da, wenn der Volksanwalt anfängt, dasselbe zu tun, was der Mann in der Fabel tat, die von dem Tempel, des Zeus auf dem Wolfsberg in Arkadien erzählt wird?
Welche denn? fragte er.
Wer menschliches Eingeweide, wenn auch nur ein einziges unter andere von anderen Opfertieren zerhackt war, gekostet habe, dieser werde nach einem unabwendbaren Verhängnisse in einen Wolf verwandelt. Oder hast du von dieser Sage noch nicht gehört?
O ja.
Wer nun dem Volke als Anwalt vorsteht, an ihm eine auf sein Kommando fein merkende Masse unter die Hände bekommt und sich nicht infolge solcher Gewalt des Blutes seiner eigenen (reichen) Mitbürger enthalten kann, sondern, wie es gern die Art solcher Volksmänner ist, bald durch ungerechte Anklagen sie vor die Kriminalgerichte bringt und sich mit Blutschuld befleckt durch Vernichtung von Menschenleben und durch das Kosten des verwandten Blutes mit gottloser Zunge und Lippe, bald Verbannungen und Todesurteile ausspricht, bald Schuldenerlaß und Ackerverteilung predigt: kommt über einen solchen hierauf nicht ebenso die zwingende Notwendigkeit und das unabwendbare Verhängnis, zwischen dem Tode von der Hand seiner Feinde und dem Tyrannenthrone zu wählen und also aus einem Menschen ein Wolf zu werden?
Ja, sagte er, die unabwendbarste Notwendigkeit!
Und dieser, sprach ich, und kein anderer wird sodann das Haupt des Bürgerkrieges gegen die begüterte Klasse?
Ja, kein anderer.
Er muß natürlich hierbei die Stadt räumen; und kehrt er dann trotz seiner Feinde wieder zurück, so ist wohl der Tyrann ausgebrütet?
Ja, offenbar.
Wenn aber nun die Reichen nicht imstande sind, ihn zu vertreiben oder durch eine Kriminalanklage vor der Volksgemeinde um das Leben zu bringen, so schmieden sie dann bekanntlich Pläne, ihn durch gewaltsamen Tod heimlich aus dem Wege zu räumen.
Ja, sagte er, so pflegt es wirklich zu gehen.
Daraufhin das bei allen, die bis zu dieser Stufe kommen, übliche Hervortreten der bekannten Tyrannenbitte: sie erbitten nämlich vom Volk sich einige Leibwächter zum Schutze, damit ihnen doch der Beschützer des Volkes am Leben bleibe!
Ganz richtig, bemerkte er.
Die Leute geben sie ihm, versteht sich, weil sie einerseits wirklich für ihn Besorgnis tragen und andrerseits wegen ihrer Personen und Freiheiten keinen Argwohn hegen.
Richtig.
Wenn nun diesen Moment ein Mann wahrnimmt, der mit Gütern und neben diesen Gütern natürlich auch mit dem Verbrechen behaftet ist, ein "Volksfeind" zu sein, dann wird ein solcher, mein Freund, nach dem dem Kroisos gewordenen Orakel

zum Strom des kiesigten Hermos
Fliehen, er bleibt nicht mehr; nicht schämt er sich, feige zu heißen.

Natürlich, sagte er, denn der würde sich auch nicht zum zweiten Male zu schämen haben!
Ja, sprach ich, wird er nämlich erwischt, da ist er, meine ich, dem Tode verfallen.
Ja, unrettbar!
Jener Herr Volksanwalt dagegen legt sich selbstverständlich nicht groß großmächtig hin, sondern steht nach Niederstreckung vieler anderer Thronkandidaten am Ruder des Staates und ist nun ein Tyrann in seiner Vollendung!
Ja, sagte er, das läßt er erwarten.
Wollen wir nun, fuhr ich fort, verabredetem Plane gemäß die Glückseligkeit des Lebens sowohl des Individuums wie des Staates darstellen, in dem es aufkommen konnte?
Ja, sagte er, allerdings müssen wir das nun.
Nicht wahr, sprach ich, in den ersten Tagen und in den Flitterwochen wirft er aller Welt, wer ihm auch begegnen mag, lächelnde Mienen und Komplimente zu, versichert, gar kein Tyrann zu sein, macht einzelnen wie dem ganzen Gemeinwesen Aussichten auf große Verbesserungen, mildert die Schuldenlast, verteilt Land unter das Volk und unter seine erklärten Anhänger und tut gegen alle huldvoll und sanftmütig?
Ja, notgedrungen, sagte er.
Hat er aber, glaube ich, was die emigrierten einheimischen Feinde anlangt, sich mit einem Teile ausgesöhnt, den anderen vernichtet und Ruhe vor diesen einheimischen Feinden bekommen, so ist dann, denke ich, sein erstes, immer einige Kriege mit dem Auslande zu veranlassen, damit erstlich das Volk eines Anführers benötigt bleibt.
Natürlich.
Nicht wahr, damit auch zweitens die Leute durch Entrichtung der dadurch veranlaßten außerordentlichen Kriegssteuern arm werden und ihre Gedanken auf den Erwerb des täglichen Brotes zu richten gezwungen sind und also ihm weniger gefährlich sein können?

Offenbar.
Damit er drittens, denke ich, unter einem guten Scheingrunde jene sich vom Halse schaffen und dem Schwert der auswärtigen Feinde überliefern kann, von denen er etwa argwöhnt, daß sie mit ihren freien Gesinnungen ihn nicht am Ruder lassen werden?
Muß er nicht aller dieser Gründe wegen beständig Krieg anzetteln?
Ja, notgedrungen.
Muß er nicht bei diesem Treiben sonach unfehlbar in weiterem Kreise den Staatsbürgern verhaßt werden?
Freilich.
Daher werden dann auch wohl sicherlich einige von denen, die ihn mit an das Ruder gebracht haben und Einfluß besitzen, frei mit der Sprache herausrücken, sowohl ihm selbst ins Angesicht als auch unter sich, und gegen die Früchte, die sie jetzt reifen sehen, laut losschlagen, da es Männer sind, die noch einigermaßen das Herz am rechten Flecke haben?
Ja, natürlich, daß sie solche Sprache erheben.
Aus dem Wege räumen muß er also alle diese, der Tyrann, wenn er das Regiment behalten will, bis er in seiner Nähe keinen weder von Freunden noch Feinden übrig hat, der noch etwas taugt.
Offenbar.
Sofort muß er sich eine feine Spürnase anschaffen, wo es sonst noch einen Mann von Mut oder Stolz oder Geist oder Geld gibt; und auf seinem Tyrannenthrone ist er so glücklich, daß ihm sein Schicksal unbedingt gebietet, allen solchen Männern ohne Ausnahme, mag sein Herz wollen oder nicht, den Krieg zu erklären und Schlingen zu legen, bis er den Staat gereinigt hat.
Ja, sagte er, eine schöne Art zu reinigen!
Ja freilich, sagte ich, ganz das Gegenteil von dem, Staatsgeschäften sind, die keinen großen Landbesitz haben, und dieser Teil ist der zahlreichste und zugleich der entscheidendste, wenn er ganz versammelt ist.
Ja, sagte er, das ist er freilich; aber er hat keine sonderliche Lust, eine solche vollständige Versammlung zu bilden, wenn er keine Aussicht hat, Anteil am Honig zu bekommen.
Nun, sagte ich, er bekommt immer, wenn die rädelsführenden Volksführer imstande sind, die besitzende Klasse zu berauben und den Raub unter das Volk so zu verteilen, daß er den größten Teil davon behalten kann.
Ja freilich, sagte er, so bekommt das Volk seinen Anteil.
Die beraubten Reichen werden dann natürlich in die Notwendigkeit versetzt, sich zur offenen Wehr zu setzen, indem sie in der Volksversammlung auftreten und Politik treiben, wie sie können.
Das müssen sie.
Dann werden sie von der Gegenpartei beschuldigt, daß sie die Volkssouveränität stürzen wollten und der Oligarchie zusteuerten, wenngleich sie gar keine Neuerung beabsichtigen.
Ja, so kommt's.
Wenn sie nun sehen, daß das Volk, nicht aus vorsätzlicher Bosheit, sondern aus Unverstand und von ihren anschwärzenden Gegnern betrogen, sie zu plündern sucht, dann werden sie endlich, sie mögen wollen oder nicht, in der Tat oligarchisch gesinnt, nicht aus innerem Antriebe, sondern auch dieses Übel impft jene Drohnenklasse ein durch ihre giftigen Stiche gegen die Begüterten.
Ja, offenbar.
Es erfolgen nun öffentliche Anklagen auf gravierende Staatsverbrechen, Gerichtsprozesse, öffentliche Parteikämpfe.
Jawohl.
Nicht wahr, daher die bekannte Gewohnheit des niederen Volkes, vorzugsweise irgend einen sich als Volksanwalt an seine Spitze zu stellen, ihn dick und mächtig groß zu füttern?
Ja, freilich ist das seine bekannte Gewohnheit.
Dies wäre also, sagte ich, erstlich außer Zweifel, daß ein Tyrann, wenn er entsteht, nur aus dieser Wurzel der Volksanwaltschaft und nirgends anderswoher hervorkeimt?
Ja, ganz ohne Zweifel.
Wo ist nun der Anfang seiner Umwandlung aus einem Volksanwalt zu einem Tyrannen? Oder ist der Anfang offenbar da, wenn der Volksanwalt anfängt, dasselbe zu tun, was der Mann in der Fabel tat, die von dem Tempel, des Zeus auf dem Wolfsberg in Arkadien erzählt wird?
Welche denn? fragte er.
Wer menschliches Eingeweide, wenn auch nur ein einziges unter andere von anderen Opfertieren zerhackt war, gekostet habe, dieser werde nach einem unabwendbaren Verhängnisse in einen Wolf verwandelt. Oder hast du von dieser Sage noch nicht gehört?
O ja.
Wer nun dem Volke als Anwalt vorsteht, an ihm eine auf sein Kommando fein merkende Masse unter die Hände bekommt und sich nicht infolge solcher Gewalt des Blutes seiner eigenen (reichen) Mitbürger enthalten kann, sondern, wie es gern die Art solcher Volksmänner ist, bald durch ungerechte Anklagen sie vor die Kriminalgerichte bringt und sich mit Blutschuld befleckt durch Vernichtung von Menschenleben und durch das Kosten des verwandten Blutes mit gottloser Zunge und Lippe, bald Verbannungen und Todesurteile ausspricht, bald Schuldenerlaß und Ackerverteilung predigt: kommt über einen solchen hierauf nicht ebenso die zwingende Notwendigkeit und das unabwendbare Verhängnis, zwischen dem Tode von der Hand seiner Feinde und dem Tyrannenthrone zu wählen und also aus einem Menschen ein Wolf zu werden?
Ja, sagte er, die unabwendbarste Notwendigkeit!
Und dieser, sprach ich, und kein anderer wird sodann das Haupt des Bürgerkrieges gegen die begüterte Klasse?
Ja, kein anderer.
Er muß natürlich hierbei die Stadt räumen; und kehrt er dann trotz seiner Feinde wieder zurück, so ist wohl der Tyrann ausgebrütet?
Ja, offenbar.
Wenn aber nun die Reichen nicht imstande sind, ihn zu vertreiben oder durch eine Kriminalanklage vor der Volksgemeinde um das Leben zu bringen, so schmieden sie dann bekanntlich Pläne, ihn durch gewaltsamen Tod heimlich aus dem Wege zu räumen.
Ja, sagte er, so pflegt es wirklich zu gehen.
Daraufhin das bei allen, die bis zu dieser Stufe kommen, übliche Hervortreten der bekannten Tyrannenbitte: sie erbitten nämlich vom Volk sich einige Leibwächter zum Schutze, damit ihnen doch der Beschützer des Volkes am Leben bleibe!
Ganz richtig, bemerkte er.
Die Leute geben sie ihm, versteht sich, weil sie einerseits wirklich für ihn Besorgnis tragen und andrerseits wegen ihrer Personen und Freiheiten keinen Argwohn hegen.
Richtig.
Wenn nun diesen Moment ein Mann wahrnimmt, der mit Gütern und neben diesen Gütern natürlich auch mit dem Verbrechen behaftet ist, ein "Volksfeind" zu sein, dann wird ein solcher, mein Freund, nach dem dem Kroisos gewordenen Orakel

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Fliehen, er bleibt nicht mehr; nicht schämt er sich, feige zu heißen.

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