texte aus philosophie
  und wissenschaft
pinselpark    


  Home
Zum Autor
Sitemap/Inhalt
Vorherige Seite
   
  Suche /Wörterbuch
Forum
Mail
Seite weiterempfehlen

Drucken
Disclaimer
Wichtige Downloads

 

Seneca Lucius Annaeus

Vom glückseligen Leben (2)
De vita beata

XI. (1.) Den aber nenne ich nicht einen Weisen, über welchem noch irgend Etwas steht, geschweige gar das Vergnügen. Wenn er nun aber von diesem eingenommen ist, wie wird er der Anstrengung und Gefahr, der Armuth und so vielen Drohungen, die des Menschen Leben umschwirren, Widerstand leisten? wie wird er den Anblick des Todes, wie den des Schmerzes ertragen? wie das Krachen der Welt und eine solche Menge der heftigsten Feinde? etwa als ein von einem [so] weichlichen Gegner Besiegter? Alles, was das Vergnügen ihm anrathen wird, wird er thun. Ei nun, siehst du nicht, wie Vieles dasselbe anrathen wird? »Es kann, sagt man, nichts Schimpfliches anrathen, weil es der Tugend beigesellt ist.« Nun da siehst du abermals, was für ein höchstes Gut das ist, dem ein Wächter von Nöthen, damit es ein Gut sei. (2.) Wie aber wird die Tugend ein Vergnügen beherrschen können, dem sie nachgeht, da das Nachgehen Sache des Gehorchenden, das Beherrschen aber Sache des Gebietenden ist? Stellest du das hinten hin, was gebietet? Ein vortreffliches Amt aber hat bei Euch die Tugend, das Vergnügen vorher zu kosten! Doch wir werden sehen, ob sich bei denen, welche die Tugend so schmählich behandeln, noch Tugend findet, die doch ihren Namen nicht mehr führen kann, wenn sie ihre Stelle aufgegeben hat. Unterdessen will ich dir, um was es sich ja [eigentlich] handelt, Viele zeigen, die von Vergnügungen umringt sind, auf welche das Glück alle seine Gaben ausgeschüttet hat, und von denen du doch eingestehen mußt, daß sie schlechte Menschen sind. (3.) Betrachte einen Nomentanus und Apicius, welche die Güter der Länder und Meere, wie sie es nennen, zusammenlesen und die Thiere aller Nationen über Tische mustern. Siehe, wie Ebendieselben von ihrem Rosenlager aus nach ihrer Küche blicken, indem sie ihre Ohren an den Tönen des Gesanges, ihre Augen an Schauspielen, ihren Gaumen an Leckerbissen weiden. Mit sanften und linden Wärmemitteln wird ihr ganzer Körper gereizt, und damit unterdessen auch die Nase nicht feiere, so wird der Ort selbst, wo man der Ueppigkeit opfert, mit mancherlei Wohlgerüchen erfüllt. Von diesen wirst du doch gewiß sagen, daß sie im Vergnügen leben, und doch wird ihnen nicht wohl sein, weil sie ihre Freude an Etwas haben, was kein Gut ist.

XII. (1.) »Es wird ihnen allerdings nicht wohl sein, erwidert man, weil so Manches dazwischen kommt, was ihren Geist verwirrt, und einander widersprechende Meinungen ihr Gemüth beunruhigen.« Das gebe ich zu; nichts destoweniger aber werden selbst jene thörichten, unbeständigen und den Stichen der Reue ausgesetzten Menschen großes Vergnügen genießen, so daß man einräumen muß, sie seien ebenso weit von allem Ungemach entfernt, wie von einer Gemüthsverfassung, und daß sie, was den Meisten begegnet, in einem heitern Wahnsinn leben und toll sind unter Lachen. (2.) Die Vergnügungen der Weisen dagegen sind mäßig, bescheiden und fast matt und gedämpft und kaum äußerlich bemerkbar, da sie ja weder herbei gerufen kommen, noch, wenn sie auch von selbst gekommen sind, in besonderm Werthe stehen oder von den sie Genießenden mit irgend welcher Freude empfangen werden; denn sie mischen und schalten sie dem Leben ein, wie Spiel und Scherz unter den Ernst. Mögen sie also aufhören das nicht Zusammenpassende zu verbinden und in die Tugend Vergnügen zu verflechten, durch welchen Fehler sie [nur] den Schlechtesten schmeicheln. Jener, der sich in Vergnügungen stürzt, immer rülpsend und berauscht, glaubt, weil er in vergnügen zu leben versteht, auch in Tugend zu leben; denn er hört ja, das Vergnügen lasse sich von der Tugend nicht trennen; dann gibt er seinen Lastern den Titel der Weisheit und bekennt sich laut zu Dingen, die er verbergen sollte. So führen sie denn ihr üppiges Leben, nicht vom Epikur veranlaßt, sondern den Lastern ergeben, verstecken sie ihre Ueppigkeit im Schooße der Philosophie und laufen dahin zusammen, wo sie das Vergnügen preisen hören. (4.) Und man schätzt den Werth jenes Vergnügens des Epikur (denn wahrhaftig so denke ich) nicht [berücksichtigend], wie nüchtern und trocken es sei; sondern zu seinem Namen eilt man herbei, indem man für seine Lüste irgend einen Schirm und Schleier sucht. So verlieren sie auch noch das einzige Gute, was sie bei ihrer Schlechtigkeit hatten, die Scheu zu sündigen. Denn [nun] loben sie das, worüber sie erröthen sollten, und rühmen sich des Lasters; und daher kann sich auch die Jugend nicht wieder aufraffen, da der schändliche Müßiggang einen ehrbaren Titel bekommen hat.

XIII. (1.) Das ist der Grund, warum jenes Lobpreisen des Vergnügens verderblich ist, weil sich nämlich die sittlich guten Vorschriften im Innern [der Lehre] verbergen, das Verführerische aber [Allen] sichtbar ist. Ich nun bin der Meinung (die ich, auch wenn es meinen Genossen nicht recht sein sollte, hier aussprechen will), daß Epikur reine und richtige Vorschriften ertheilt, ja, wenn man näher hinzutritt, sogar strenge; denn jenes Vergnügen kommt auf etwas sehr Kleines und Winziges hinaus und dasselbe Gesetz, das wir für die Tugend aufstellen, stellt er für das Vergnügen auf. (2.) Er befiehlt, daß es der Natur gehorche; was aber der Natur genügt, ist für die Ueppigkeit viel zu wenig. Wie steht es also? Jeder, der träge Muße und abwechselnde Genüsse des Gaumens und der Wollust Glückseligkeit nennt, suchte für eine schlechte Sache einen guten Gewährsmann, und während er, von einem schmeichelnden Namen angezogen, zu ihm kommt, geht er dem Vergnügen nach, nicht dem, von welchem er [sprechen] hört, das er [schon] mitbrachte; und hat er einmal angefangen zu glauben, seine Laster stimmten zu den Lehren, so fröhnt er ihnen nicht [mehr] schüchtern noch geheim; nein er schwelgt von da an mit frei erhobenem Haupte. Daher sage ich nicht, wie die Meisten der Unsrigen, Epikur's Schule sei eine Lehrerin schändlicher Handlungen, sondern das sage ich: sie steht in einem schlechten Rufe, sie ist verschrieen, doch mit Unrecht. (3.) Wer kann das wissen, als ein völlig Eingeweihter? Schon das Aeußere selbst gibt Veranlassung zum Gerede und veranlaßt zu schlimmen Erwartungen. Es ist gerade so, wie ein tapferer Mann in ein Frauenkleid gesteckt. Wenn du dir gleich bleibst, so ist [der Glaube an] die Wahrheit deiner Keuschheit gerettet; nie gibst du deinen Körper der Entehrung Preis, aber [dennoch] führst du in der Hand das Tambourin. Wähle man also einen ehrbaren Namen und eine Aufschrift, die selbst [schon] das Gemüth anregt die Laster wegzutreiben, welche sogleich entnerven, wenn sie angezogen kommen. (4.) Jeder, der zur Tugend hingetreten ist, gibt Hoffnung auf eine edle Natur, wer [aber] dem sinnlichen Vergnügen nachgeht, der erscheint als ein entnervter, gebrochner, entarteter Mann, der [gewiß] dem Schandbaren verfallen wird, wenn ihm nicht Jemand den Unterschied der Vergnügungen auseinandersetzt, damit er erfahre, welche davon innerhalb der Schranken des natürlichen Verlangens stehen bleiben, und welche kopfüber stürzen und kein Ziel finden, sondern um so unersättlicher werden, je mehr ihnen gewährt wird. Wohlan denn, die Tugend gehe uns voran: dann wird jeder Schritt ein sichrer sein. Auch schadet übertriebenes Vergnügen: bei der Tugend aber ist nichts zu befürchten, daß irgend Etwas übertrieben sei, weil das Maß in ihr selbst liegt. Das ist kein Gut, was durch seine eigne Größe zu leiden hat.

XIV. (1.) Was ferner kann denen, die eine auf Vernunft gegründete Natur empfangen haben, Besseres geboten werden, als die Vernunft? Und wenn dir diese Verbindung lieb ist, [wenn es dir gefällt, in dieser Begleitung den Weg zu einem glückseligen Leben zu wandeln], so gehe die Tugend voran, das Vergnügen [aber] begleite dich und umschwebe den Körper, wie der Schatten. Die Tugend, das Erhabenste von Allem, dem Vergnügen als Magd dahinzugeben, ist Sache eines Menschen, dessen Geist nichts zu fassen vermag. Die Tugend sei [stets] voran, sie trage die Fahne: wir werden nichts desto weniger Vergnügen haben, aber Gebieter und Regierer desselben sein; es wird durch Bitten Einiges von uns erlangen, aber Nichts erzwingen. (2.) Diejenigen jedoch, welche dem Vergnügen die erste Stelle eingeräumt haben, entbehren Beides; denn die Tugend lassen sie fahren, das Vergnügen aber haben nicht sie, sondern das Vergnügen hat sie selbst, und sie werden entweder durch Mangel daran gequält, oder durch Ueberfluß erstickt. O die Unglücklichen, wenn sie davon verlassen, die noch Unglücklicheren, wenn sie damit überschüttet werden! so wie die in ein Meer voll Untiefen Gerathenen bald auf dem Trocknen sitzen bleiben, bald auf reißenden Wogen hin und her treiben. (3.) Dies aber begegnet bei zu großem Mangel an Mäßigung und Vorliebe für etwas Eiteles; denn für den, welcher Schlechtes statt Gutem erstrebt, ist es gefährlich es zu erreichen. Wie wir auf wilde Thiere mit Anstrengung und Gefahr Jagd machen und selbst, wenn sie gefangen, ihr Besitz eine mißliche Sache ist (denn oft zerfleischen sie ihre Herzen): so pflegen die, welche großes Vergnügen haben, in großes Uebel zu gerathen und die erjagten Vergnügungen haben sie gefangen genommen. Je zahlreicher und größer diese sind, desto kleiner und desto Mehrer Sklav ist der, welchen der große Haufe glücklich nennt. (4.) Ich will noch länger bei diesem Bilde verweilen. Gleichwie der [Jäger], welcher die Lagerstätten des Wildes aufspürt, und hohen Werth darauf legt, »das Wild in der Schlinge zu fahn« und »rings mit Hunden den mächtigen Forst zu umstellen« um ihrer Spur zu folgen, wie er das Wichtigere im Stich läßt und vielen Geschäften entsagt: so setzt der, welcher dem Vergnügen nachjagt, alles [Andere ihm] nach, und achtet vor Allem seine Freiheit nicht, sondern bringt sie dem Bauche zum Opfer, und erkauft sich nicht Vergnügungen, sondern verkauft sich an sie.

XV. (1.) »Was jedoch hindert, sagt man, Tugend und Vergnügen zu verschmelzen und so das höchste Gut zu schaffen, daß Eins und Dasselbe zugleich sittlich gut und angenehm sei?« - Weil ein Theil der sittlichen Vollkommenheit selbst nicht anders, als sittlich gut sein kann, und höchste Gut die ihm eigenthümliche Reinheit nicht besitzen wird, wenn es Etwas an sich bemerkt, was dem Edleren unähnlich ist. Nicht einmal die Freude, welche aus der Tugend entspringt, bildet, obgleich sie etwas Gutes ist, einen Theil des an und für sich Guten, ebenso wenig, als Fröhlichkeit und Ruhe der Seele, auch wenn sie aus den schönsten Ursachen hervorgehen. (2.) Dies sind nämlich allerdings Güter, aber solche, die aus dem höchsten Gute entspringen, nicht aber dasselbe ausmachen. Wer aber eine Verschmelzung von Tugend und Vergnügen bewirkt und nicht einmal zu gleichen Theilen, der stumpft durch die Gebrechlichkeit des einen Gutes auch alle Lebenskraft, die sich im andern findet, ab und bringt die Freiheit, die nur dann unüberwindlich ist, wenn sie Nichts kennt, das größeren Werth hat, als sie selbst, in Sklaverei. Denn - was eben die äußerste Knechtschaft ist - das Glück fängt an ihr zum Bedürfniß zu werden; die Folge davon ist ein ängstliches, verdachtvolles, vor Zufällen zitterndes und bebendes Leben; jeder Augenblick ist voll banger Erwartung. (3.) Da gibst du der Tugend keinen festen, unerschütterlichen Grund und Boden, sondern heißest sie auf einem wandelbaren Standpunkt stehen. Was aber ist so wandelbar, als die Erwartung des Zufälligen und die Veränderlichkeit des Körpers und der auf ihn einwirkenden Dinge? Wie kann Einer der Gottheit gehorchen und Alles, was ihm auch begegnen mag, mit ruhigem Gemüth aufnehmen, ohne bei günstiger Auslegung der ihn treffenden Unfälle über sein Geschick zu klagen, wenn er durch die leisesten Berührungen von Freuden und Leiden erschüttert wird? Aber nicht einmal ein guter Beschützer und Vertheidiger seines Vaters, noch ein Beschirmer seiner Freunde kann er sein, wenn er [blos] den Vergnügungen nachhängt. (4.) Daher muß das höchste Gut sich auf einen Punkt erheben, von wo es durch keine Gewalt herabgezogen werden kann, wohin weder der Schmerz, noch die Hoffnung, noch die Furcht Zutritt hat, noch irgend Etwas, was das Recht des höchsten Guts beeinträchtigen könnte. Dahin aber kann sich einzig und allein die Tugend erheben; [nur] durch Schritthalten mit ihr muß jene Anhöhe bewältigt werden; sie wird mannhaft stehen und was auch kommen mag, nicht blos duldend, sondern selbst willig ertragen, und überzeugt sein, daß jede schwierige Lage ein Naturgesetz sei. (5.) Und wie ein braver Soldat seine Wunden ertragen, seine Narben aufzählen und von Pfeilen durchbohrt noch sterbend den Feldherrn lieben wird, für den er fällt: so wird er jenes alte Gebot im Herzen tragen: folge der Gottheit. Wer aber klagt und weint und seufzt, wenn er das Befohlene thun soll, der wird dennoch durch Gewalt dazu gezwungen und wider Willen zur [Ausführung] der Befehle fortgerissen. Ist es aber nicht Unsinn, sich lieber hin schleppen zu lassen, als willig zu folgen? (6.) Wahrlich, eben so, wie es Thorheit und Verkennung seiner Lage ist, zu trauern, wenn dir etwas Härteres zustößt, oder wenn du dich verwunderst und unwillig bist, daß du ertragen sollst, was Guten wie Schlechten begegnet, ich meine Krankheiten, Todesfälle, Gebrechlichkeit und was sonst Widerwärtiges in's menschliche Leben eindringt. Alles, was nach der Einrichtung des Weltalls zu erdulden ist, laß uns mit hohem Geiste auf uns nehmen; wir sind ja zu dem Schwure verpflichtet worden, das Loos der Sterblichen zu ertragen und uns durch das nicht in Verwirrung setzen zu lassen, was zu vermeiden nicht in unserer Macht steht. Wir sind in einem Königreiche geboren: der Gottheit zu gehorchen, ist Freiheit.

XVI. (1.) Also in der Tugend liegt die wahre Glückseligkeit. Welchen Rath nun wird dir diese Tugend ertheilen? Daß du Nichts für ein Gut oder für ein Uebel halten sollst, was dir weder durch Tugend, noch durch Lasterhaftigkeit zu Theil werden kann; sodann, daß du unerschütterlich seiest, selbst einem aus dem Guten hervorgehenden Uebel gegenüber, daß du dich, so weit dies erlaubt ist, der Gottheit nachbildest. Was [aber] verheißt sie dir für dies Unternehmen? Etwas ungemein Großes und Göttergleiches. Du wirst zu Nichts gezwungen werden; du wirst keines Menschen bedürfen; du wirst frei, sicher, schadlos sein; Nichts wirst du vergebens versuchen, an Nichts wirst du verhindert sein; Alles wird dir nach Wunsch gelingen, nichts Widerwärtiges wird dir begegnen, Nichts gegen deine Erwartung und deinen Wunsch. (2.) Wie also? Genügt die Tugend, um glückselig zu leben? Warum sollte sie, die vollendete und göttliche, nicht genügen, ja mehr als genug sein? Denn was kann dir, der über jedes Verlangen hinaus ist, fehlen? was braucht der von Außen, der alles Eigenthum in sich selbst gesammelt hat? Dennoch ist dem, der nach der Tugend strebt, wenn er auch schon weit vorgeschritten ist, manche Gunst des Schicksal nöthig, da er noch mit menschlichen Verhältnissen ringt, bis er einmal jenen Knoten und jede Fessel der Sterblichkeit löst. Worin also besteht der Unterschied? Darin, daß Einige angebunden, Andere gefesselt, Andere auch noch geknebelt sind. Wer nach Oben emporgedrungen ist und sich höher erhoben hat, trägt, zwar noch nicht frei, aber doch schon so gut als frei zu achten, [nur] eine schlaffe Kette.

XVII. (1.) Da möchte nun Einer von denen, welche die Philosophie anbellen, wie sie zu thun pflegen, sagen: »Warum also sprichst du denn kräftiger, als du lebst? Warum ordnest du dich in deinen Worten einem Vornehmeren unter, achtest das Geld für ein dir nothwendiges Mittel, wirst durch einen Verlust beunruhigt, vergießest bei der Nachricht vom Tode deiner Gattin oder eines Freundes Thränen, achtest auf den Ruf und lässest dich durch boshafte Reden anfechten? (2.) Warum ist dein Feld besser angebaut, als es das natürliche Bedürfniß erheischt? warum speisest du nicht nach deiner eigenen Vorschrift? warum hast du glänzenden Hausrath? warum wird bei dir Wein getrunken, der älter ist, als du selbst? wozu wird er nach Jahrgängen geordnet? wozu werden Bäume gepflanzt, die Nichts als Schatten geben werden? warum trägt deine Frau das ganze Vermögen eines wohlhabenden Hauses an ihren Ohren? warum ist deine Dienerschaft in so kostbare Kleider gehüllt? warum ist es eine Kunst, bei dir aufzuwarten, und warum wird das Silbergeräth nicht so zufällig und wie es gerade beliebt, aufgestellt, sondern [bei Tische] kunstgerecht aufgewartet? und warum gibt es [bei dir] einen Meister in der Kunst das Fleisch zu zerlegen?« (3.) Füge, wenn du willst, noch hinzu: »Warum hast du Besitzungen jenseits des Meeres? warum mehr, als du kennst? Zu deiner Schande bist du entweder so nachlässig, daß du deine wenigen Sklaven nicht kennst, oder so verschwenderisch, daß du eine größere Anzahl hast, als daß dein Gedächtniß ausreichte, sie zu kennen.« Ich will dir [selbst] später noch helfen; ich will mir [selbst] Vorwürfe machen, und mehr, als du glaubst: für jetzt antworte ich dir [nur] Folgendes: Ich bin kein Weiser und - um deinem Uebelwollen noch Nahrung zu geben - werde es auch nie sein. (4.) Fordere also von mir nicht, daß ich den Besten gleich sei, sondern [nur] besser, als die Schlechten. Das ist mir [schon] genug, wenn ich täglich Etwas von meinen Fehlern ablege und mir meine Verirrungen vorwerfe. Ich bin noch nicht zur Gesundheit gelangt und werde auch nicht dazu gelangen; ich bereite mir mehr Linderungs- als Heilmittel für mein Podagra, zufrieden damit, wenn es mich seltener befällt und weniger sticht. Freilich mit eurem Fußwerk verglichen bin ich Gebrechlicher [noch] ein Läufer.

XVIII. (1.) Das spreche ich nicht in meinem Namen, denn ich treibe [noch] auf dem Meere aller Laster; sondern im Namen eines Solchen, der schon Etwas ausgerichtet hat. »Anders, sagt man, sprichst, anders lebst du.« Dies, ihr böswilligen und gerade den Trefflichsten am feindlichsten gesinnten Menschen, hat man dem Plato, dem Epikur, dem Zeno vorgeworfen. Denn diese alle sprachen ja nicht davon, wie sie selbst lebten, sondern wie man leben sollte. Von der Tugend spreche ich, nicht von mir, und wenn ich die Laster schmähe, so schmähe ich zuerst meine eigenen: wenn ich es im Stande sein werde, werde ich schon so leben, wie man soll. (2.) Und jene tief in Gift getauchte Böswilligkeit soll mich nicht von dem Trefflichsten abschrecken; selbst jenes Gift, womit Ihr Andere bespritzet, Euch [selbst aber] tödtet, soll mich nicht hindern fortzufahen ein Leben zu preisen, nicht wie ich es führe, sondern wie ich weiß, daß es geführt werden müsse, noch der Tugend, wenn auch in gewaltigem Abstande, wankend nachzugehen. (3.) Soll ich denn etwa erwarten, daß irgend Etwas von der Böswilligkeit unangetastet bleibe, welcher weder ein Rutilius noch ein Cato heilig war? Warum sollte nicht Leuten, denen [selbst] der Cyniker Demetrius nicht arm genug ist, Jemand allzu reich vorkommen? Der äußerst strenge Mann, der gegen alle Bedürfnisse der Natur kämpfte, der ärmer war, als alle übrigen Cyniker, weil er, wenn er sich Etwas zu besitzen versagte, es sich auch zu wünschen verbot, der, sagen sie, sei nicht arm genug gewesen. Siehst du wohl? er ist nicht [nur] als Lehrer der Tugend, sondern [auch] der Armuth aufgetreten.

XIX. (1.) Man sagt, Diodorus, ein Epikurischer Philosoph, der vor wenigen Tagen seinem Leben mit eigener Hand ein Ende machte, habe nicht nach Epikur's Grundsätzen gehandelt, als er sich die Kehle abschnitt. Die Einen wollen seine That für Wahnsinn angesehen wissen, die Andern für Unbesonnenheit. Er indessen hat glückselig und voll guten Gewissens, als er vom Leben schied, sich selbst ein Zeugniß ausgestellt und die Ruhe eines im Hafen und vor Anker liegend geführten Lebens gepriesen, indem er - was Ihr ungern hört, als müßtet ihr es auch so machen - sagte:
Nun denn, ich habe gelebt und die Bahn des Geschickes vollendet.

(2.) Ihr schwatzet über das Leben des Einen und über den Tod des Andern und bellt den Namen großer, durch irgend ein außerordentliches Lob ausgezeichneter Männer an, wie kleine Hunde, wenn ihnen unbekannte Leute in den Weg kommen. Denn es kommt Euch zu statten, wenn Niemand als gut erscheint, als ob fremde Tugend ein Vorwurf für eure Vergehungen wäre. Neidisch stellt Ihr das Strahlende neben Euern Schmutz und sehet nicht ein, mit welchem Nachtheil für Euch Ihr Solches wagt. Denn wenn die, welche der Tugend folgen, habsüchtig, wolllüstig, ehrgeizig sind, was seid dann Ihr, denen sogar der Name der Tugend verhaßt ist? Ihr behauptet, es leiste Keiner das, was er anpreise, und es lebe Keiner nach dem Muster seiner Reden. (3.) Was Wunder, da sie von heldenmüthigen, ungeheuern, alle Stürme des Menschenlebens überdauernden Thaten sprechen? da sie sich von dem Kreuze loszumachen streben, in welches Jeder von Euch selbst seine Nägel einschlägt? Zum Tode geschleppt, hängt doch Jeder von ihnen nur an einem Pfahle. Diejenigen aber, die selbst Strafe über sich verhängen, sind an eben so vielen Kreuzen ausgespannt, als Leidenschaften an ihnen zerren; und ihre bösen Zungen sind beim Lästern Anderer sehr witzig. Ich möchte glauben, sie würden das bleiben lassen, wenn nicht Manche noch vom Galgen herab die Zuschauer anspuckten.

XX. (1.) Die Philosophen leisten nicht, was sie vortragen. Viel jedoch leisten sie [schon dadurch], daß sie es vortragen, daß sie das Sittlichgute im Geiste erfassen. Denn freilich wenn sie ganz dem gleich handelten, was sie sprechen, was gäbe es dann Glückseligeres, als sie? Inzwischen hat man keinen Grund, treffliche Worte und Herzen voll guter Gedanken zu verachten. Die Betreibung heilsamer Studien ist auch ohne thatsächliche Wirkung zu loben. Was Wunder, wenn die, welche sich an steile Höhen gewagt haben, den Gipfel nicht erreichen? Doch wenn du ein Mann bist, so achte die, welche Großes versuchen, auch wenn sie fallen. (2.) Es ist ein edles Unternehmen, nicht seine Kräfte, sondern die seines Wesens [überhaupt] berücksichtigend Hohes zu wagen, zu versuchen, und im Geiste noch Größeres sich vorzunehmen, als selbst von den mit einem gewaltigen Geiste Ausgerüsteten vollführt werden kann. Wer folgenden Vorsatz fast: »Ich will mit derselben Miene den Tod [mir ankündigen] hören, womit ich ihn [bei Anderen] anschaue; ich will mich Mühsalen, wie groß sie auch sein mögen, unterziehen, den Körper durch den Geist stützend; ich will Reichthümer, sowohl vorhandene, als mir abgehende, auf gleiche Weise verachten, weder traurig, wenn sie wo anders [aufgehäuft] liegen, noch muthiger, wenn sie um mich her schimmern; ich werde es nicht merken, mag das Glück kommen oder entweichen; ich will alle Ländereien als mir, die meinigen als Allen gehörig betrachten; ich will so leben, als wüßte ich, ich sei für Andere geboren, und der Natur dafür danken; (3.) denn auf welche andere Art konnte sie besser für mich sorgen?

zurück

vor