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Platon

Der Staat (Politeia)
Achtes Buch (4)

Natürlich, sagte er, denn der würde sich auch nicht zum zweiten Male zu schämen haben!
Ja, sprach ich, wird er nämlich erwischt, da ist er, meine ich, dem Tode verfallen.
Ja, unrettbar!
Jener Herr Volksanwalt dagegen legt sich selbstverständlich nicht groß großmächtig hin, sondern steht nach Niederstreckung vieler anderer Thronkandidaten am Ruder des Staates und ist nun ein Tyrann in seiner Vollendung!
Ja, sagte er, das läßt er erwarten.
Wollen wir nun, fuhr ich fort, verabredetem Plane gemäß die Glückseligkeit des Lebens sowohl des Individuums wie des Staates darstellen, in dem es aufkommen konnte?
Ja, sagte er, allerdings müssen wir das nun.
Nicht wahr, sprach ich, in den ersten Tagen und in den Flitterwochen wirft er aller Welt, wer ihm auch begegnen mag, lächelnde Mienen und Komplimente zu, versichert, gar kein Tyrann zu sein, macht einzelnen wie dem ganzen Gemeinwesen Aussichten auf große Verbesserungen, mildert die Schuldenlast, verteilt Land unter das Volk und unter seine erklärten Anhänger und tut gegen alle huldvoll und sanftmütig?
Ja, notgedrungen, sagte er.
Hat er aber, glaube ich, was die emigrierten einheimischen Feinde anlangt, sich mit einem Teile ausgesöhnt, den anderen vernichtet und Ruhe vor diesen einheimischen Feinden bekommen, so ist dann, denke ich, sein erstes, immer einige Kriege mit dem Auslande zu veranlassen, damit erstlich das Volk eines Anführers benötigt bleibt.
Natürlich.
Nicht wahr, damit auch zweitens die Leute durch Entrichtung der dadurch veranlaßten außerordentlichen Kriegssteuern arm werden und ihre Gedanken auf den Erwerb des täglichen Brotes zu richten gezwungen sind und also ihm weniger gefährlich sein können?

Offenbar.
Damit er drittens, denke ich, unter einem guten Scheingrunde jene sich vom Halse schaffen und dem Schwert der auswärtigen Feinde überliefern kann, von denen er etwa argwöhnt, daß sie mit ihren freien Gesinnungen ihn nicht am Ruder lassen werden?
Muß er nicht aller dieser Gründe wegen beständig Krieg anzetteln?
Ja, notgedrungen.
Muß er nicht bei diesem Treiben sonach unfehlbar in weiterem Kreise den Staatsbürgern verhaßt werden?
Freilich.
Daher werden dann auch wohl sicherlich einige von denen, die ihn mit an das Ruder gebracht haben und Einfluß besitzen, frei mit der Sprache herausrücken, sowohl ihm selbst ins Angesicht als auch unter sich, und gegen die Früchte, die sie jetzt reifen sehen, laut losschlagen, da es Männer sind, die noch einigermaßen das Herz am rechten Flecke haben?
Ja, natürlich, daß sie solche Sprache erheben.
Aus dem Wege räumen muß er also alle diese, der Tyrann, wenn er das Regiment behalten will, bis er in seiner Nähe keinen weder von Freunden noch Feinden übrig hat, der noch etwas taugt.
Offenbar.
Sofort muß er sich eine feine Spürnase anschaffen, wo es sonst noch einen Mann von Mut oder Stolz oder Geist oder Geld gibt; und auf seinem Tyrannenthrone ist er so glücklich, daß ihm sein Schicksal unbedingt gebietet, allen solchen Männern ohne Ausnahme, mag sein Herz wollen oder nicht, den Krieg zu erklären und Schlingen zu legen, bis er den Staat gereinigt hat.
Ja, sagte er, eine schöne Art zu reinigen!
Ja freilich, sagte ich, ganz das Gegenteil von dem, wie vernünftige Ärzte die Körper der Patienten reinigen: denn diese schaffen das Schlechteste in ihnen fort und schonen das Beste, der Tyrann aber tut das Gegenteil.
Es gebietet's ihm ja offenbar seine Situation, sagte er, wenn er auf seinem Herrscherthrone bleiben will.
In einer sehr glückseligen Situation, fuhr ich fort, steckt also fürs erste der Tyrann, in einer Situation, die ihm die gebieterische Notwendigkeit auflegt, entweder mit der Nichtsnutzigkeit der Masse und sogar auch von dieser gehaßt zu hausen, oder überhaupt nicht zu leben!
Ja, bemerkte er, in solcher Lage steckt er.
Ist nun nicht hiervon die weitere Folge, daß er eine desto zahlreichere und treuere Leibwache bedarf, je verhaßter er seinen Staatsbürgern durch jene Handlungen wird Allerdings.
Welches sind nun die Treuen, und woher soll er sie sich nehmen?
Von selbst, sagte er, kommen gar viele geflogen, wenn er nur den Köder des Soldes aushängt.
Von einer neuen Sorte Drohnen, beim Hunde, sagte ich, scheinst du mir wiederum zu reden, von ausländischem Gesindel aus allerlei Herren Ländern!
Ja, sagte er, das tue ich aus gutem Grunde!
Aber wie? Sollte er nicht lieber in dem Inlande wollen...?
Wie meinst du?
Die Sklaven den Staatsbürgern nehmen, sie mit der Freiheit beschenken und sie zu seinen Leibwächtern erheben.
Ja, sagte er, ganz wohl, denn diese wären ihm noch am treuesten.
Fürwahr, sprach ich, ein schönes Stück von Glückseligkeit zählst du weiter da von einem Tyrannen auf, wenn er die Freundschaft und Treue solcher Früchtchen zu genießen hat, nachdem er jene früheren Freunde beiseite geschafft!
Aber er hat nun einmal, sagte er, nur solche Früchtchen und keine anderen zu genießen!
Und dieser Genuß, sagte ich, besteht natürlich in der Bewunderung von seiten dieser Kameraden sowie in dem Umgang mit den von ihm neugebackenen Staatsbürgern, während die noch ordentlichen Bürger ihn hassen und wie die Pest fliehen?
Warum sollten sie das nicht?
Nun, fuhr ich fort, da wird gar nicht so übel die dramatische Poesie überhaupt, insbesondere der darin sich auszeichnende Euripides als ein Schatzkästlein von Weisheit ausgegeben!
Weshalb denn?
Weil er unter anderem auch folgendes inhaltsschwere Wort ausgesprochen hat: Hochweise seien Tyrannen durch den Umgang mit großen Weisen, und offenbar damit sagen wollte, daß die großen Weisen die Personen wären, mit denen ein Tyrann Umgang pflege!
Ja, sagte er, als göttergleich lobpreist er die Tyrannis, und noch mit andern vielen Phrasen, und das tut er nicht allein, sondern auch die übrigen Dichter!
Ja, sagte ich, das ist eben auch der Grund, warum die Tragödiendichter als hochweise Leute uns und allen überhaupt, die die Politik nach unseren Grundsätzen treiben, gnädigst zu verzeihen haben, daß wir ihnen als Lobpreisern der Tyrannis die Aufnahme in unseren Staat versagen müssen.
Ja, meinte er, ich glaube, sie verzeihen uns gnädigst, wenigstens die feingesitteten von ihnen.
Sie können ja doch, denke ich, in die übrigen Staaten ziehen, da die Pöbelhaufen versammeln, schöne, mächtige und verführerische Schauspielerstimmen engagieren und dadurch zu ihrem Vergnügen die vernünftigen Staatsverfassungen zu Tyranneien und Demokratien herabziehen!
Jawohl.
Nicht wahr, und dazu können sie auch noch Sold und Ehren empfangen, im höchsten Grade, wie natürlich, von Tyranneien, im zweiten von der Demokratie? Je höher aber sie sich in der Stufenleiter der Staatsverfassungen versteigen, desto mehr nimmt ihr Ruhm ab, als wenn er vor Beklemmung nicht fortkommen könnte.
Allerdings.
Doch genug hiervon, sprach ich, wir sind ja von unserem Thema abgekommen! Laß uns wieder zurückkommen auf jene schöne, zahlreiche, buntscheckige und einem immerwährenden Wechsel unterworfene Leibgarde des Tyrannen, und zunächst auf die Frage, woher er sie ernähren werde.
Offenbar, sagte er, wenn Tempelgüter in dem Staate vorhanden sind, so verwendet er diese hierzu, bis wohin sie jedesmal reichen (nach der Mode der Leute, die ihre liegenden Güter zu Gelde machen, um keine Steuern zu bezahlen), und erpreßt daher nur geringe Steuern von dem Volke.
Wie steht's aber, wenn diese geistlichen Güter ausgehen?
Da werden sich offenbar, sagte er, er, seine Zechbrüder, seine Freunde und Freundinnen von dem Vermögen seines "Vaters" ernähren.
Ich verstehe, antwortete ich: das Volk, das ihn erzeugt hat, wird ihn und seine Getreuen dann zu ernähren haben.
Mit der größten ihm unausbleiblichen Notwendigkeit, bemerkte er.
Aber was sagst du dazu? sprach ich weiter. Wenn das Volk sich sträubte und schriee: es sei nicht erlaubt, daß ein zur vollen Reife gekommener Sohn sich von seinem Vater ernähren lasse, vielmehr müsse gerade umgekehrt der Vater vom Sohn ernährt werden; nicht habe es ihn deshalb erzeugt und gehoben, damit es dann, wenn er groß geworden, sein und seiner Sklaven Sklave werde und ihn sowie seine Sklaven nebst anderem Gesindel ernähre: es habe im Gegenteil beabsichtigt, er solle unter seiner Führerschaft es vom Drucke der Geldsäcke und der sogenannten Gutgesinnten befreien; und wenn es infolge der jetzigen Erlebnisse wirklich ihn und seine Getreuen aus dem Staate sich entfernen heißt, gerade wie ein Vater seinen ungeratenen Sohn mit seinen lärmenden Zechbrüdern aus seinem Hause wirft...?
Dann erst werden, bei Zeus, sagte er, dem Volk gründlich die Augen aufgehen, was es für ein Früchtchen erzeugt, geherzt und großgezogen hat, und daß es nun als der schwächere Teil weit Stärkere auszutreiben beabsichtige.
Was sagst du hiermit? fragte ich. Wird denn der Tyrann sich erfrechen, gegen seinen "Vater" Gewalt zu brauchen und, wenn er ihm nicht gehorcht, ihn züchtigen?
Ja freilich, erwiderte er, und zwar nach Entwindung der Waffen!
Für einen Vatermörder, fuhr ich fort, für einen Wüterich gegen hilfloses Alter erklärst du also den Tyrannen, und mit diesem Worte wäre endlich nun die charakteristische Eigenschaft einer entschiedenen Tyrannenstaatsverfassung ausgedrückt! Und das Volk wäre, wie's im Sprichworte heißt, aus Scheu vor dein Rauche einer Dienstbarkeit unter Freien in das Feuer einer Despotie unter Sklavenseelen geraten, hätte statt jenes gehofften herrlichen und weiten Gewandes der Freiheit das gröbste und zwickendste Kleid der Knechtschaft der Sklaven angezogen.
Ja, sagte er, sicher stellen sich diese Früchte ein.
Was nun noch weiter? fragte ich. Wird es eine Ungereimtheit sein, wenn wir behaupten, vollkommen dargestellt zu haben erstlich die Entstehungsweise der Tyrannis aus der Demokratie, zweitens ihre charakteristische Eigenschaft nach ihrer Entstehung?
Ja, erwiderte er, sie sind vollkommen dargestellt.

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