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Seneca Lucius Annaeus

Vom glückseligen Leben
De vita beata

An den Gallio.

I. (1.) Glückselig zu leben, mein Bruder Gallio, wünschen Alle, aber um zu durchschauen, was es sei, wodurch ein glückseliges Leben bewirkt werde, dazu sind sie zu blödsichtig. Und zu einem glückseligen Leben zu gelangen ist eine so gar nicht leichte Sache, daß Jeder sich um so weiter davon entfernt, je rascher er darauf losgeht, wenn er einmal den Weg verfehlt hat; denn führt dieser nach der entgegengesetzten Seite, so wird gerade die Eile der Grund einer immer größeren Entfernung. Man muß daher zuerst vor Augen stellen, was es sei, worauf man sein Streben richtet; sodann hat man sich darnach umzusehen, auf welchem Wege man am schnellsten dazu gelangen könne, indem man schon auf dem Wege selbst, wenn er nur der rechte ist, einsehen wird, wie viel davon täglich zurückgelegt werde und um wie viel näher man dem Ziele gekommen sei, zu dem uns ein natürliches Verlangen hintreibt. (2.) So lange wir freilich überallhin herumschweifen, keinem Führer folgend, sondern dem verworrenen Gelärme und Geschrei der uns nach ganz verschiedenen Seiten hin Rufenden, wird unser so kurzes Leben unter [stetem] Irregehen verfließen, auch wenn wir uns Tag und Nacht um eine richtige Ansicht bemühen. Daher entscheide man sich, sowohl wohin man wolle, als auf welchem Wege, und nicht ohne einen kundigen [Führer], der das, worauf wir zuschreiten, [bereits] erforscht hat, weil hier nicht dasselbe Verhältniß Statt findet, wie bei den übrigen Reisen. Bei jenen lassen uns ein Fußpfad, den man festhält, und Bewohner [der Gegend], die man befragt, nicht irren, hier aber täuscht gerade der betretenste und besuchteste Weg am meisten. (3.) Deshalb haben wir auf Nichts mehr zu achten, als daß wir nicht nach Art des Viehes der Schaar der Vorangehenden folgen, fortwandernd nicht, wo man gehen soll, sondern wo [von Andern] gegangen wird. Und doch verwickelt uns Nichts in größere Uebel, als daß wir uns nach dem Gerede der Leute richten, indem wir das für das Beste halten, was mit großer Zustimmung angenommen ist und wovon wir viele Beispiele haben, und daß wir nicht nach Vernunftgründen, sondern nach Beispielen leben: daher jene gewaltige Zusammenhäufung von Leuten, die Einer über den Andern hinfallen. (4.) Was bei einem großen Menschengedränge der Fall ist, wo das Volk sich selbst drückt, daß Niemand fällt, ohne noch einen Andern sich nachzuziehen und die Vordersten den Folgenden verderblich werden, das kannst du im ganzen Leben sich ereignen sehen: Niemand irrt nur für sich allein, sondern er ist auch Grund und Urheber fremden Irrthums. Denn es ist schädlich, sich den Vorangehenden anzuschließen; und während ein Jeder lieber glauben, als nachdenken will, so wird über das Leben nie nachgedacht; immer glaubt man nur [Andern], und ein von Hand zu Hand fortgepflanzter Irrthum lenkt uns und stürzt uns [in's Verderben]; durch fremde Beispiele gehen wir zu Grunde. (5.) Wir werden geheilt werden, sobald wir uns nur vom großen Haufen absondern; so aber steht der Volkshaufe, der Vertheidiger seines eigenen Verderbens, der Vernunft feindlich gegenüber. Und so geht es denn wie in den Wahlversammlungen, wo sich dieselben Leute darüber verwundern, daß Einer Prätor geworden, die ihn selbst dazu gemacht haben, wenn sich wandelbare Volksgunst gedreht hat. Eben dasselbe billigen, eben dasselbe tadeln wir: das ist der Ausgang eines jeden Gerichtes, wobei nach der Mehrzahl entschieden wird.

II. (1.) Wenn es sich um ein glückseliges Leben handelt, darfst du mir nicht mit jener Aeußerung bei Senatsabstimmungen antworten: »Dieser Theil scheint der größere zu sein«. Denn eben deshalb ist er der Schlimmere. Es steht mit der Sache der Menschheit nicht so gut, daß das Bessere der Mehrzahl gefällt; ein großer Haufe ist ein Beweis vom Schlechtesten. Laß uns daher fragen, was am Besten zu thun sei, nicht was am gewöhnlichsten geschehe, und was uns in den Besitz eines ewigen Glücks setze, nicht was dem großen Haufen, dem schlechtesten Dolmetscher der Wahrheit, genehm sei. Den großen Haufen aber nenne ich eben sowohl die Leute mit Kronen, als die im Flausrock. (2.) Denn ich sehe nicht auf die Farbe der Kleider, womit die Leiber geziert sind; den Augen traue ich nicht [bei einem Urtheil] über den Menschen. Ich habe ein besseres und zuverlässigeres Licht, worin ich das Wahre vom Falschen unterscheiden kann. Des Geistes Werth finde [auch] der Geist auf. Wenn dieser einmal Zeit gewinnt sich zu erholen und in sich selbst zurückzuziehen, o wie wird er, von sich selbst gefoltert, sich die Wahrheit gestehen und fragen: »Alles, was ich bisher gethan, möchte ich lieber ungeschehen wissen; wenn ich an Alles zurückdenke, was ich gesprochen habe, so lache ich über Vieles; Alles, was ich gewünscht habe, dünkt mir ein Fluch von Feinden, Alles, was ich gefürchtet, o ihr guten Götter, wie viel leichter [zu ertragen] war es, als das, was ich wünschte? (3.) Mit Vielen habe ich in Feindschaft gelebt und bin aus dem Hasse, wenn es anders unter Schlechten Freundschaft gibt, wieder zur Freundschaft zurückgekehrt; mir selbst [aber] bin ich noch kein Freund. Ich habe mir alle Mühe gegeben, mich aus der Menge hervorzuheben und durch irgend ein Talent bemerkbar zu machen; was Anderes habe ich davon, als daß ich mich den Geschossen ausgesetzt und dem Uebelwollen gezeigt habe, wo es mich packen könne? Siehst du jene Leute, die deine Beredtsamkeit preisen, deinem Reichthum nachgehen, um deine Gunst buhlen, deine Macht [in den Himmel] erheben? Sie alle sind deine Feinde, oder, was gleich ist, können es sein. Wie groß die Schaar der Bewunderer, so groß ist die der Neider.«

III. (1.) Nun so will ich lieber Etwas suchen, was erprobt gut ist und wovon ich einen Genuß habe, nicht womit ich prunken könne; das, was man anschaut, wovor man stehen bleibt, was Einer dem Andern mit Erstaunen zeigt, das glänzt von Außen, inwendig [aber] ist's elend beschaffen. Laß uns [vielmehr] Etwas suchen, das nicht [blos] dem äußern Scheine nach gut, sondern gehaltvoll, gleichförmig und auf der verborgenen Seite selbst noch schöner ist. Das laß uns ausfindig machen; und es liegt nicht fern; es wird sich finden lassen; nur muß man wissen, wohin man die Hand ausstrecken soll. Jetzt gehen wir wie im Finstern am Naheliegenden vorüber und stoßen just an das an, was wir sehnlich verlangen. (2.) Doch um dich nicht auf Umwegen herumzuschleppen, will ich die Ansichten Andrer übergehen; denn es wäre zu weitläufig sie aufzuzählen und zu widerlegen. Hier hast du die unsrige. Wenn ich aber sage »die unsrige,« so binde ich mich nicht an Einen von den Häuptern der Stoa; auch ich habe das Recht meine Meinung auszusprechen. Daher werde ich dem Einen beipflichten, einem Andern seine Ansicht im Einzelnen entwickeln heißen; vielleicht werde ich auch, nach allen Andern zum Sprechen aufgefordert, Nichts von dem, was meine Vorgänger entschieden haben, verwerfen und [blos] sagen: »Meine Meinung ist außerdem noch folgende.« Inzwischen stimme ich, worin alle Stoiker Eins sind, der Natur bei; von ihr nicht abzuirren und sich nach ihrem Gesetz und Beispiel zu bilden, ist Weisheit. (3.) Glückselig also ist ein Leben, welches mit seiner Natur in Einklang steht; dies aber kann uns nicht anders zu Theil werden, als wenn zuerst der Geist gesund und in beständigem Besitz seiner Gesundheit ist; sodann wenn er kräftig und entschlossen, zudem sittlich rein und geduldig ist, sich den Zeitumständen fügt und für den Körper und alles dazu Gehörige besorgt ist, jedoch ohne Aengstlichkeit; ferner achtsam auf die übrigen Dinge, die zum Leben gehören, ohne Bewunderung irgend eines derselben, bereit die Gaben des Glückes zu benutzen, aber nicht ihnen zu fröhnen. (4.) Du siehst, auch ohne daß ich es hinzufüge, ein, dem müsse [auch] eine beständige Ruhe und Freiheit folgen, da Alles verbannt ist, was uns entweder reizt oder schreckt. Denn an die Stelle der sinnlichen Genüsse und alles dessen, was kleinlich und hinfällig und gerade in seinen Schändlichkeiten unheilbringend ist, tritt eine unendlich große, unerschütterliche und sich gleich bleibende Freude, ferner Friede und Harmonie der Seele und Größe derselben mit Sanftmuth gepaart; alle Rohheit nämlich rührt [nur] aus Schwäche her.

IV. (1.) Der Begriff unseres [höchsten] Gutes läßt sich auch noch anders bestimmen, d.h. der Gedanke bleibt derselbe, wird aber in andere Worte gefaßt. Gleichwie ein und dasselbe Heer bald weiter ausgebreitet, bald in's Enge zusammengezogen, und entweder mit eingebogenem Centrum zu einem Halbkreis formirt, oder in gerader Linie aufgestellt wird, wie es aber auch geordnet sei, seine Kraft und sein Wille für dieselbe Partei zu stehen derselbe bleibt: so kann auch die Begriffsbestimmung des höchsten Gutes bald verbreitert und ausgedehnt, bald zusammengefaßt und eingeschränkt werden. (2.) Es wird also ganz dasselbe sein, wenn ich sage: Das höchste Gut ist eine das Zufällige geringschätzende, ihrer Tugend frohe Seele, oder: eine unüberwindliche Kraft der Seele, voll Erfahrung, ruhig im Handeln, reich an Menschenliebe und Sorge für die, mit denen man lebt. Man mag den Begriff auch so bestimmen, daß man denjenigen Menschen einen glückseligen nennt, dem Nichts ein Gut oder ein Uebel ist, als eine gute oder schlechte Seele, der ein Verehrer des Sittlichguten ist, dem seine Tugend genügt, den Zufälliges weder erhebt noch niederschlägt; (3.) der kein größeres Gut kennt, als was er sich selbst geben kann, dem die Verachtung der Wollust ist. Will man noch weiter schweifen, so kann man eben demselben Begriffe noch eine und die andere Form geben, ohne daß der Sinn verletzt oder beeinträchtigt wird. Denn was hindert uns zu sagen, ein glückseliges Leben sei ein freier, hochgesinnter, unerschrockener und standhafter, über Furcht und Begierden erhabener Geist, für den es nur ein Gut gibt, Sittlichkeit, und nur ein Uebel, Unsittlichkeit? (4.) Alles Uebrige ist ein werthloser Wust von Dingen, die dem glückseligen Leben weder irgend etwas entziehen, noch beifügen, und ohne Vermehrung oder Verminderung des höchsten Gutes kommen und gehen. Wenn dieses eine solche Grundlage hat, dann muß es, mag es wollen oder nicht, ununterbrochne Heiterkeit und hohe und dem Innersten entspringende Freude begleiten, die sich ja [nur] des Ihrigen erfreut und nichts Größeres wünscht, als was [schon] ihr Eigenthum ist. Wie sollte dies nicht die kleinlichen, armseligen und unbeharrlichen Triebe des elenden Körpers reichlich aufwiegen? An dem Tage, wo man dem Sinnengenusse unterliegt, wird man auch dem Schmerze unterliegen.

V. (1.) Du siehst aber, in welch' einer schlimmen und unheilvollen Knechtschaft Einer stehen würde, den Sinnenlust und Schmerzen, die unzuverlässigsten und zügellosesten Herren, abwechselnd in Besitz hätten. Daher muß man sich losringen zur Freiheit; diese [aber] gewährt nichts Anderes, als Gleichgültigkeit gegen das Schicksal. Dann wird jenes unschätzbare Gut erwachsen, eine sicher gestellte Ruhe und Erhabenheit der Seele, eine nach Vertreibung alles Erschreckenden aus der Erkenntniß der Wahrheit entspringende hohe und ungestörte Freude, eine [stete] Freundlichkeit und Heiterkeit des Gemüths; und daran wird es sich erfreuen, nicht als an Gütern, sondern als an Früchten seines eigenen Schatzes. (2.) Weil ich nun einmal [mit Begriffsbestimmungen] freigebig zu sein angefangen habe, [so definire ich weiter]: glückselig kann [auch] der genannt werden, der unter gütiger Leitung der Vernunft weder begehrt, noch fürchtet. Weil auch die Steine ohne Furcht und Traurigkeit sind und ebenso die Thiere, so wird sie doch deshalb Niemand glückselig nennen, da sie keine Erkenntniß ihrer Glückseligkeit haben. Dieselbe Stelle [aber] weise auch den Menschen an, welche ihr Stumpfsinn und ihr Mangel an Selbsterkenntniß der Zahl des Viehes und der Thiere beigesellt. (3.) Es ist kein Unterschied zwischen Diesen und Jenen, weil diese gar keine Vernunft haben, jene aber eine falsche und zu ihrem eignen Schaden und auf verkehrtem Wege erfinderische. Glückselig nämlich kann Niemand genannt werden, der so außer aller Wahrheit steht; ein glückseliges Leben ist also ein auf einem richtigen und sichern Urtheil ruhendes und unveränderliches. Dann nämlich ist die Seele rein und frei von allen Uebeln, wenn sie nicht nur Verletzungen, sondern auch Neckereien entgangen ist, (4.) entschlossen, stets stehen zu bleiben, wo sie einmal Stand gefaßt hat, und ihren Platz auch gegen ein erzürntes und anfeindendes Geschick zu behaupten. Denn was die Sinnenlust betrifft, mag sie sich von allen Seiten her um uns ergießen, auf allen Wegen heranströmen und der Seele mit ihren Reizungen schmeicheln, mag sie ein Mittel nach dem andern anwenden, um unser ganzes Wesen und die einzelnen Theile desselben zu reizen, welcher Sterbliche, an dem nur noch eine Spur vom Menschen geblieben, würde wohl Tag und Nacht gekitzelt sein wollen, um mit Verwahrlosung der Seele dem Körper zu fröhnen?

VI. (1.) »Aber auch die Seele, sagt man, wird doch ihre Genüsse haben.« Mag sie solche haben und Schiedsrichterin über Ueppigkeit und Freudengenüsse sein, mag sie sich anfüllen mit allem dem, was die Sinne zu ergötzen pflegt; darnach mag sie auf das Vergangene zurückschauen und der genossenen sinnlichen Freuden eingedenk über die früheren frohlocken, und nach den kommenden schon begierig verlangen, ihre Hoffnungen ordnen, und während der Körper schon jetzt auf der Mast liegt, ihre Gedanken im Voraus auf das Zukünftige lenken: sie wird mir dann um so elender erscheinen, weil Schlechtes statt Gutem zu wählen Wahnsinn ist. (2.) Weder kann irgend Jemand ohne gesunden Verstand glückselig sein, noch gesunden Verstandes, wenn er nach dem Zukünftigen als nach dem Besten trachtet. Glückselig also ist, wer ein richtiges Urtheil hat, glückselig ist, wer mit dem Gegenwärtigen, wie es auch immer sei, zufrieden und mit seinen Verhältnissen befreundet ist, glückselig ist der, dessen ganze Lage seine Vernunft billigt; er sieht auch, welch' eine schimpfliche Stelle diejenigen dem höchsten Gute angewiesen, die es in jene [sinnlichen Genüsse] setzen. Sie sagen daher, das Vergnügen könne von der Tugend nicht getrennt werden und behaupten, es könne weder Jemand sittlich gut leben, ohne zugleich angenehm, noch angenehm, ohne zugleich sittlich gut zu leben. (3.) Ich begreife nicht, wie man diese so ganz verschiedenen Dinge in Eins zusammenwerfen kann. Warum soll denn, ich bitte Euch, das sinnliche Vergnügen von der Tugend nicht getrennt werden können? Offenbar [sagt ihr], weil jedes Gut seine Quelle in der Tugend hat. [Allerdings] entstammt diesen Wurzeln auch das, was Ihr liebet und verlanget; allein wenn jene Dinge unzertrennlich wären, so würden wir nicht Manches sehen, was angenehm, aber nicht sittlich gut, Manches dagegen, was höchst sittlich, aber unangenehm und [nur] durch Schmerzen zu erringen ist.

VII. (1.) Nimm noch hinzu, daß sinnliche Lust sich auch zu dem schändlichsten Leben gesellt, die Tugend aber ein schlechtes Leben gar nicht zuläßt, und Manche nicht ohne Sinnenlust, ja gerade der Sinnenlust wegen unglücklich sind; was nicht der Fall sein würde, wenn sich mit der Tugend die Sinnenlust verschmolzen hätte, welche der Tugend oft fehlt, ihr aber nie Bedürfniß ist. Warum stellt ihr Unähnliches, ja ganz Verschiedenes zusammen? Die Tugend ist etwas Hohes, Erhabenes, Königliches, Unüberwindliches, Unermüdliches; das sinnliche Vergnügen etwas Niedriges, Sklavisches, Ohnmächtiges, Hinfälliges, dessen Aufenthalt und Heimat Hurenhäuser und Garküchen sind. (2.) Die Tugend wirst du im Tempel finden, auf dem Forum, in der Furie, vor den Mauern stehend, mit Staub bedeckt, von frischer Gesichtsfarbe, mit schwieligen Händen; das sinnliche Vergnügen öfters versteckt und die Finsterniß suchend, um Badehäuser und Schwitzstuben und Orte her, die den Adel fürchten, weichlich, entnervt, von Wein und Salben triefend, bleich oder geschminkt und durch Schönheitsmittel zugestutzt. (3.) Das höchste Gut ist unsterblich, es kann nicht untergehen, es bringt weder Ueberdruß noch Neue mit sich; denn der rechte Sinn wandelt sich nie, noch ist er sich selbst zuwider, und da er der beste ist, hat er auch an sich nie Etwas geändert. Das sinnliche Vergnügen aber erlischt gerade dann, wenn es am höchsten ergötzt; es hat keinen weiten Spielraum; daher füllt es ihn auch schnell aus, verursacht Ueberdruß und ermattet nach dem ersten Anlauf. Auch ist eine Sache nie zuverlässig, deren Natur in [beständiger] Bewegung ist; und so kann auch das nichts Wesentliches sein, was ebenso schnell vorübergeht, als kommt, und während seines Genusses selbst zerrinnt. Denn es gelangt zu dem Punkte, wo es aufhören muß, und indem es beginnt, deutet es [schon] auf sein Ende hin.

VIII. (1.) Und haben den Genuß des sinnlichen Vergnügens die Schlechten nicht ebenso wohl als die Guten? auch ergötzen die Lasterhaften ihre Schändlichkeiten nicht weniger, als die Sittlichguten ihre edeln Thaten. Daher schrieben die Alten vor, man solle dem besten, nicht dem angenehmsten Leben nachgehen, so daß das Vergnügen nicht der Führer, sondern der Begleiter einer rechtschaffenen und edeln Gesinnung sein soll. Denn die Natur muß man zur Führerin nehmen; auf sie richtet die Vernunft ihr Augenmerk, bei ihr holt sie sich Rath. Glückselig und naturgemäß leben ist also eins und dasselbe. (2.) Was dies [letztere] heiße, will ich jetzt erklären. [Wir leben also naturgemäß] wenn wir die körperlichen Gaben und was unsrer Natur angemessen ist, sorgfältig und unerschrocken hüten als Etwas, das uns [nur] auf Zeit gegeben und flüchtig ist, wenn wir uns nicht in ihre Sklaverei begeben und nicht etwas unserm Wesen Fremdes uns in seine Gewalt gebracht hat, wenn das, was dem Körper angenehm ist und uns von Außen zukommt, in unsern Augen dasselbe gilt, was im Lager die Hülfsvölker und leichten Truppen. Selbiges mag uns dienen, aber nicht gebieten; nur dann ist es unserm geistigen Wesen von Nutzen. Ein Mann bleibe von Aeußerlichkeiten unverführt und unüberwältigt, nur ein Bewunderer seiner selbst, voll Zuversicht des Herzens, auf beide Fälle gerüstet, und der eigne Bildner seines Lebens. Sein Selbstvertrauen sei nicht ohne Einsicht, seine Einsicht nicht ohne Festigkeit; er halte fest an dem einmal Gutgeheißenen und in seinen Entschlüssen finde keine Aenderung Statt. (3.) Man wird, auch wenn ich es nicht [ausdrücklich] hinzufüge, einsehen, daß ein solcher Mann geregelt und geordnet sein werde und in dem, was er thut, hochherzig und mild zugleich. Eine gesunde Vernunft wird mit seinen Empfindungen verwachsen sein und davon ausgehen, denn er hat nichts Anderes, wovon er bei seinen Handlungen ausgehe, woher er den Antrieb zur Wahrheit nehme und wodurch er zur Rückkehr zu sich selbst veranlaßt werde. Denn auch die das ganze Weltall, [kurz] Alles umfassende, Alles regierende Gottheit richtet zwar ihre Thätigkeit nach Außen, kehrt aber doch im Ganzen von überall her in sich selbst zurück. (4.) Dasselbe soll unser Geist thun, wenn er, seinen Gefühlen folgend, durch dieselben sich auf die Außenwelt gerichtet hat; es sei sowohl ihrer als seiner selbst mächtig. Auf diese Weise wird zugleich eine Macht und Gewalt geschaffen werden, die mit sich selbst in Einklang steht, und jene sichere, in Meinungen, Begriffen und Ueberzeugungen weder sich widersprechende noch schwankende Vernunftansicht hervorgehen. Hat sich diese geordnet, allen Theilen nach in Uebereinstimmung gebracht und, so zu sagen, einen harmonischen Einklang gebildet, dann hat sie das höchste Gut erreicht. (5.) Denn nichts Verkehrtes, nichts Unhaltbares ist mehr übrig, Nichts, wobei [der Mensch] straucheln oder wanken könnte. Dann wird er Alles nach seinem eignen Befehle thun und Nichts wird ihm unerwartet begegnen: sondern Alles, was er thut, wird leicht und rasch und ohne Zögern des Handelnden einen günstigen Ausgang haben. Denn Verdrossenheit und Unschlüssigkeit verräth einen Kampf und Uneinigkeit mit sich selbst. Daher kann man dreist behaupten, das höchste Gut sei Eintracht des Gemüths mit sich selbst. Denn da werden Tugenden vorhanden sein müssen, wo Uebereinstimmung und Einigkeit ist; [nur] die Laster sind in Zwiespalt mit einander.

IX. (1.) »Aber auch du, wendet man ein, pflegt der Tugend nur deshalb, weil du irgend ein Vergnügen von ihr hoffst.« Zuerst wird die Tugend, auch wenn sie ein Vergnügen gewähren wird, doch nicht seinetwegen erstrebt; denn sie gewährt es nicht [allein], sondern sie gewährt es mit, und sie bemüht sich nicht darum, sondern ihre Bemühung wird, obgleich sie etwas ganz Anderes erstrebt, auch dieses mit erreichen. So wie auf dem Felde, das man für die Saat aufgepflügt hat, zwischen dieser auch manche Blumen mit aufwachsen, und man doch nicht dieser Pflänzchen wegen, so sehr sie auch das Auge ergötzen mögen, so viel Mühe aufgewendet hat, (2.) - die Absicht des Säemannes war eine andre, dies ist [nur] hinzugekommen -: so ist auch das Vergnügen nicht der Lohn, noch der Beweggrund der Tugend, sondern eine Zugabe; denn weil es ergötzt, gefällt es, wenn es aber gefällt, so ergötzt es auch. Das höchste Gut liegt in dem Bewußtsein und dem Wesen einer völlig edeln Seele, und wenn diese ihre Aufgabe erfüllt und sich in ihre Grenzen eingeschlossen hat, so ist das höchste Gut vollständig errungen und sie verlangt Nichts weiter. Denn über das Ganze hinaus gibt es Nichts, so wenig als über das Ende hinaus. Daher bist du schon im Irrthum, wenn du fragst, was es sei, weshalb ich nach der Tugend strebe; denn du fragst nach Etwas, das über dem Höchsten stände. (3.) Du fragst, welchen Gewinn ich aus der Tugend ziehen will? Sie selbst; denn sie hat nichts Besseres, sie ist sich selbst ihr Preis. Ist das etwa nicht großartig genug? Wenn ich dir sage: das höchste Gut ist eine unbeugsame Beharrlichkeit, Vorsicht, Schärfe, Gesundheit, Freiheit, Harmonie und Schönheit der Seele, verlangst du dann noch etwas Größeres, worauf jenes alles abzielen müsse? Was erwähnst du mir das sinnliche Vergnügen? Des Menschen Glück suche ich, nicht des Bauches, der beim Vieh und bei Bestien geräumiger ist.

X. (1.) »Du stellst dich, sagt man, als verständest du nicht, was ich sage. Ich behaupte ja, es könne Niemand angenehm leben, wenn er nicht zugleich sittlich gut lebt. Dies aber kann nicht den sprachlosen Thieren begegnen, noch denen, die ihr Glück nach den Speisen abmessen. Klar und offen bezeuge ich, daß das Leben, welches ich ein angenehmes nenne, Niemandem zu Theil werden kann, wenn ihm nicht Tugend beigesellt ist.« Allein wer weiß nicht, daß auch die größten Thoren alle im vollsten Genusse eurer sinnlichen Freuden sind? daß die Schlechtigkeit Ueberfluß an Angenehmem hat und daß die Seele selbst nicht blos schlecht, sondern sogar viele schlechte Arten des Vergnügens verschaffe? (2.) besonders Uebermuth, Selbstüberschätzung und Aufgeblasenheit, die sich über alle Anderen erhebt, und blinde, umsichtlose Vorliebe für das Eigene, zerfließende Weichlichkeit, ausgelassene Freude aus den kleinlichsten und [völlig] kindischen Veranlassungen, ferner Geschwätzigkeit und an Schmähungen sich ergötzenden Stolz, Unthätigkeit und Zerfahrenheit eines trägen, über sich selbst einschlafenden Geistes. (3.)Dies Alles beseitigt die Tugend; sie zupft dich beim Ohre und prüft erst den Weg des Vergnügens, ehe sie es zuläßt, und wenn sie auch Eins und das Andere gebilligt hat, so legt sie doch keinen Werth darauf (genug, daß sie es zuläßt) und ist nicht über den Genuß desselben, sondern über die Mäßigung darin erfreut. Wenn aber die Mäßigung das Vergnügen vermindert, so ist sie ja ein Frevel am höchsten Gut. Du umfassest das Vergnügen, ich beschränke es; du genießest das Vergnügen, ich mache Gebrauch davon; du hältst es für das höchste Gut, ich nicht einmal für ein Gut; du thust Alles des Vergnügens wegen, ich Nichts. Wenn ich sage, daß ich Nichts des Vergnügens wegen thue, so spreche ich dies im Sinne des Weisen, dem du doch allein Vergnügen zugestehst.

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